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Wolfsvideo aus Niedersachsen zeigt "unnatürliches" Wolfsverhalten

Finsterwalde. Ein Rudel von fünf Wölfen kommt aus dem Wald heraus. Die Tiere nähern sich einem Traktor, der auf dem Feld steht. Sie gucken neugierig nach dem Fahrzeug, in dem der Fahrer sitzt. Der Traktorist filmt das vor seinen Augen vorüberziehende Wolfsrudel mit seinem Handy. Das Video ist im Elbe-Elster-Kreis aufgenommen worden – behaupten Jäger. Ein Wolfsexperte sagt: Das stimmt nicht. Dieter Babbe

Bei der jüngsten Zusammenkunft der Mitglieder der Hegegemeinschaft Grünhaus sorgte er für ein Hauptgesprächsthema: der Wolf. Jäger zeigten das Video mit dem Rudel, das sich - entgegen jeder Behauptung von Wolfsexperten - ohne Scheu dem Menschen nähert. Günter Rappold, seit zwölf Jahren und bis dahin Vorsitzender der Hegegemeinschaft, die 29 Jagdreviere zwischen Finsterwalde und Bad Liebenwerda umfasst, ist besorgt und mag sich nicht ausdenken: "Was, wenn das Raubtier erstmals einen Menschen anfällt. Wer trägt dann die Verantwortung?" Wo genau das Video mit dem Wolfsrudel aufgenommen wurde, wollen die Jäger öffentlich nicht sagen - "das würde Neugierige in die Gegend locken. Wir haben durch den Wolf ohnehin schon genug Unruhe im Wald", sagen die Jäger. Die beklagen eine Abnahme des Rot- und Rehwildes und eine Bildung von großen Rotten beim Schwarzwild, um sich so besser vor dem Wolf zu schützen. "Wir haben früher 230 Stück Rotwild im Jahr geschossen, im letzten Jagdjahr waren es nur 130 Stück", beklagt Günter Rappold.

"Weder Zeischa, noch Goßmar"

"Ich bestreite die Echtheit des Videos nicht", sagt Dr. Reinhard Möckel, der Wolfsbetreuer des Landesumweltamtes. "Allerdings ist es weder bei Zeischa, noch bei Goßmar aufgenommen worden, wie Jäger behaupten. Ich habe in den Orten genau recherchiert." Möckel kennt das Video - und meint: "Es gibt nur ein einziges Rudel in ganz Deutschland, das sich so unnormal verhält. Das befindet sich auf dem Truppenübungsplatz Munster in Niedersachsen." Hier seien die Wölfe von den Soldaten an den Picknickplätzen angefüttert worden. "Die Tiere wurden ständig mit Essenresten versorgt. So haben sich die Wölfe daran gewöhnt, dass der Mensch keine Gefahr darstellt, der sie ausweichen müssen, sondern sich ihm nähern können. Das ist ein völlig unnatürliches Verhalten, das in der Tat zu gefährlichen Situationen führen kann. Inzwischen hat das Land Niedersachsen Maßnahmen ergriffen, wie die Wölfe abgedrängt werden können. Auf jeden Fall darf nicht mehr gefüttert werden. Die nächste Wolfsgeneration entwöhnt sich wieder vom Menschen."

Reinhard Möckel: "Es bleibt dabei. Der Wolf ist ein scheues Tier, das bei einem Zusammentreffen mit einem Menschen zwar nicht flüchtet, wie ein Reh, aber dem Menschen aus dem Wege geht. Viele Jäger haben noch nie einen Wolf gesehen", sagt Möckel, der selbst auch Jäger ist. Dennoch komme es auch immer wieder mal zur Annäherung, wie im vorigen Jahr im Schradenland. "Hier hat ein Traktorist einen Wolf in etwa 80 Meter Entfernung über den Acker laufen sehen", so Möckel. Ihm seien in den letzten 50 Jahren lediglich zwei, drei weltweit tatsächlich nachgewiesene Zwischenfälle bekannt, wo Wölfe Menschen angegriffen haben - "und das bei Millionen von Wölfen. Jährlich sterben im Schnitt vier Menschen durch Rinder, drei durch Hundebisse und alle zehn Jahre gibt es statistisch einen Todesfall durch ein Wildschwein", erklärt Reinhard Möckel - der versichert: "Die Gefahr, die vom Wolf ausgeht, wird völlig übertrieben." Im Mittelalter seien tatsächlich viele Menschen durch Wölfe gestorben - "allerdings nicht durch den Biss, sondern durch die Tollwut, die sie übertragen haben", stellt Reinhard Möckel fest.

Schütze droht hohe Strafe

Manche Jäger würden nicht nur unbegründet Angst schüren, sagt der Wolfsexperte. Der Ende März bei Wiepersdorf tot aufgefundene Wolf sei vermutlich von einem Jäger erschossen worden", so Möckel, der das Tier geborgen und in das Berliner Leibniz-Institut gebracht hatte. Dort ist der Wolf durch eine Röhre geschoben und gründlich untersucht worden. "Der männliche Altwolf stammt aus dem Rudel Hohenbucko, durch seinen Tod bleibt die Fähe ohne Ernährer." Die Kriminalpolizei ermittelt, ein Ergebnis sei ihm noch nicht bekannt, so Dr. Möckel.. "Wird der Schütze gefunden, drohen ihm eine Geldstrafe von bis zu 50 000 Euro oder zwei Jahre Haft, auf jeden Fall der Verlust seines Jagdscheines", sagt der Wolfsbetreuer.

Zum Thema:
Ein Außergewöhnliches Video: Ein Wolfsrudel guckt neugierig in die Kabine des Traktorfahrers. Im Internet: www.lr-online.de/wolfsrudel Was ein QR-Code ist und wie er funktioniert, erfahren Sie unter www.lr-online.de/qrcode