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"Was wir ertragen und was wir geleistet haben"

Das Schloss- und Klosterareal Doberlug kurz nach der Wende – verbaut und zubetoniert durch die militärische Nutzung.
Das Schloss- und Klosterareal Doberlug kurz nach der Wende – verbaut und zubetoniert durch die militärische Nutzung. FOTO: Markus Agthe
Elbe-Elster-Kreis. Als problematisch beschreibt Dietmar Kraußer die bauliche Substanz der Städte und deren Denkmale Anfang der 1990er-Jahre. "25 Jahre später ist fast vergessen, was wir eigentlich ertragen haben und oft auch, was seither geleistet wurde", würdigt der Gebietsreferent für Denkmalpflege für den Elbe-Elster-Kreis. Er zieht ein berufliches Resümee. Heike Lehmann

Gern stellt Dietmar Kraußer Fotos vom Schloss Doberlug und dem Klosterareal Anfang der 1990er-Jahre denen von heute gegenüber. Nachdem die historische Bausubstanz von Werkstätten, Versiegelungen und Anbauten befreit wurde, ist das Areal als bauhistorisches Kleinod für jedermann wieder erlebbar.

Sinnbild für den Aufbruch ist für Kraußer aber die Brikettfabrik "Louise" in Domsdorf. Nachdem sie geschlossen wurde, entwickelte sich daraus ein bedeutendes Technisches Denkmal in Brandenburg.

Mit dem gesellschaftlichen Umbruch von 1989/1990 entstand eine neue Situation - auch für denkmalpflegerische Fragen. 1990 wurde das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege gebildet, 1992 ein neues brandenburgisches Denkmalschutzgesetz beschlossen und etwa 750 Denkmalpositionen (ohne Bodendenkmale) in das Verzeichnis der Denkmale in Brandenburg übernommen.

Gleichzeitig erfolgte die Bildung der unteren Denkmalschutzbehörden der Altkreise Bad Liebenwerda, Herzberg und Finsterwalde. Nach der Kreisgebietsreform 1995 wurde der Sitz der unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises Elbe-Elster in der Kreisstadt Herzberg mit Gerold Glatte als Sachgebietsleiter eingerichtet.

Gewinne

Es entwickelte sich zunehmend ein Bewusstsein für Baudenkmale. Kommunen, aber auch Privatpersonen nahmen immer öfter ihre Verantwortung wahr. Dietmar Kraußer nennt stellvertretend für eine große Anzahl geretteter und sanierter Denkmale einige Beispiele. Die Stadtsanierung in Uebigau-Wahrenbrück, Mühlberg, Herzberg, Finsterwalde, Doberlug-Kirchhain und Bad Liebenwerda sei erfolgreich verlaufen. "Die Bilder von einst verblassen in der Erinnerung der Menschen", sagt der Denkmalpfleger zufrieden und verweist auf das Schloss Finsterwalde, das als moderner Verwaltungssitz ausgebaut wurde, wo aber auch baukünstlerische Werte wie Innenraumfassungen von hoher Qualität wieder herausgekitzelt wurden.

Das Kloster Mühlberg als "unentdecktes" Kloster befand sich bis auf die Klosterkirche "in einem außerordentlich heruntergekommenen Zustand", erinnert sich Kraußer. Mit viel Energie wurde die Anlage wieder ansehnlich, Propstei und Klosterkirche nach dem Tornado 2010 saniert. Der Orden der Claretiner, die Stadt und der Museumsverbund, aber auch Privatleute engagieren sich, um zunehmend Leben in die alten Mauern zu bringen. Das Renaissancehaus in der Kirchstraße 14-15 von Mühlberg wurde mit viel privatem Engagement restauriert.

Beispielhaft ist aus Kraußers Sicht die Sanierung von Schloss und Kloster Doberlug verlaufen. Das Besucherbergwerk F 60 in Lichterfeld steht für Industriekultur, Tourismus und den Mut der kleinen Gemeinde und des Amtes Kleine Elster. Viele Dorf- und Stadtkirchen und den Lubwartturm in Bad Liebenwerda führt er noch an.

Grundlagen für den Erfolg sind aus seiner Sicht die zielorientierte Zusammenarbeit von Kommunen, Denkmaleigentümern, Kirchengemeinden, Sanierungsträgern, kirchlichen Bauämtern mit der unteren Denkmalschutzbehörde beim Landkreis und dem Landesdenkmalamt. Und er hebt anerkennend ein hilfreiches Instrument hervor: "Nicht überall gibt es wie im Landkreis Elbe-Elster jährlich einen kleinen Denkmalfonds, mit dem Eigentümer finanziell unterstützt werden können.

