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20 Jahre Kjellberg-Stiftung
Kjellberg-Stiftung schafft Jobs in Finsterwalde

Für Kjellberg Finsterwalde aktiv (v.r.n.l): Dr. sc. Norbert Pietsch, Vorsitzender des Vorstandes der Kjellberg-Stiftung, Andrea Voeltz, stellvertretende Vorsitzende, und Kuratoriumsmitglied Franz Neundorf - hier in der Kjellberg Finsterwalde Elektroden und Zusatzwerkstoffe GmbH in Massen.
Für Kjellberg Finsterwalde aktiv (v.r.n.l): Dr. sc. Norbert Pietsch, Vorsitzender des Vorstandes der Kjellberg-Stiftung, Andrea Voeltz, stellvertretende Vorsitzende, und Kuratoriumsmitglied Franz Neundorf - hier in der Kjellberg Finsterwalde Elektroden und Zusatzwerkstoffe GmbH in Massen. FOTO: Dietmar Seidel
Finsterwalde... Vor 20 Jahren rettete ein wohlüberlegter Handstreich den Plasmaschneid- und Schweißtechnikhersteller Kjellberg Finsterwalde vor dem Ausverkauf. Der Betrieb mit damals knapp 130 Beschäftigten wurde in eine Stiftung überführt. Mit nachhaltigem Effekt. Heute, 20 Jahre später, verfügt die Kjellberg-Stiftung über ein Unternehmensnetzwerk mit 450 Beschäftigten, Schneid- und Schweißtechnik, die zur Weltspitze gehört, und eine wissenschaftliche Vorlaufforschung, die Zukunft sichert. Von Beate Möschl

„Kjellberg ist bei Schweißelektroden das Original“, sagt Dr. Norbert Pietsch. Das ist ein Satz, mit dem der langjährige Vorstandsvorsitzende der Kjellberg-Stiftung regelmäßig Werbung für Kjellberg macht; kürzlich vor einer Gruppe chinesischer Kunden. Die VR China ist Kjellbergs größter Markt außerhalb Deutschlands und der EU.

Angefangen hat alles 1922, als der Schwede Oscar Kjellberg, Erfinder der gepressten Schweißelektrode, die Kjellberg Elektro-Maschinen GmbH gründete. „In den 1930er Jahren war Kjellberg Finsterwalde die größte Schweißfabrik Europas. Durch die Rolle, die Kjellberg in der Aufrüstung der Nazis gespielt hat, ist das technische Know-how enorm entwickelt worden, zum Beispiel das Unter-Pulver-Schweißen. So konnte Kjellberg in die DDR-Zeit mit hervorragenden Techniken starten. Das ist der Zwiespalt, zu dem wir uns auch öffentlich bekennen“, schildert Dr. Pietsch.

„In den 1950er-Jahren kam die Entwicklung der Plasma-Schneidtechnik dazu mit Prof. Manfred von Ardenne und Technikern von hier. Auch hier sind wir das Original. Die erste Plasmaschneidanlage wurde 1971 nach Japan exportiert. So ist Kjellberg auch 1990 in die neue Zeit als einer von wenigen DDR-Betrieben mit einem international anerkannten Produkt gestartet.“ Das sei ein großer Vorteil gewesen, aber auch ein Nachteil. „Die damaligen Verantwortungsträger hatten sich ab 1990 so stark auf die Plasmaschneidtechnik konzentriert, dass uns beinahe die Schweißtechnik und die Schweißelektrode abhandengekommen wären.“

Erst ein Beschluss des Kuratoriums im Jahr 2005 stoppte diese Fehlentwicklung. „Alle drei Produktsparten Plasma-Schneidtechnik, Schweißtechnik und Schweißelektroden sollen wieder gleichberechtigt entwickelt werden“, zitiert Kuratoriumsmitglied Franz Neundorf den Beschluss. In der Stiftungsverfassung ist die Fortsetzung der Tradition der Schweiß- und Schneidtechnik festgeschrieben. Deshalb ist das Jahr 2005 eine wichtige Zäsur für alle gewesen, betont Dr. Pietsch, der gemeinsam mit Andrea Voeltz, Justiziarin des Stiftungsvorstandes, und Mathias Fritsche die Geschäfte der Stiftung führt. „Das Kuratorium hat nicht gesagt, aufhören mit der Plasmatechnik, sondern ja, die Plasmatechnik kriegt alles, was sie braucht, aber gleichzeitig entwickeln wir auch die Schweißtechnik und die Schweißelektrode“, ergänzt er. Das löste umfangreiche Investitionen aus. Die Kjellberger bauten als einziger Schweißelektrodenhersteller in Deutschland eine neue Elektrodenfabrik. Parallel dazu wurde in ein Plasma-Entwicklungs- und Anwendungszentrum in der Oscar-Kjellberg-Straße investiert. Dort befindet sich heute auch das Anwenderzentrum für Laserschneidtechnik. 2014 gründete die Kjellberg-Stiftung in Klipphausen bei Dresden die Kjellberg-Forschungsgesellschaft Oscar PLT GmbH.

Die Entwicklung gibt den Protagonisten Recht, die unter Führung des damaligen IG-Metall-Funktionärs und heutigen Kuratoriumsvorsitzenden Hans-Harald Gabbe in den Jahren 1995 bis 1997 die Plasmaschneid- und Schweißtechnik vor dem Ausverkauf durch den damaligen belgischen Eigentümer retteten. Dieses starke solidarische Netzwerk regionaler Akteure war die Grundlage, dass ab 1997 die Kjellberg-Stiftung als 100prozentige Eigentümerin der Unternehmen wirken konnte. Das Ergebnis ist beeindruckend: Export der technischen Produkte in alle Erdteile, 450 Arbeitsplätze in den Kjellberg-Unternehmen, Beitrag zur Strukturförderung der Region durch Rettung von zwei Maschinenbaubetrieben vor der Insolvenz mit rund 80 Arbeitsplätzen, Förderung von 18 Deutschlandstipendiaten an vier Hochschulen. Alles Erwirtschaftete kommt dem Stiftungszweck zu Gute. So können die Kjellberg-Unternehmen im Verhältnis auch mehr finanzielle Mittel und Mitarbeiter für Forschung und Entwicklung einsetzen als mancher große deutsche Maschinenbauer. „Relativ gesehen, nicht in der absoluten Größe, aber wir liegen da weit über dem deutschen Durchschnitt. Das ist für Kjellberg ein wichtiger Erfolgsfaktor“, so Dr. Pietsch.