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Meister im Handwerk
Sie hat den Herren Maß genommen

Mehrere Generationen Doberlug-Kirchhainer sind in den Geschäftsräumen von Herrenschneidermeisterin Irene Neubert ein und aus gegangen. Bis 1990 hat die heute 95-Jährige dort geschneidert.
Mehrere Generationen Doberlug-Kirchhainer sind in den Geschäftsräumen von Herrenschneidermeisterin Irene Neubert ein und aus gegangen. Bis 1990 hat die heute 95-Jährige dort geschneidert. FOTO: Heike Lehmann
Doberlug-Kirchhain. Jetzt wird Irene Neubert, die Herrenschneiderin von Doberlug mit immer fröhlichem Gemüt, auf ihre alten Tage noch berühmt. Seit die Handwerkskammer Cottbus bekannt gemacht hat, dass sie erstmals Platin für 70 Jahre Meister im Handwerk überreichen wird, rennen ihr Journalisten die Tür ein. Heike Lehmann

So wie früher die Kunden, die Mantel, Anzug, Hose, Weste, Kostüm oder Hemd schneidern lassen wollten. "Einen richtigen Schneideranzug konnte sich nicht jeder leisten. Manch einer brauchte aber auch eine Maßanfertigung, wegen der Figur, die zu klein, zu groß oder zu dick war", sagt sie mit leichtem Lächeln auf den Lippen. Dann standen sie mit ihrem Oberstoff bei Irene Neubert im Geschäft.

Irene Neubert feiert am heutigen 17. August ihren 95. Geburtstag. Dazu überreicht ihr die Handwerkskammer Cottbus heute einen Meisterbrief in Platin, um ihren Verdienst im Handwerk zu würdigen. Vor 70 Jahren hat Irene Neubert ihre Meisterprüfung im Herrenschneiderhandwerk abgelegt. Diese Ehrung hat noch nie jemand im Kammerbezirk bekommen!

Irene Neubert war die Älteste der drei Kinder von Schneidermeister Alfred Lubiger, der auch Innungsmeister war. Eigentlich sollte der jüngere Bruder die Schneiderei übernehmen, "der ist aber mit 20 im Krieg gefallen", erzählt Irene Neubert. Sie selbst träumte eher von einer beruflichen Zukunft im Büro. Die Rechnung allerdings hatte sie ohne ihren Vater gemacht. "Der hat festgelegt, dass ich Herrenschneiderin werde. Und damals hat man gemacht, was gesagt wurde. Also ging ich in die Lehre von 1936 bis 1939 bei meinem Vater bis zur Gesellenprüfung", erinnert sie sich. Herrenschneider wurden zur damaligen Zeit eigentlich nur Herren, fügt sie an, "weil die Arbeit schwerer als die Damenschneiderei war. Wir haben die richtigen, dicken Stoffe verarbeitet."

Doch auch der Vater wurde noch in den Krieg geholt. "Da habe ich die Schneiderei schon allein führen müssen", räumt sie ein. Am 17. November 1947 legte sie mit 25 Jahren ihre Meisterprüfung im Herrenschneiderhandwerk ab. Mit "Sehr gut". Der Meisterbrief hängt immer noch im Anproberaum, einem ihrer drei Gewerberäume, die sich bis heute kaum verändert haben.

Nach dem Tod ihres Vaters übernahm Irene Neubert 1954 komplett das Geschäft. Dabei waren durchaus schwierige Zeiten zu überstehen. Sie erzählt: "Ich habe auch für die Russen Uniformen genäht, wurde dazu von der Kommandantur angefordert." Irene Neubert hatte zwei Angestellte und hat mehrere Lehrlinge das Schneiderhandwerk gelehrt. Walter Mudlagk aus Lindena (85) war mit 15 erster Lehrling bei ihr. "Sie konnte sehr kollegial, aber auch energisch sein", erinnert er sich.

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Den ersten Platin-Meisterbrief der Handwerkskammer Cottbus übergeben heute deren Präsident Peter Dreißig und Bodo Broszinski, Bürgermeister der Stadt Doberlug-Kirchhain, gemeinsam an Irene Neubert.