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Warten auf Psychotherapie mit Gesprächen überbrücken

EE-Amtsärztin Dr. Anne-Katrin Voigt.
EE-Amtsärztin Dr. Anne-Katrin Voigt. FOTO: Gabi Böttcher
Der Psychiatrietag des Landkreises Elbe-Elster beschäftigt sich in diesem Jahr mit Erkenntnissen und Erfahrungen rund um die Anwendung von Psychopharmaka. Über dieses Thema hinaus sprach die RUNDSCHAU mit Amtsärztin Dr. Anne-Katrin Voigt über die Versorgung psychisch Kranker im Landkreis und Defizite im System.

Wie eng ist das Netz der Versorgung psychisch Kranker im Vergleich zum Bedarf insgesamt im Landkreis beziehungsweise wo sehen Sie akute Defizite?
Vier niedergelassene Ärzte für Nervenheilkunde/Psychiatrie sowie 20 Psychotherapeuten und die Psychiatrische Institutsambulanz (PIA) des Elbe-Elster Klinikums in Finsterwalde und Elsterwerda sind ambulant für die Patienten da. Eine stationäre Versorgung erfolgt in der Abteilung Psychiatrie im Finsterwalder Krankenhaus, inklusive der Psychiatrischen Tagesklinik in Elsterwerda und Finsterwalde.

Beratung und Begleitung erfolgen durch die Kontakt- und Beratungsstellen für psychisch Kranke und die Beratungs- und Behandlungsstellen für Suchtkranke in Herzberg, Finsterwalde und Elsterwerda, den Sozialpsychiatrischer Dienst des Gesundheitsamtes in Herzberg, Finsterwalde und Bad Liebenwerda. Weitere Hilfen bei chronischen seelischen Erkrankungen und Suchterkrankungen werden in den Tagesstätten, Wohnstätten und Wohngemeinschaften für psychisch Kranke und Suchtkranke im Landkreis angeboten.

Sie sehen also keine Defizite?
Ich sehe eine insgesamt befriedigende Versorgungslandschaft. Defizite gibt es bei Beschäftigungs- und Arbeitsangeboten für psychisch kranke Menschen.

Wie sind die aktuellen Wartezeiten für diejenigen, die eine Psychotherapie in Anspruch nehmen möchten beziehungsweise nehmen müssen?
Trotz der bei uns tätigen 20 psychotherapeutisch tätigen Ärzte, unter ihnen drei psychotherapeutisch-psychologisch tätige Ärzte, zwölf Psychotherapeuten und fünf Kinder- und Jugendpsychotherapeuten sind aus unseren Erfahrungen Wartezeiten bis zu einem Jahr Realität, wobei es dabei auch auf die Art der psychischen Erkrankung ankommt.

Eine so lange Wartezeit ist bei psychischen Erkrankungen sehr hart. Was raten Sie den Betroffenen?
Definitionsgemäß ist Psychotherapie ein bewusster und geplanter Prozess zur Beeinflussung von Störungen mit Krankheitswert, die übereinstimmend von Patient und Therapeut für behandlungsbedürftig gehalten werden. Insofern ist Psychotherapie eine "Langzeitbehandlung". Betroffene können die Wartezeiten durch Gespräche mit ihrem behandelnden Arzt oder die Wahrnehmung der kostenfreien Beratungsangebote der Kontakt- und Beratungsstelle für psychisch Kranke und des Sozialpsychiatrischen Dienstes des Gesundheitsamtes überbrücken.

Besteht der Verdacht auf einen Herzinfarkt, kommt der Notarzt ins Haus. Geschieht das auch bei schweren psychischen Erkrankungen?
Für den Notarzt ist es unerheblich, ob ein Verdacht auf Herzinfarkt oder ein psychiatrischer Notfall vorliegt.

