ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 09:52 Uhr

Heimatgeschichte
Wie alt ist Sallgast wirklich?

Alte Postkarte mit Darstellung, wie Salegast ausgesehen haben könnte.
Alte Postkarte mit Darstellung, wie Salegast ausgesehen haben könnte. FOTO: Wolfgang Bauer
Sallgast. Heimathistoriker Wolfgang Bauer geht dem Vorwurf nach, dass die Sallgaster ihre 800-Jahrfeier auf einer Urkunde aufgebaut haben, die nicht ihren Ort meinte.

„Ist es tatsächlich schon wieder 10 Jahre her, dass die Sallgaster ihr großes Jubiläum – 800 Jahre Ersterwähnung ihres Heimatortes – als echte „Jahrhundertfeier“ begangen haben? Erscheint einem nicht manches der 2008 geschehenen Ereignisse, als seien sie erst gestern oder vorgestern passiert?“

Mit diesen Worten hat Wolfgang Bauer, der Vorsitzende des Heimatvereins Sallgast, seinen Einführungsvortrag am Samstag im Schloss Sallgast eröffnet. Er gab nicht nur einen Rückblick auf jene Festtage vor zehn Jahren, sondern setzte sich auch mit der Frage auseinander, ob jenes Sallgast in der vorliegenden  Ersterwähnungsurkunde von 1208, auf die sich schließlich alles bezog, tatsächlich jener Ort in der heutigen Niederlausitz ist?

Zweifel daran wurden bereits unmittelbar nach den Festtagen durch den Liebenwerdaer Ralf Uschner auf dem 14. Kreisheimatkundetag vorgebracht. Das war damals für alle, die fast zwei Jahre lang an der Gestaltung dieses Jubiläums intensiv gearbeitet hatten, ziemlich ernüchternd. Bisher waren ja auch alle Historiker,  die sich in irgendeiner Weise mit Sallgast beschäftigt hatten, davon ausgegangen, dass jener Werner von Salegast nur aus dem in der Niederlausitz befindlichen Ort gleichen Namens gestammt haben konnte. Dafür sprach zum einen, dass diese Urkunde im Urkundenbuch von Lübben gefunden wurde, und auch ein Lübbener Adelsherr zu den Zeugen in jenem Übertragungsakt genannt wird. Und hinzu kam, dass es sich bei „Sallgast“ nur um jenen einmalig auf unserer Erde befindlichen Ort hier in der Niederlausitz handeln konnte. Schließlich gibt es heute keinen zweiten Ort mit diesem Namen.

Wolfgang Bauer bei seinem Vortrag
Wolfgang Bauer bei seinem Vortrag FOTO: Wolfgang Bauer

Uschner trat damals den Gegenbeweis an. Er behauptete, dass es zumindest bis ins 16. Jahrhundert, er vermutete bis zum 30-jährigen Krieg, einen weiteren Ort „Salegast“ nahe von Bitterfeld-Wolfen, gegeben haben könnte. Und er ging davon aus, dass jener Werner von Salegast eher von diesem Ort gestammt haben könnte.

Schließlich zog er auch gleich noch eine weitere These infrage, nämlich die, dass jene Ortsgründung von Sallgast durch wen auch immer, nicht wie vielfach dargestellt auf einer vorhandenen wendischen Siedlung, sondern – wie er es bezeichnete – „aus wilder Wurzel“, also als Neugründung – erfolgt sei. Und weshalb nicht mit der Namensübertragung durch einen „Salegaster“, so wie das damals bei der deutschen Ostbesiedlung meist geschehen.

Der Heimatverein Sallgast wollte das so aber nicht im Raume stehen lassen.

So stellte Wolfgang Bauer nun seine eigenen Untersuchungen den im Schloss versammelten interessierten Besuchern vor.

