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| 02:37 Uhr

Wolfsrudel jetzt überall im Elbe-Elster-Kreis

Eine ganz besondere Aufnahme: Erstmals hat der Jäger Reinhard Bock gleich fünf Wölfe des Babbener Rudels mit einer Fotofalle festhalten können.
Eine ganz besondere Aufnahme: Erstmals hat der Jäger Reinhard Bock gleich fünf Wölfe des Babbener Rudels mit einer Fotofalle festhalten können. FOTO: Reinhard Bock
Finsterwalde. Manche jubeln, für andere ist es ein Horror: Der Wolf hat sich inzwischen überall zwischen Elbe und Elster niedergelassen. Sieben Rudel leben im Kreis und über die Grenzen hinaus. Die letzte Lücke wird jetzt mittendrin und an der Nahtstelle der drei Altkreise Finsterwalde, Herzberg und Bad Liebenwerda geschlossen. Dieter Babbe

Im Mai vorigen Jahres ist bei Tröbitz das erste Mal ein Wolf gesichtet und von einem Naturfreund sogar fotografiert worden. Bei den herbstlichen Jagden hatten die Jäger Isegrim dann immer wieder mit dem Fernglas beobachtet. Auch wenn ein endgültiger Beleg durch eine der aufgestellten Fotofallen noch fehlt, geht Dr. Reinhard Möckel, der Wolfsexperte des Naturschutzbundes, davon aus, "dass hier ein Wolf nicht nur durchzieht, sondern bereits ansässig ist und bald ein zweiter folgen wird - das ist nur eine Frage der Zeit".

Damit wäre der Elbe-Elster-Kreis lückenlos von Wölfen besiedelt. Die Tiere leben im Schradenland, im Revier Grünhaus, in der Gorisch-, in der Annaburger und in der Babbener Heide, bei Hohenbucko und neuerdings im Gebiet zwischen Hohenleipisch und Dübrichen. Weil Tröbitz in der Mitte des neuen Wolfsreviers liegt, spricht Möckel vom "Tröbitzer Rudel", das sich hier beginnt anzusiedeln.

Wo genau der erste Wolf schon öfters gesichtet wurde, will der Experte nicht sagen - er befürchtet, dass Fotografen das Tier anfüttern, um so gelungene Aufnahmen "schießen" zu können.

Doch eine bewusste Annäherung von Mensch und Wolf soll grundsätzlich verhindert werden. "Ein junger Wolf ist noch neugierig, sucht auch schon mal den Kontakt zum Menschen. Je älter er wird, umso scheuer wird er und geht dem Menschen aus dem Weg. Diese angeborene Scheu muss erhalten bleiben", sagt Möckel - und ergänzt sogleich: "Das heißt nicht, dass der Mensch Angst vor dem Wolf haben muss. Wir stehen nicht auf dem Speisezettel der Wölfe, das Raubtier greift von Natur aus den Menschen nicht an."

Eben das bestreiten manche, vor allem Jäger, und sie "warnen vor Euphorie der Wolfsbefürworter", wie Dietrich Krill vom Herzberger Kreisjagdverband es sagt. Der erfahrene Waidmann will nach allem, was er gelesen und gehört hat, nicht glauben, dass von den Raubtieren keine Gefahr für Menschen ausgeht. Es gebe genug Beispiele dafür, dass Wölfe auch in Europa Menschen getötet hätten, erklärte Krill erst jüngst wieder bei einer öffentlichen Veranstaltung des Seniorenbeirates der Finsterwalder Wohnungsgenossenschaft. "Ernstzunehmende Wissenschaftler sagen: Seid ihr denn verrückt, Wölfe in so dicht besiedelten Gebieten wie bei uns anzusiedeln", sagte Dietrich Krill. Wölfe würden insbesondere dann zu einer Gefahr, wenn sie die Scheu und den Respekt vor Menschen verlören. Das sei dann der Fall, meinten die Wissenschaftler, wenn die Nahrung knapp werde.