Verluste

Jeder einzelne Verlust schmerzt, sagt der Mann, der seinen Beruf mit viel Herzblut ausgeübt hat. Aber: Die Verluste hielten sich, angesichts der vielen positiven Beispiele, in Grenzen. Was nicht erhalten werden konnte, wurde dokumentiert und existiert zwischen Aktendeckeln weiter. Der Denkmalpfleger benennt den Rautenkranz in Elsterwerda, Hauptstraße 34, die ehemalige Bäckerei Selkmann und die ehemalige Brikettfabrik Hohenzollern (Ofenbude), die Kleine Ringstraße 9 in Finsterwalde und die Musikmuschel der Gaststätte "Zur Erholung" in Finsterwalde. Oft hätten Gründe der Wirtschaftlichkeit den Ausschlag gegeben. Die Schloßstraße 3 in Mühlberg und die Paltrockmühle Kosilenzien konnte man wegen ihres Zustandes nicht retten. Opfer eines Brandes wurde die Erdholländer-Mühle Wehrhain.

Und es gibt Sorgenkinder

Sorgenvoll blickt Kraußer auf das Kraftwerk Plessa - anfangs eine Erfolgsgeschichte. Nach der Stilllegung folgte die Privatisierung, die scheiterte. Danach sollte es abgerissen werden. Die Rettung kam mit der IBA Fürst Pückler Land. Eine umfängliche Sanierung erfolgte. Nach der Insolvenz der Kraftwerks GmbH wurde das Kraftwerk erneut privatisiert. "Seither stocken jegliche Aktivitäten. Der Verlust droht", bedauert der Denkmalpfleger.

Auch die Zukunft von Schloss Neudeck beschäftigt ihn. Es wurde bis 1995 genutzt, dann durch das Land privatisiert - ohne jegliche Aktivitäten für das Denkmal. Nach zehn Jahren folgte die Reprivatisierung und Überlassung an den Förderverein Schloss Neudeck. Weitere Sorgenkinder aus denkmalpflegerischer Sicht sind das Schloss Mühlberg, die Ziegelei in Polzen sowie Schloss und Park Sonnewalde.

Hoffnung und Ausblick

Erfreulich dagegen sei, dass es mehr als nur positive Signale zum Kulturhaus Plessa gibt.

Kraußer befürchtet aber, dass die bisherige Intensität in der Denkmalpflege nicht aufrechterhalten werden kann. Das hänge mit der personellen Struktur im Landesdenkmalamt zusammen. Ehrenamtliches Engagement, wie vom Verein der KZ-Gedenkstätte Schlieben-Berga, werde künftig noch wichtiger werden. Und: Nach der Grundinstandsetzung vieler Denkmale ist in den kommenden Jahrzehnten deren Pflege zu bedenken.

Wenn Dietmar Kraußer ein Fazit zieht, dann fällt das so aus: "Ich denke, wir haben das Vierteljahrhundert im Landkreis Elbe-Elster gut genutzt, um das kulturelle Erbe im Denkmalbestand zu bewahren." Er wünscht sich, dass das Bild von "der Denkmalpflege, die alles verhindert", weiter verblasst. Gern zitiert Kraußer den Bürgermeister von Doberlug-Kirchhain, Bodo Broszinski, der formuliert hat, dass nach Auflösung der Kasernen, der Einstellung der Leder verarbeitenden Industrie und dem Verlust anderer Betriebe eines immer in der Stadt bleibt: das kulturelle Erbe, das es gilt, als Wirtschaftsfaktor zu nutzen, Tourismus, Handwerk, Bildung und Freizeit darauf aufzubauen.

Die erste Brandenburgische Landesausstellung in Doberlug-Kirchhain habe bewiesen, welche Zugkraft durch die Erschließung dieses historischen Erbes entwickelt werden kann.

Zum Thema:
Dietmar Kraußer (65) ist seit 1985 als Fachdenkmalpfleger tätig und seit 1990 als Gebietsreferent im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum für die Altkreise Bad Liebenwerda, Finsterwalde und Herzberg verantwortlich. Neben Elbe-Elster gehörten auch Oberspreewald-Lausitz (bis 2004), Cottbus und Spree-Neiße zu seinem Zuständigkeitsbereich. Ende Januar 2017 endet seine berufliche Laufbahn. Dieser Tage wurde er von den Kollegen im Landesdenkmalamt verabschiedet. Heute ist sein letzter Arbeitstag im Amt.