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| 01:02 Uhr

Wenn „denkende“ Uhren nicht mehr überraschen

FINSTERWALDE.. Heute vor 50 Jahren erlebte Uhrmachermeister Herbert Mletzko einen seiner schönsten Tage. So jedenfalls sieht er es mit 77-jähriger Lebenserfahrung. Vor einem halben Jahrhundert hatte der 27-Jährige seine Prüfung an der Meisterschule. Er kann sich noch gut an das Zittern der Prüflinge erinnern und an die Herren, die wie ein Tribunal vor ihnen saßen. Und er kann davon erzählen, als wäre es gestern gewesen . . . Von Heike Lehmann

Die Woche über hat Herbert Mletzko in Finsterwalde gearbeitet, am Freitag saß er im Zug, um übers Wochenende die Meisterschule in Berlin/Potsdam zu absolvieren. Was damals im Handwerk Rang und Namen hatte, trichterte dem gelernten Werkzeugmacher aus Finsterwalde das Wissen für einen Uhrmachermeister ein. Der wiederum war zuversichtlich, was den Abschluss anging. Seit einem halben Jahr hatte er schon einen Laden für sich in der Sonnewalder Straße angemietet.

Fach- statt Prüfungsgespräch
Die Prüfung fand in Potsdam statt. Beim ersten Meisterschüler wurde es so laut hinter der Tür, dass es die übrigen Anwärter schauderte. "Der hatte sich die Arbeit machen lassen", erklärt Mletzko, was die honorigen Herren so erzürnte. Dann saß er vor den sechs strengen Fachleuten. Die Prüflinge vor der Tür lauschten, doch bei dem Finsterwalder blieb es still - im Gegenteil: Plötzlich wurde gelacht! "Eigentlich hatten die Prüfer das Meisterstück zu beurteilen. Doch von mir wollten sie wissen, wie ich das und jenes gemacht hatte", erinnert sich der 77-Jährige. So entwickelte sich ein reines Fachgespräch zwischen Prüfern und Prüfling. Und Herbert Mletzko durchzog das wohlige Gefühl der Bestätigung. Sein Prüfungszeugnis mit "Sehr gut" hängt noch heute im Lade n.
Herbert und Renate Mletzko stehen nach wie vor fast täglich im Laden in der Berliner Straße von Finsterwalde. Den Umzug hierher vor sechs Jahren haben Mletzkos bis heute nicht bereut. Immerhin 1a-Lage. Einem 1a-Fachhändler angemessen, denn diese Auszeichnung erhielt das Uhren- und Schmuckfachgeschäft im Mai dieses Jahres.
Denkt Mletzko an den Berufsnachwuchs, wird er ratlos. "Lehrlinge in unserem Beruf auszubilden ist fast unmöglich", sagt er, der vom ersten Jahr an selbst Lehrlinge hatte. Fast 40 Jahre war er Mitglied des Fachausschusses und der Meisterprüfungskommission bei der Handwerkskammer. Er ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Chronometrie. "Eine Batterie wechseln ist keine Uhrmacherei", erklärt er seine Besorgnis. Schon heute gibt es in manchen Museen Probleme, die Stücke der Uhrmachergeschichte am Laufen zu halten. Ein Lehrling müsste an altem Material angelernt werden - aber das bringt heute kaum noch einer in die Werkstatt.
Herbert Mletzko ist wissbegierig und begierig, sein Wissen auch weiterzugeben. Er war der Dozent für Quarzuhrtechnik im ehemaligen Bezirk Cottbus, hat die Beschäftigten von 86 Betrieben in mehrtägigen Lehrgängen damit vertraut gemacht. Er hat die Kommission Rationalisierung und neue Technik bei der Uhrmacherinnung geleitet. Die von ihm entwickelten Arbeitsmittel sind teilweise sogar in der Industrie eingesetzt worden.

Nachfolger gesucht
Was die Technik angeht, kann Mletzko inzwischen nichts mehr überraschen. „Es gibt sogar schon Uhren, die können ,denken'“ , schmunzelt er. „Wollen die sich stellen, ,überlegt' der große Zeiger in welche Richtung es für ihn schneller geht. Gleiches macht der kleine Zeiger. Es kann passieren, dass sich beide gegenläufig drehen und am Ende die Zeit passt.“ Kopfschüttelnd allerdings nimmt er zur Kenntnis, dass die genaueste Funkuhr von einem Designer mit einem goldenen Punkt an Stelle der Zwölf verziert wird, jegliches Zifferblatt aber fehlt. „Was nützt dann die genaue Messung, wenn ich die Uhrzeit raten muss?“ , fragt er.
Herbert Mletzko hat weit mehr als sein Handwerk und seinen Laden im Sinn. Er ist Gründungsmitglied im Sängerfestverein, hat dessen Satzung mit ausgearbeitet. Weil es ihm immer noch Spaß macht, Finsterwaldern mit diesem Fest Freude zu bereiten und die Stadt bekannter zu machen, arbeitet er nach wie vor im Vereinsvorstand und in der Arbeitsgruppe Finanzen mit.
Mletzkos haben sich in Finsterwalde auch von Beginn an für die Tafel der evangelischen Kirche engagiert. Wenn der 77-Jährige aber heute - 16 Jahre nach der Wende - mittwochs im Lutherhaus vorbeischaut, dann blickt er nach unten, weil es ihm peinlich ist. „Ich kenne so viele, die inzwischen auf diese Hilfe angewiesen sind“ , erklärt er.
Uhrmachermeister Mletzko sucht seit Jahren nach einem Nachfolger. „Dem muss aber bewusst sein, dass nach ein oder zwei Jahren noch kein Porsche vor der Tür steht“ , wird der Altmeister deutlich. Er stellt hohe Ansprüche und weiß, dass in seinem Metier nur „kleine Brötchen gebacken“ werden. „Ideal wäre, wenn er jung, sehr unternehmungslustig und außerdem noch risikobereit wäre“ , grenzt er ein. „Aber junge Leute haben noch kein Geld und ältere denken zu viel darüber nach.“