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| 02:41 Uhr

Weil es um die Zukunft geht

Rabbiner Dr. Walter Rothschild war in Tröbitz dabei – mit mahnenden Worten und Gebeten auf Hebräisch und Aramäisch.
Rabbiner Dr. Walter Rothschild war in Tröbitz dabei – mit mahnenden Worten und Gebeten auf Hebräisch und Aramäisch. FOTO: Heike Lehmann
Tröbitz. Vor 71 Jahren wurden in Tröbitz etwa 2000 jüdische Frauen, Männer und Kinder aus einem Zug befreit, der tagelang durch Deutschland geirrt war. Mehr als 500 Menschen haben diesen Moment nicht mehr erlebt. Auch 26 Tröbitzer starben damals. Gestern wurde der Opfer gedacht. Heike Lehmann

Bis heute wird die Erinnerung an den Verlorenen Transport, die Opfer und die Hilfsbereitschaft der Tröbitzer wach gehalten. Jährlich finden Gedenkveranstaltungen im Langennaundorfer Forst am Bahnkilometer 101,6, am Massengrab an der Tröbitzer Kirche und auf dem jüdischen Friedhof in Tröbitz statt. Auch gestern wurden Kränze und Blumen niedergelegt, unter anderem von Elbe-Elster-Landrat Christian Heinrich-Jaschinski, Andreas Claus, Bürgermeister von Uebigau-Wahrenbrück, und dem Tröbitzer Bürgermeister Holger Gantke gemeinsam mit Andreas Dommaschk, Amtsdirektor im Amt Elsterland.

Seit 26 Jahren kommt Dr. Peter Fischer nach Tröbitz. Der Vertreter vom Zentralrat der Juden in Deutschland wandte sich gestern insbesondere den Grundschülern aus Tröbitz und Wahrenbrück zu und sagte: "Wir stehen hier, weil es um die Zukunft geht." Er regte an, gemeinsam mit den politisch Verantwortlichen ein Projekt zu starten, das die Schicksale der jüdischen Kinder, die aus dem Zug gerettet wurden, zusammenträgt. "Wie und wo hat sich ihr Leben fortgesetzt?", könnte für Ralph Gabriel, Kurator der im vergangenen Jahr eingeweihten Open-Air-Ausstellung zum Verlorenen Transport und beim gestrigen Gedenken dabei, eine weitere Thematik sein.

"Vergesst die Opfer nicht", mahnte Andreas Claus. "Vergesst aber auch Erika Arlt nicht", sagte er. Die im November 2015 verstorbene Tröbitzerin hat seit den 1970er-Jahren, zunächst gemeinsam mit ihrem Mann Richard, später allein, intensiv die Ereignisse rund um den Transport erforscht und viele Einzelschicksale dokumentiert.

Rabbiner Dr. Walter Rothschild schaute bei seinem ersten Besuch in Tröbitz genau auf die Namenstafeln der Opfer. "Wir können schöne Blumen, Gebete und Friedhöfe haben, die Toten bleiben dennoch tot. Es gibt viele Massengräber überall und neue auf den Flüchtlingswegen über den Balkan oder im Mittelmeer kommen hinzu. Das ist deprimierend."

Zum Thema:
Als "Verlorener Transport" in die Geschichte eingegangen ist die Irrfahrt eines Zuges mit 2500 jüdischen Häftlingen aus zwölf Nationen. Es war einer von drei Räumungstransporten aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen mit je 2500 Austauschjuden, die kurz vor Kriegsende Richtung Theresienstadt geschickt wurden. 13 Tage war der Zug unterwegs, bevor er am 23. April 1945 in Tröbitz zum Stehen kam und die Insassen befreit wurden. Tröbitzer haben den ausgemergelten Menschen geholfen. Für 558 Frauen, Männer und Kinder aus dem Zug kam diese Hilfe zu spät.