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Handwerk im Landkreis Elbe-Elster
Aufträge in Fülle, aber Nachwuchs-Not

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Finsterwalde. Niederlausitzer Handwerkerschaft hofft auf Anreize und Effekte aus Kooperation mit Beruflichen Gymnasien. Von Gabi Böttcher

 Die Auftragslage im Handwerk stellt sich auch aus der Sicht von Kreishandwerksmeister Jürgen Mahl und der Geschäftsführerin der Niederlausitzer Kreishandwerkerschaft, Ellen Lösche, als „super gut“ dar. „Ein Blick zehn Jahre zurück  – da sah das noch ganz anders aus. Es gab seither  zwar Rückgänge bei der Zahl der Betriebe. Aber diese haben sich stabilisiert“, sagt Jürgen Mahl, selbst Inhaber des gleichnamigen Metallbaubetriebes in Werenzhain.

Das Problem der Betriebsnachfolge werde sich verschärfen. „Da greifen viele unserer Aktivitäten an“, betont Ellen Lösche.  Sehr begrüßenswert sei das zum nächsten Schuljahr am ersten September auch in der Region startende AbiturPlus im Zusammenwirken mit den Oberstufenzentren Elbe-Elster und Oberspreewald-Lausitz. Das Berufliche  Gymnasium bietet das Abitur in mehreren Bereichen an, so auch im Bereich Wirtschaft, erklärt Ellen Lösche. Absolviert ein Jugendlicher diesen Bereich, quasi auf dem Weg  „Berufliches Gymnasium Plus Handwerk“, erwirbt er die  Anerkennung des Teils drei der Meisterausbildung, die aus insgesamt vier Teilen  besteht. Diese zeitgleich zum Abitur erfolgende Vermittlung von Teilen der Meisterausbildung bringe zwei nicht von der Hand zu weisende Vorteile mit sich: einen anschließend um mindestens sechs Monate verkürzten Weg zu einem Meisterabschluss und eine Kostenersparnis von rund 1750 Euro. Unmittelbar nach dem Abitur ergebe sich auch die Möglichkeit einer verkürzten Lehre, an deren Ende der Gesellenbrief steht.

Was das Zukunftsproblem der Unternehmensnachfolge angehe, so gebe es dazu jährlich Befragungen. Die Bereitschaft, sich klar zu erklären, sei jedoch sehr unterschiedlich.  So sei es schwierig, eine Zahl der betroffenen Handwerksbetriebe im Bereich der Niederlausitzer Kreishandwerkerschaft zu nennen. Ein Blick auf das Alter der Firmenchefs verrate jedoch, dass es viele seien, sagt Ellen Lösche. Im Bereich der Handwerkskammer Cottbus seien 43 Prozent der Entscheidungsträger in den Unternehmen im Alter zwischen 50 und 59 Jahren und 20 Prozent älter als 60 Jahre. Es gebe Betriebe wie den Stahlbau von Erwin Hoffmann in Herzberg, der sein Unternehmen noch  jenseits der 70 weiterführt. Auch Kreishandwerksmeister Mahl (62) will erst dann den Hammer fallen lassen, wenn die Gesundheit nicht mehr mitspielt. Andreas Drangosch von der Firma Rimpel Treppenbau habe seine zwei Söhne bereits mit Mitte 20 zu Mitteilhabern gemacht, obwohl er selbst erst knapp über 50 sei. „Ein Musterbeispiel für langfristige Regelung der Nachfolge“, lobt Ellen Lösche und räumt ein, dass die Ausgangsbedingungen nicht überall so günstig seien und das Problem stets individuell zu lösen sei.

Ja, die Handwerker könnten sich auch in der hiesigen Region die Aufträge aussuchen. Als Nachauftragnehmer von Baumärkten zu arbeiten, gehöre der Vergangenheit an. Jürgen Mahl beobachtet eine Vermischung von Wirtschaftsstrukturen. Hätten Baumärkte ihren Kunden früher Handwerker vermittelt, so würden sie jetzt selbst welche beschäftigen müssen.

„Da muss gleichzeitig der rechtliche Rahmen geprüft werden. Das Handwerk arbeitet auf der Grundlage der Handwerkerordnung. Zugangsvoraussetzungen sind ebenso geregelt wie die Berufe, für die Meisterpflicht besteht“, erklärt Jürgen Mahl. Hohes handwerkliches Niveau basiere schließlich auf hochwertiger Ausbildung. Da gehe es nicht um das Aufbauen von Schutzschilden oder um  Selbstzweck, sondern darum, im Interesse des Verbrauchers Qualitätsarbeit zu sichern.  „Deshalb kämpft das Handwerk dafür, dass der Meister erhalten bleibt“, betont Jürgen Mahl.

Mit dem Blick auf einzelne Gewerke kann dem Kreishandwerksmeister und Geschäftsführerin Ellen Lösche jedoch schwarz vor Augen werden. Obwohl die Ausbildungsvergütung im Bauhandwerk fast doppelt so hoch sei wie für Kfz-Mechatroniker, gebe es im Baubereich drei bis vier Lehrlinge im Vergleich zu 200 vor zehn  Jahren. Im Metallbau liege das Verhältnis etwa  bei 10 zu 100.

Es gebe jede Menge Projekte, selbst bei der Gewinnung von Zuwanderern, um da gegenzusteuern. „Alleine kann es das Handwerk nicht stemmen“, sind sich Jürgen Mahl und Ellen Lösche einig. Es gelte immer wieder, für das Handwerk zu werben. Für die Möglichkeiten, sich direkt über individuell Geschaffenes freuen zu können, am Ende des Tages zu sehen, was mit eigener  Hände Arbeit entstanden ist. Nach einem aktuellen Beispiel aus eigenem Erleben befragt, führt Jürgen Mahl original aufgearbeitete alte Stallfenster aus Metall an. Sie helfen den Hauseigentümern in  seiner Nachbarschaft, die Ursprünglichkeit ihres Anwesens zu erhalten.

Sich über die Möglichkeiten des Handwerkes und eine Ausbildung in Betrieben der Region zu informieren, bietet der 16. Zukunftstag Brandenburg eine gute Gelegenheit. Unternehmen der Niederlausitzer Kreishandwerkerschaft mischen am 24. April mit und öffnen ihre Türen für interessierte Mädchen und Jungen sowie deren Eltern.