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| 10:49 Uhr

Wenn der Scheibenknutscher ruft

Gerade hat sie begonnen, ist sie schon wieder vorüber. Die eine Woche Winterferien war kaum zu spüren. Im Freizeitzentrum in der Geschwister-Scholl-Straße haben wir sie am Mittwoch aber entdeckt, die Ferienkinder, die nicht nur zu Hause vor der Glotze hängen . Heike Lehmann

Jerome (10) flitzt aufgeregt von Raum zu Raum und amüsiert sich über die größeren Mädchen, die von ihm genervt sind. Er fühlt sich im Freizeitzentrum wie zu Hause. Seine Schwester Gina (12) auch. "Die ist drüben und übt tanzen", verrät er kichernd. Die Geschwister haben es wie viele andere, die aus den Wohngebieten Süd und Bergheider Straße hierher kommen, nicht weit und sind nahezu täglich zu Gast. "Weil’s nischt kostet", platzt es aus Jerome hervor.

Bis zu 60 Kinder täglich In den verzweigten Räumen der einstigen Station Junger Techniker und Naturforscher suchen bis zu 60 Kinder täglich Zerstreuung und Ablenkung vom anstrengenden Schulalltag. "In den Ferien kommen sogar noch ein paar Kinder mehr", wie die langjährige Leiterin dieser städtischen Einrichtung, Gisela Irrgang, mit Genugtuung registriert. Mit Sorge sieht sie dagegen, dass sich viele ihrer jungen Gäste der vielfältigen Umwelteinflüsse kaum erwehren können. "Sie sind hyperaktiv und können sich nur schwer konzentrieren", muss sie beobachten.

Jerome verschlägt es bei der Frage, was er hier am liebsten macht, glatt die Sprache. Er kullert mit seinen großen, glänzenden Augen, und dann fallen ihm doch noch die gemeinsamen Bastelstunden ein. Und die Fische natürlich! Seit etwa einem Monat ist er für deren Wohl verantwortlich. Schnell holt er den Schlüssel für den Bioraum. Zwei Aquarien und nicht zu vergessen der Goldfisch im extra Becken – "die muss ich füttern", zeigt er. "Da ist der Scheibenknutscher", tippt er mit dem Finger an die Aquariumwand. "Richtig heißt er Algenwels", korrigiert Gisela Irrgang, "das weißt du doch". Klar, weiß er. Aber Scheibenknutscher ist doch viel ulkiger. "Saubermachen müssen wir das Aquarium heute noch", wird der Zehnjährige dezent auf seine Pflichten hingewiesen.

Nancy (15), Marie (12), Maria (10) und Saskia (11) haben sich im Tischtennisraum zurückgezogen. Ins Freizeitzentrum kommen sie, um die Langeweile zu vertreiben. Reicht ihnen denn das Angebot hier aus? "Wir können uns ganz gut alleine beschäftigen", kontern sie. Die älteren Jungs, die – es ist nicht zu übersehen – nur eine Leidenschaft, den Fußball, kennen, wollen noch ein Zimmer weiter ihre Ruhe haben. Fußball als Computerspiel oder am Kicker – das reicht ihnen, um den Ferientag rumzubringen.

So gar nicht jugendgemäße Musik dringt aus dem Gymnastikraum. Und die Tanzschritte, die die vier Paare unter prüfendem Blick von Katrin Wesnick ausüben, haben nichts mit Disko zu tun. Denkt man sich Kostüme dazu, könnten die Paare geradewegs einem Märchenfilm entsprungen sein. Gar nicht so verkehrt. Das Menuett wird eingeübt für die Faschingsfeier am 4. Februar. József (23) und Marén (22) sind das Königspaar. Emily (11) und Emanuel Prinzessin und Prinz. Emanuel hat statt des Tanzens an diesem Nachmittag lieber den Schlitten vorgezogen. Eine halbe Stunde später kommt er durchgeschwitzt, rotwangig und mit schneenassem Hosenboden vom Ascheberg zurück.

Fünf Stunden für 1,50 Euro József übrigens hat seit Oktober einen 1,50 Euro-Job im Freizeitzentrum. "Das macht mir sehr viel Spaß. Als man mich gefragt hat, in welche Richtung ich mir eine solche Arbeit vorstellen könnte, hab’ ich Kindergarten gesagt. Und das passt ja fast. Fünf Stunden täglich kümmere ich mich hauptsächlich um den Bioraum", erzählt der gelernte Bäcker. Auch Marén, seiner Freundin, gefällt es hier gut. "Ich habe mal in der Juselhalle gearbeitet und mache hier ehrenamtlich mit", verrät sie. Auch die Mädels haben ihre Patentiere. Natalia (13) kümmert sich um das Chinchilla. Erdnüsse, Zweige und Trockenfutter bekommt es täglich von ihr. Jeanine (12) füttert den Goldhamster, Gina den Langhaarhamster und Daniela das Zwergkaninchen. Dabei werden die Streicheleinheiten für die Vierbeiner sicher nicht zu knapp ausfallen.