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| 17:32 Uhr

"Wer an Gott glaubt, hat es leichter": ehrenamtliche Notfallseelsorge

grablicht, friedhof, trauer, gedenklicht
grablicht, friedhof, trauer, gedenklicht FOTO: fotolia (50521284)
Rückersdorf. Sie ist eine aufgeschlossene, optimistische und lebensbejahende Frau. Und das, obwohl sie in ihrer Freizeit viel mit dem Tod zu tun hat. Elke Greißner, beruflich Erzieherin, ist seit zehn Jahren ehrenamtliche Notfallseelsorgerin. Sie hilft Angehörigen, über den ersten tiefen Schmerz nach dem Verlust eines lieben Menschen hinwegzukommen. Dieter Babbe

"Schuld" ist die LAUSITZER RUNDSCHAU, wie sie sagt. "In der Zeitung hatte ich zufällig von einem Gottesdienst in Mühlberg gelesen, wo es um die Notfallhilfe ging. Das hat mich neugierig gemacht", erinnert sich die 53-Jährige aus Rü ckersdorf - die das Gefühl hat, "ein Gespür für Menschen in Not" zu haben. Elke Greißner telefonierte sich durch, landete am Ende bei der Mühlberger Pfarrerin Kerstin Höpner-Miech vom kleinen Team der Notfallseelsorger im Elbe-Elster-Kreis - die immer dann gerufen werden, wenn nach schweren Verkehrsunfällen, Suiziden und Morden, bei plötzlichem Kindstod und Sterbefällen zu Hause Angehörige mit der Situation allein nicht fertig werden.

Kurze Zeit nach einem einwöchigen Crashkurs in Gesprächsführung, Krisenbewältigung und Psychologie klingelte eines Abends das Telefon bei Elke Greißner. "Mein erster Fall war gleich der Hammer", erzählt sie von einem Unfall in Doberlug-Kirchhain. Für einen 18-Jährigen endete die erste Autofahrt seines Lebens an einem Verkehrsschild - den heftigen Aufprall hatte er nicht überlebt. "Mit einer Kollegin habe ich die Familie des Jungen aufgesucht. Während die Mutter vor Schmerz geschrien hat, konnte der Vater kein Wort herausbringen. Am Ende wollten die Eltern ihren toten Sohn noch einmal sehen - um sich zu vergewissern, dass er wirklich tot ist, und um dann von ihm Abschied zu nehmen", berichtet Elke Greißner.

"Manchmal hilft: nur schweigen"

Zu acht bis 14 Fällen wird die Notfallseelsorgerin jedes Jahr gerufen. Immer wird sie beim schweren Gang zu den Angehörigen von Polizisten begleitet, selten muss sie selbst die Todesnachricht überbringen. "Jeder Fall ist anders. Immer muss man sofort die Situation erkennen, die richtigen Worte finden. Manchmal hilft aber auch, zu schweigen und dem Betroffenen zuzuhören - der mir dann oft seine Lebensgeschichte erzählt. Reden ist immer besser, als wenn Angehörige nichts sagen", hat Elke Greißner die Erfahrung gemacht.

Wie beim schon älteren Lkw-Fahrer, der - wieder in Doberlug-Kirchhain - schuldlos und ohne es zu merken, eine Frau überfahren hatte. "Ich saß während der polizeilichen Unfallaufnahme eine Stunde lang neben ihm auf dem Beifahrersitz. Und er erzählte von sich, seiner Familie und was ihn nach dem schlimmen Vorfall bewegt. Am Ende sagte er: Danke, dass ich jetzt nicht alleine sein musste!"

Sie habe in jungen Jahren Angst vor dem Tod gehabt. "Über den Tod spricht man nicht, so bin ich aufgewachsen", sagt Elke Greißner. Inzwischen hat sie gelernt, damit offen umzugehen - und sogar schwere Fälle gut zu verkraften, sagt sie. Auch als Erzieherin in der Rückersdorfer Kita, wo Elke Greißner seit mehr als 30 Jahren tätig ist, spart sie das Thema nicht aus. "Ich provoziere nicht, dass wir darüber reden. Aber wenn ein Knirps davon erzählt, dass sein Meerschweinchen oder gar die Oma gestorben ist, dann gehe ich nicht darüber hinweg", sagt die Erzieherin.

In den zehn Jahren als Notfallseelsorgerin hat sie sich auch selbst verändert, gesteht Elke Greißner ein. "Mein Verhältnis zur Kirche ist ein anderes geworden", meint die Frau, die weder getauft wurde noch bis dahin etwas mit Kirche zu tun hatte. Die Hälfte des Teams der Notfallseelsorger seien Pfarrer, "die ich sehr schätzen gelernt habe", sagt sie - und fügt eine weitere Erfahrung an: "Menschen, die an Gott glauben, haben es in Krisensituationen leichter."

Nur das Fahrgeld fürs Ehrenamt

Die Leitstelle alarmiert Elke Greißner zu jeder Tageszeit, manchmal sogar nachts, ob bei Glatteis oder Schnee - oft sucht sie bei Dunkelheit verzweifelt nach einer Hausnummer, hinter der sich ein Schicksal abspielt, wo ihre Hilfe gebraucht wird. Für das Ehrenamt bekommt die Rückersdorferin lediglich das Fahrgeld erstattet. Und gelegentlich mal ein Dankeschön, wie jüngst vom Ministerpräsidenten, als der Elke Greißner zu einem Empfang bei seinem Besuch in Doberlug eingeladen hatte.

Zum Thema:
Elf Frauen und Männer gehören zum Team der Notfallseelsorger im Elbe-Elster-Kreis, die ehrenamtlich im Auftrag der Kreisverwaltung tätig sind. Nachwuchs wird gesucht. Interessenten, die sich eine solche Arbeit zutrauen, können sich bei Teamleiter Martin Miech melden: ? 035365 2162.