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| 01:03 Uhr

„Wenn Feigheit unser Tun nicht lähmte“

Bettina Wegner, Karsten Troyke und Jens-Peter Kruse beim „Besonderen Konzert“ in der „Louise“ .
Bettina Wegner, Karsten Troyke und Jens-Peter Kruse beim „Besonderen Konzert“ in der „Louise“ . FOTO: Foto: Weser
Domsdorf.. Die Hymnenhasserin sang eine Hymne: Die Hymne auf den Stolz eines vertriebenen und verfolgten Volkes, der Roma. Bettina Wegner setzte damit den Schlusspunkt unter ein bewegendes Konzert in der Brikettfabrik „Louise“ . Jürgen Weser

Gemeinsam mit Karsten Troyke und dem Gitarristen Jens-Peter Kruse brachte die Liedermacherin am Sonntagnachmittag „Jiddische Lieder und Songs von heute“ zu Gehör. Veranstaltet vom Kreiskulturamt, war es das schon sechste „Besondere Konzert“ in der Kraftwerkshalle der ehemaligen Brikettfabrik Domsdorf.
Stark die Stimme der zerbrechlich wirkenden Frau. Mal streichelt Bettina Wegner den Text, dann trifft sie ihn glashart und unversöhnlich. Ihre Lieder gehen ans Herz, treffen die Seele und schmerzen oft genug. Den kritischen Blick hat die aus der DDR-Opposition hervorgegangene Liedermacherin bewahrt. „Texte von heute“ erreichen am Sonntag in Domsdorf ein sensibles Publikum. Da werden „Rosen auf den Weg gestreut“ für Faschisten, singt sie sarkastisch, aber wenn „Feigheit unser Tun nicht lähmte“ , wäre Menschsein ein Beginn. Die alltägliche Menschlichkeit hat die Wegner im Sinn, wenn sie ein „Liebeslied für Frauen mit sieben Kindern“ singt, vom unheilbar kranken Vincent und auch das Lied von den kleinen, verletzlichen Händen, mit dem sie bekannt geworden ist. Dann wieder das Ansingen gegen „Leute ohne Rückgrat“ und „mit glatter Stirn“ und gegen die Todesstrafe. Aber eigentlich will sie ja nur „die Traurigkeit begraben“ , am besten in der Liebe.
Hier trifft sich Bettina Wegner mit dem Berliner Interpreten jiddischer Lieder Karsten Troyke. Mit rauchigem Schmelz in der Stimme und einer Spur Ben Becker im Auftritt erleben ihn die etwas mehr als einhundert Zuhörer als ideale Verkörperung jüdischer Melancholie und Traurigkeit, die gleichzeitig fröhlich daherkommt. „Wie der Wind in goldenen Sandalen durchs Kornfeld geht“ , singt Troyke jiddische, hebräische und deutsche Volkslieder mit jüdischem Einschlag, dazu Kreisler-Lieder. Ich „will so gern ein Vogel sein, der über alle Grenzen fliegt“ , macht er das Schicksal des jüdischen Volkes lebendig wie ihren besonderen Humor. Kein Problem für Troyke, das Publikum als Chor in ein jüdisches Volkslied einzubeziehen. Ihm, der sich in den letzten Jahren einen Namen als Interpret jiddischer Lieder gemacht hat, nehmen die Zuhörer ab, ehrlicher Bewahrer dieser Musik zu sein.
Beim gemeinsamen Gesang, den Gitarrist Jens-Peter Kruse gekonnt akzentuiert, treffen sich die harte, kraftvolle, mitunter ungeduldige Stimme der Wegner mit der weicheren, gelasseneren, sympathisch angekratzten Tonart Troykes in der Symbiose zweier Generationen. „Das Leben ist a narrisch Spiel.“ Zum Schluss zeigen sich Zuschauer und Interpreten, gleichermaßen bewegt.