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| 02:41 Uhr

Wo einst der alte August wohnte

Roland Woldt führt in der Kluft eines Stadtschreibers durch die Sonnewalder Altstadt. Start war vor der früheren Brauerei Niclas.
Roland Woldt führt in der Kluft eines Stadtschreibers durch die Sonnewalder Altstadt. Start war vor der früheren Brauerei Niclas. FOTO: Dieter Babbe
Sonnewalde. Über 100 Handwerker und Händler gab es bis vor 60 Jahren in Sonnewalde. Fast in jedem Haus wohnten und arbeiteten Schlosser, Stellmacher, Maler, Dachdecker, Schuhmacher, Bäcker und Fleischer. Ein ganzer Pulk Interessierter folgte am Sonntag einem Rundgang durch die Geschichte der einst florierenden Handwerkerstadt. Dieter Babbe

"Hier stand früher das Schützenhaus, dort das Kirchhainer Stadttor, ein paar Meter weiter stadteinwärts war das Zollhaus, wo zuletzt der alte August, der Totengräber der Stadt, wohnte. Dieses Haus ist erst Mitte der 70er-Jahre abgerissen worden, als die Straße verbreitert wurde", weiß Roland Woldt zu berichten. Der Mann führt in der Kluft eines Stadtschreibers durch die Gassen.

Einst acht Gasthäuser

"Allein acht Gasthäuser hatte Sonnewalde nach dem Krieg", kann sich Hannelore Stief, eine von den etwa 30 Leuten, die der Einladung des Museums- und Schloss-Fördervereins folgten, noch erinnern, "jetzt haben wir nur noch eine". Der Verein hatte sich gründlich auf den historischen Spaziergang durch Sonnewalde vorbereitet - über fast jedes Haus wussten Roland Woldt und Evelin Vorwerk zu berichten, wer früher mal Bewohner oder Eigentümer war.

Der Rundgang begann an der alten Brauerei Niclas, die heute nur noch eine Ruine ist. "Als die Schweden zu Ostern 1642 Sonnewalde überfielen, ist die ganze Stadt in Schutt und Asche gelegt worden. Nur das Brauhaus und vier Hütten sind stehen geblieben. Das Rathaus ist nie wieder aufgebaut worden", begann der Stadtschreiber zu berichten. Auch von den noch folgenden Bränden hat sich die Stadt in den Jahrhunderten immer wieder erholt - Sonnewalde hat sich früher zu einer pulsierenden Kleinstadt entwickelt, ein Zentrum für die Bauern in den umliegenden Dörfern. Im Jahre 1947 waren mehr als 100 Handwerker und Händler in ihren Mauern zu Hause, hat Rudi Buchtler in einem alten Adressbuch gefunden, das er mitgebracht hatte - "heute gibt es vielleicht noch 25 Handwerksbetriebe rund um den Markt".

Hanfland am Markt war über Jahrzehnte das größte Geschäft in Sonnewalde - dort ist jetzt eine Physiotherapie untergebracht. Andere Läden stehen inzwischen sogar leer, Schilder von Handwerksfirmen an den Häusern muss man suchen. "Es ist in den letzten Jahren sehr ruhig geworden in Sonnewalde", muss Manuela Sikorski feststellen. Die junge Frau hat lange Zeit in der Stadt gewohnt, sie ist hier in die Schule gegangen. Jetzt wohnt und arbeitet sie in Berlin, besucht aber oft ihre Eltern in Sonnewalde und verfolgt das Geschehen in der Stadt. "Ich habe in der Zeitung von der Führung gelesen und wollte mir die nicht entgehen lassen. Ich habe es nicht bereut und viel Neues erfahren."

Über Generationen am Markt

Die Schweden sind nicht mehr verantwortlich zu machen, dass manche Häuser in den Nebenstraßen verfallen, einige bereits abgerissen sind und große Wunden hinterlassen haben. Erst jüngst ist der alte Laden der traditionsreichen Bäckerei Bubner und damit ein Stück Sonnewalde von der Bildfläche verschwunden. Viel Traditionelles ist erhalten geblieben: Seit dem 19. Jahrhundert gibt es Buchtlers am Markt. Der Sattlermeister und Polsterer Karl Buchtler kam damals aus Schlieben nach Sonnewalde, wo es den Familienbetrieb bereits in vierter Generation gibt. Raumausstattermeister Jürgen Fleck hat das Geschäft 1996 übernommen, auch sein Sohn Christian tritt in die Fußstapfen seiner Vorfahren, er ist vor vier Jahren Meister geworden und arbeitet als Raumausstatter in Dresden.

Der Förderverein, der sich in Sonnewalde vor allem um das Heimatmuseum kümmert, hat bereits weitere Pläne. Im kommenden Jahr soll es anlässlich des Heimatfestes zu Pfingsten eine große Bierausstellung geben. "Ab 2016 wollen wir auch regelmäßig zu Führungen durch unseren schönen Schlosspark mit den vielen alten und seltenen Bäumen einladen", informiert Vereinsvorsitzender Hubert Schade.

Zum Thema:
Auch wenn Sonnewalde angesichts geschlossener Geschäfte oder nicht mehr vorhandener Handwerksbetriebe einen anderen Eindruck hinterlässt: In der Stadt pulsiert weiter wirtschaftliches Leben. Aktuell gibt es immerhin 116 Gewerbeanmeldungen, die dörflichen Ortsteile nicht mitgezählt - also mehr als 1947. "Das sind aber nicht Handwerker und Händler, sondern viele Dienstleister, die es früher so nicht gab", heißt es beim städtischen Gewerbeamt. Mehrere Firmen haben sich inzwischen auch am Rande der Stadt und im Gewerbegebiet angesiedelt.