Jener Friedrich von Brehna in besagter Urkunde von 1208 regierte von 1203 bis 1221 die Grafschaft Brehna. Brehna liegt im heutigen Landkreis Anhalt-Bitterfeld, ist heute ein Ortsteil der 3000-Seelen-Stadt Sandersdorf-Brehna. Hier befand sich bis 1181 auch der Sitz der Grafschaft. 1181 verlegten jedoch Friedrich und sein Bruder Otto I. den Sitz ihrer Grafschaft nach Herzberg / Elster, also ganz in unsere Nähe, nannten sie aber nach wie vor „Grafschaft Brehna“. Das war auch noch 1208 der Fall. Weshalb sollte er da nicht jenen Werner hier aus Sallgast gekannt haben? Er hatte ja auch einen Lübbener Adligen zur Beurkundung hinzugezogen. Und schließlich war es auch damals möglich, solche Entfernungen als Ritter – also reitend – in wenigen Tagen zurückzulegen. Schließlich unternahm jener Friedrich von Brehna einige Jahre später eine viel längere Reise. Er nahm nämlich am 5. Kreuzzug teil, kam dabei bis ins „Heilige Land“, wo er im Oktober 1221 in Galliläa verstarb. Und das mit jenem „Salegast an der Mulde“ – ist das überhaupt beweisbar?

Bei seinen Recherchen stieß Bauer im Internet auf einige interessante Beiträge, unter anderem einen des Heimatvereins Raguhn-Jeßnitz.

Raguhn liegt zwischen den Städten Dessau-Roßlau im Norden und Bitterfeld-Wolffen im Süden, beiderseits der Mulde. In diesen Beiträgen wurden allerdings die Thesen von Uschner weitestgehend bestätigt.

Beschrieben wird hier ein Ort „Salegast“ als eine Siedlung mit wenigen Bauernhäusern südlich von jenem heutigen Jeßnitz gelegen, mit dem die Herren „von Salegast“ irgendwann im 12. oder Anfang des 13 .Jahrhunderts belehnt worden seien. Von Jeßnitz führt noch heute eine „Salegaster Straße“ direkt in ein Naturschutzgebiet, welches „Sale­gaster Forst“ heißt, ein rund 450 Hektar großer Auenwald.

Und in der Magdeburger Schöffenchronik, dazu noch im Jahre 1208, ist ein „Wenherus de Salegast“ erwähnt, namentlich fast identisch also mit „unserem“ Wernerus. Die veränderte Schreibweise kann aber auch von einem Transkriptionsfehler herrühren. 1285 sei dann hier ein weiterer Salegaster, ein „Bertoldus de Salegast“ genannt worden. Im 13. Jahrhundert sei dann noch in jener Siedlung eine Kirche errichtet worden. Die Ruine derselben kann man heute noch besichtigen, ganz in der Nähe eines schön restaurierten Forsthauses am Eingang zum „Salegaster Forst“.

Auch soll es eine Burg gegeben haben, die auf einer künstlich geschaffenen Erhebung, dem sogenannten „Schlangenberg“, in der Muldenaue errichtet worden war, vermutlich der Wohnsitz der Lehnsherren „von Salegast“.

Das Geschlecht derer von Sale­gast soll im 15. Jahrhundert ausgestorben sein. Das alte Dorf Sale­gast wurde wohl im 16. Jahrhundert aufgegeben, nicht wie Uschner es vermutete, infolge Zerstörung während des 30-jährigen Krieges, sondern wegen der ständigen Überflutungen durch die Mulde. Also gab es tatsächlich einmal einen zweiten Ort gleichen Namens.

Als Fazit heißt das ja noch lange nicht, dass nicht irgendeiner, vielleicht sogar jener Werner von Sale­gast, Ortsgründer unseres heute noch existierenden Sallgast war. Nur diese Urkunde, auf die sich bisher die Ersterwähnung bezog, scheint tatsächlich nichts mit unserem Ort zu tun zu haben.

Die nächste sich wirklich auf unser Sallgast beziehende Urkunde ist eine von 1285, wo ein Friedrich von Solgast in einer Urkunde des Klosters Dobrilugk Erwähnung findet. Die Sallgaster könnten also 2025 erneut ein Jubiläum zur Erwähnung des Orts-Namens begehen. Aber wollen sie das wirklich? Alle Anwesenden waren sich einig: 2008, also 800 Jahre nach jener umstrittenen Ersterwähnung, war ein tolles Festjahr. Das kann ihnen sowieso keiner mehr nehmen! Weder damals, noch heute oder in Zukunft!

So blickte man lieber noch einmal zurück in jenes Jahr mit seinen vielen Aktivitäten und Ereignissen, sah sich interessiert und begeistert jenen wundervollen Film noch einmal an, in dem damals Andreas Ristau und Carola Terno über ein ganzes Jahr die schönsten Augenblicke mit Kamera und Mikrofon in Bild und Ton für alle Ewigkeit festgehalten haben. Das war Trost und Genugtuung gleichermaßen.

(pm/leh)