Davon könne in der Lausitz und in Südbrandenburg keine Rede sein, entgegnet Reinhard Möckel. "Es ist genug Wild für die Wölfe und für die Jäger da, das auch - mit Ausnahme des Muffelwildes - nicht dezimiert wurde, seit der Wolf bei uns heimisch ist", behauptet der Wolfsexperte. Auch er bestätigt Angriffe des Räubers auf Menschen: So seien 59 Zwischenfälle im halben Jahrhundert von 1950 bis 2000 bekannt geworden. "In 38 Fällen waren die Wölfe tollwütig, fünf Menschen starben nicht am Biss, sondern an der Infektion. In 21 Fällen waren die Wölfe angefüttert oder provoziert worden, vier Menschen starben, alle in Spanien."

Andererseits: In Rumänien leben rund 3000 Wölfe, einige Rudel auch an Stadträndern in von Menschen dicht besiedelten Bereichen. Übergriffe auf Menschen gibt es hier seit vielen Jahrzehnten keine", stellt Möckel fest. Lediglich in den Bergen sei sehr selten mal ein Hirte gebissen, aber nicht getötet worden, wenn er versucht habe, Wölfe zu erschlagen, die in seine Schafherde einfallen und er seinen Hunden zu Hilfe kommen wollte. Bekannt sei lediglich, dass vor wenigen Jahren eine Joggerin in Alaska von einem Wolf getötet worden sei.

Jogger hätten unter den Bedingungen hierzulande vor Wölfen nichts zu befürchten, ebenso könnten Spaziergänger, Beeren- und Pilzsucher völlig bedenkenlos durch unsere Wälder streifen, beruhigt Reinhard Möckel. Allein in Südbrandenburg gebe es 14 Wolfsvorkommen, nur im Spreewald habe sich bisher noch kein Rudel angesiedelt, im ganzen Bundesland leben insgesamt etwa 100 Wölfe.

Die Zahl der Rudel wird sich im Elbe-Elster-Kreis nicht weiter erhöhen, auch die Zahl der Wölfe nicht, sie variiere lediglich je nach der Zahl der Welpen. Die würden dann mit ihrer Geschlechtsreife vom Rudel ausgestoßen und müssten das Revier verlassen, erklärt Möckel. Mit zunehmender Wolfsdichte nehme die Zahl der gerissenen Nutztiere ab -"die Halter stellen sich immer besser auf den Wolf ein und schützen ihre Tiere", erklärt er. Möckel vergleicht: In den vergangenen zehn Jahren seien lediglich vier Kälber von Wölfen gefressen worden, "in der Zeit sind aber 11 000 tote Kälber zu den Tierkörperbeseitigungsanlagen gebracht worden".

Im Dezember des vergangenen Jahres ist dem Birkwalder Jäger Reinhard Bock, der sein Revier mitten im Wolfsgebiet hat, wieder ein bisher einzigartiger Schnappschuss gelungen. An einem Vormittag gingen ihm gleich fünf Wölfe in die Fotofalle. "Es handelt sich um Tiere des Babbener Rudels", erklärt Reinhard Möckel. "Die Aufnahme ist der erste Beleg dafür, dass das Rudel mindestens zwei gesunde Junge hat."

Im vorigen Jahr waren Wölfe des Rudels von der Räude befallen.

Zum Thema:
Auf der Rangliste der gefährlichen Tiere in Deutschland steht das Rind auf Platz eins. Im Jahre 2014 habe es vier Todesfälle gegeben, in den USA sogar 22, sagt Reinhard Möckel. Drei Menschen starben nach seinen Angaben an den Folgen von Hundebissen, und in zehn Jahren habe es einen Todesfall durch ein Wildschwein gegeben. "2014 gab es mindestens 25 Tote bei Jagdunfällen und durch die Schusswaffen von Jägern", sagt der Jäger Reinhard Möckel.