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| 12:27 Uhr

Wohmann: Persönlich fassbare Geschichte ist wichtig

Viele Finsterwalder Heimatfreunde ließen sich das Symposium nicht entgehen.
Viele Finsterwalder Heimatfreunde ließen sich das Symposium nicht entgehen. FOTO: Dietmar Seidel
Finsterwalde. Nicht zufällig war der Tagungsort gewählt. Das große Ausstellungsprojekt ,,Juden in der Niederlausitz", am Mittwoch im Kreismuseum eröffnet, führte die Niederlausitzer Gesellschaft für Geschichte und Landeskunde nach Finsterwalde, um gemeinsam mit der Landeszentrale für Politische Bildung, dem Cottbuser Schulamt und dem Kreismuseum ein Symposium zum Thema mit Regionalforschern, Lehrern und interessierten Bürgern durchzuführen. Von Jürgen Weser

Judenvertreibung und Judenverfolgung sind ,,ein schwarzer Fleck auch in der Geschichte der Stadt Finsterwalde", bekräftigte Bürgermeister Johannes Wohmann in seinem Grußwort. Deshalb sei die eröffnete Ausstellung im Museum mit ,,persönlich fassbarer Geschichte" auch so wichtig. Er hoffe, dass besonders Schulen diese Möglichkeit wahrnehmen. Indem er erinnerte, dass am Tagungsort, dem ehemaligen Realgymnasium, bis 1929 Dr. Martin Deutschkron als jüdischer Lehrer gelehrt hatte, bot er einen ganz konkreten Bezug zum Thema. Die Tagung stellte in Vorträgen die Themenbereiche vor, die auch in der Finsterwalder Ausstellung erfahrbar gemacht werden: jüdische Geschichte in Cottbus, das Calauer Familienhaus, die Vorbereitungslager für die Emigration von jüdischen Kindern, die Arisierung der Ilse-Bergbau-Gesellschaft und die Rolle des ehemaligen Finsterwalder Bürgermeisters Otto Ostrowski. Nach der Eröffnung der Tagung durch Steffen Krestin galt jedoch zunächst Finsterwalde die Aufmerksamkeit. Dr. Rainer Ernst, Museumsleiter und profunder Kenner der Materie, stellte die ,,Geschichte der Finsterwalder Juden" als exemplarisch für die Niederlausitz dar. Schon 1988, als das Thema der jüdischen Geschichte in der DDR eine größere Rolle zu spielen begann, hatte Dr. Ernst mit einer Artikelserie in der Lausitzer Rundschau den Grundstein für die jetzigen Forschungsergebnisse gelegt. Jedoch, so der Referent, sei es erst nach der Wende möglich gewesen, mit Zeitzeugen und Verwandten der Betroffenen in Kontakt zu kommen. Dr. Ernst schlug den Bogen jüdischer Geschichte von 1819 bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Da gab es keine Juden mehr in Finsterwalde: verjagt, vertrieben, ihres Vermögens und Besitzes beraubt – als Ergebnis der im November 1938 im ,,Niederlausitzer Anzeiger" verkündeten Parole ,,Finsterwalde will keine Juden mehr!". Der erste Jude, der nach der Aktenüberlieferung in Finsterwalde ansässig werden wollte, war 1819 Moses Simon Isaack. Die ,,Ertheilung des Bürgerrechts" wurde ihm auf der Grundlage eines sächsischen Mandats von 1746 verwehrt wie auch nachfolgenden Antragstellern. Bürgermeister Junker will auch später ,,jüdische Unterwanderung" verhindern. Juden sind nur dann willkommen, wenn sie dringend gebraucht werden, wie der ,,practische Wundarzt" Dr. Saloman Ephraimson 1834. Dr. Ernst verwies darauf, dass 1847 die formale Gleichstellung der jüdischen Bürger erfolgte. So zählt die Stadt Finsterwalde 1857 bereits 30 jüdische Mitbürger. Mit anerkannten Finsterwalder Namen führte der Museumsleiter durch die jüdische Geschichte: Kaufmann Georg Burgheim (übrigens geschätzter Präsident des Kriegervereins), dessen Tochter als bekannte Ärztin, Rechtsanwalt Heilborn, die Kaufmannsfamilie Galliner, die Deutschkrons. Über das religiöse Leben, so Dr. Ernst, sei wenig bekannt, die nächste Jüdische Gemeinde befand sich in Cottbus. Allerdings wurde von Kaufmann Rosenberg ein jüdischer Friedhof in Finsterwalde durchgesetzt, der pikanterweise erst nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand. Gedankenlosigkeit oder auch politisches Kalkül?, fragte der Referent. Es gab ja keine Juden mehr in Finsterwalde. Die waren alle vertrieben worden. Gegen den Boykott des Kaufhauses Galliner begehrten Finsterwalder 1933 noch auf, 1938 fand der Aktionstag ,,Kampf den Juden", wie ein Fotodokument zeigt, breite Zustimmung. Die einst in der Bürgerschaft respektierten Juden waren zu Unpersonen geworden oder schon nicht mehr da und zumeist ihres Eigentums beraubt, wie Dr. Ernst am Beispiel von Frau Dr. Burgheim darstellte. Wie konnte es dazu kommen?Service Ausstellung und Buch Wer sich genauer über die Geschichte der Juden in der Niederlausitz informieren möchte, sollte die gleichnamige Ausstellung im Finsterwalder Kreismuseum besuchen. Außerdem enthält das soeben erschienene Heft 9 ,,Der Speicher" auf 250 Seiten profunde Beiträge von Historikern und Regionalforschern zum Thema. Das Heft ,,Gestern sind wir hier gut angekommen" – Beiträge zur jüdischen Geschichte in der Niederlausitz ist für zehn Euro in den Museen des Kreises und in der Buchhandlung Mayer in Finsterwalde zu erwerben. (jw)