Gibt es im Landkreis Selbsthilfegruppen in diesem Bereich und wie schätzen Sie deren Rolle ein?
Es gibt in Herzberg, Finsterwalde, Elsterwerda, Bad Liebenwerda und Rückersdorf Selbsthilfegruppen für psychisch kranke Menschen und Selbsthilfegruppen für Angehörige von psychisch kranken Menschen. In Selbsthilfegruppen kommen Menschen durch Eigenaktivität und Selbstverantwortung zum Erfahrungs- und Informationsaustausch mit anderen Betroffenen. Die Bedeutung der gesundheitlichen Selbsthilfe hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen, was sich auch durch die Veränderung der Selbsthilfeförderung durch die Krankenkassen von einer gesetzlichen Kann-Regelung in eine Soll-Regelung seit dem Jahr 2000 widerspiegelt.

Kann der Landkreis die Arbeitsgruppen unterstützen und wie tut er das schon?
Eine regionale Kontaktstelle für Selbsthilfe und Interessengruppe wie im Landkreis Oberspreewald-Lausitz in Lauchhammer (Rekosi) gibt es in unserem Landkreis leider noch nicht. Dennoch erhalten Menschen, die sich mit dem Gedanken tragen, eine Selbsthilfegruppe zu gründen, beim Gesundheitsamt, bei Psychiatriekoordinator Reiko Mahler, die notwenige fachliche Beratung und Unterstützung.

Das brandenburgische Psychisch-Kranken-Gesetz sieht die Berufung eines Psychiatrie-Koordinators vor, damit die Landkreise ihrer koordinierenden und steuernden Aufgaben in der Versorgung psychisch kranker und seelisch behinderter Personen nachkommen können. Gibt es in Elbe-Elster einen solchen Koordinator beziehungsweise eine psychosoziale Arbeitsgemeinschaft?
Ja, es gibt einen Sozialpädagogen im Gesundheitsamt, der unter anderem mit den Aufgaben des Psychiatriekoordinators betraut ist.

Die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft hat gegenwärtig zwei Arbeitsgruppen. Das sind die AG kommunale Suchtprävention mit dem Schwerpunkt Crystal Meth und die AG Kinder von psychisch kranken Eltern. In Gründung befindet sich die AG Erwachsenenpsychiatrie

Welche aktuellen Probleme sehen Sie im Bereich der psychischen Gesundheit in Elbe-Elster?
Wir sind durch die verschiedenen Angebote für psychisch kranke Menschen ganz gut aufgestellt. Durch den Flächenlandkreis stehen wir regelmäßig vor dem Fakt, lange Fahrtwege zu den Klienten in Kauf nehmen zu müssen. Fehlende Mobilität macht es psychisch Kranken auch nicht leicht, Angebote in Anspruch zu nehmen.

Der diesjährige Psychiatrietag des Landkreises beschäftigt sich mit dem Thema "Nicht alles schlucken - Leben mit Psychopharmaka". Können Sie den Hintergrund für die Wahl gerade dieses Themas nennen?
Jeder Mensch kann in seelische Krisen geraten, und dennoch werden psychische Erkrankungen als Makel und Schande erlebt und zum Beispiel in der Familie, bei Nachbarn und im Berufsleben geheim gehalten und schamvoll versteckt. Die Schwierigkeiten, eine psychiatrische Diagnose und daraus abzuleitende Therapieoptionen zu akzeptieren, haben ganz unterschiedliche Gründe. Psychopharmaka sind besonders umstrittene Medikamente. Auf der einen Seite steht die Erwartung, gegen seelische Beschwerden eine Tablette verordnet zu bekommen. Auf der anderen Seite sind Meinungen im Umlauf, diese Medikamente machen abhängig, üben eine Art Gedankenkontrolle aus, verändern die Persönlichkeit.

Der eindrucksvolle Film "Nicht alles schlucken - Leben mit Psychopharmaka" stellt Erfahrungen mit Psychopharmaka aus Sicht Psychiatrieerfahrener, Angehöriger und von Fachkräften dar und bietet Anstöße für eine Auseinandersetzung mit diesem Thema. Eine anschließende, gemeinsame Diskussion soll helfen, die genannten Tabus zumindest ein Stück abzubauen. Hierfür haben wie keine geringeren als die Regisseure Jana Kalms und Peter Stolz eingeladen.

Mit Dr. Anne-Katrin Voigt

sprach Gabi Böttcher.

12. Psychiatrietag des Landkreises Elbe-Elster, Freitag, 4. November, 10 Uhr,

Refektorium Doberlug-Kirchhain