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Vater Wilhelms Anmeldung Nr. 88

Ruth und Herbert Zickert zeigen ihr Mitgliedsbuch der Finsterwalder Wohnungsgenossenschaft mit der Nummer 88 und ein Mietquittungsbuch aus den 60er-Jahren. Die beiden wohnen seit 1960 in der Grenzstraße. Von ihrem geliebten Balkon schauen sie ins Grüne.
Ruth und Herbert Zickert zeigen ihr Mitgliedsbuch der Finsterwalder Wohnungsgenossenschaft mit der Nummer 88 und ein Mietquittungsbuch aus den 60er-Jahren. Die beiden wohnen seit 1960 in der Grenzstraße. Von ihrem geliebten Balkon schauen sie ins Grüne. FOTO: Gabi Böttcher
Finsterwalde. Wenn die Wohnungsgenossenschaft Finsterwalde ihren 90. Geburtstag feiert, können Ruth und Herbert Zickert auf 57 Jahre in ihrer Wohnung in der Grenzstraße zurückblicken. Gabi Böttcher

Wer Ruth (77) und Herbert (79) Zickert erlebt, der kann zu dem Schluss kommen, dass ein fast lebenslanges Wohnen in ihrer persönlichen Wohlfühl-Zone in der Grenzstraße 18 in Finsterwalde zu ihrem Glück beigetragen hat. Seit 57 Jahren haben sie in ihrer 3-Zimmer-Wohnung der heutigen Wohnungsgenossenschaft Finsterwalde ihren Lebensort. Nur ganz kurz - als die Tochter den künftigen Schwiegersohn mitbrachte - wurde es hier ein wenig eng. Aber ernsthaft ans Umziehen dachten die Zickerts nicht.

Im Jahr 1960 war es, als die frisch Vermählten von der Anmeldung profitieren konnten, die Ruths Vater Wilhelm für die damalige Arbeiter-Wohnungsbaugenossenschaft Einheit und Frieden Finsterwalde bereits am 8. Oktober 1954 unterschrieben hatte. Vater Wilhelm überließ die Mitgliedschaft mit der Nummer 88 seiner Tochter.

"Am 1. August 1960 war die Wohnung schon fertig eingerichtet. Aber da waren wir noch nicht verheiratet", erzählt Ruth Zickert. Nach der Trauung im September desselben Jahres stand dann einem Einzug nichts mehr im Wege. "Aber da waren hier ringsum noch Erdhügel und Baustelle", erinnert sich Herbert Zickert.

1200 Aufbaustunden hatte er seinerzeit zu leisten. "Da waren Gräben auszuheben für die Versorgungsleitungen", ergänzt er. In einer Zeit, wo noch die 45-Stunden-Arbeitswoche galt und damit der Samstag eingebunden war, blieben meist die Samstag-Nachmittage für die Aufbaustunden. Mit seiner 350er-MZ BK aus Zschopau düste Herbert Zickert aus seinem Heimatort Ossak zur Baustelle seiner künftigen Wohnung in Finsterwalde. Ruth, das Umsiedlerkind, das es in den Nachkriegswirren von jenseits der Oder nach Ossak verschlagen hatte: "Wir waren damals sehr froh, dass wir die Wohnung bekommen haben. Jeder wollte in den ersten Stock. Wir sind in den zweiten Stock eingezogen." - Der ja heute als dritte Etage bezeichnet wird.

1962 wurde Tochter Marlies geboren, 1973 Sohn Heiko. Beide Kinder wohnten später selbst einige Jahre in Wohnungen der Genossenschaft, bevor sie ihre eigenen Häuser bezogen. Gut erinnern sich die Eheleute auch an den Bau ihrer Garage Anfang der 60er-Jahre, in der dann bald darauf der erste Trabi der Familie Platz fand. Das Jahr 1996 war mit der Modernisierung von Küche und Bad und der Umstellung von der Ofen- auf die Gasheizung eine ebensolche Zäsur wie das Jahr 2004. Hier ist ein Balkon angebaut worden, über den sich Zickerts sehr freuen. "Der ist schön groß und hat den Zugang von der Küche. So wie ich es mir gewünscht habe", sagt Ruth Zickert. Eine Markise haben sie sich selbst angebaut. Und schließlich folgte 2015 die Neugestaltung von Wegen und Anlagen der Genossenschaft im Zuge der Sanierung der Grenzstraße durch die Stadt Finsterwalde. "Wenn man sich vorstellt, dass hier früher einmal Gärten waren", blickt Herbert Zickert zurück.

Ob die Eheleute am Samstag das Fest der Genossenschaft zu deren 90. Geburtstag besuchen, wussten die Zickerts zu Wochenbeginn noch nicht. Ruth Zickert schien jedenfalls nicht abgeneigt. Beim letzten Mieterfest war sie mit ihrer Freundin. Und das sei sehr schön gewesen.

Zum Thema:
Die 1927 gegründete GEWOBA gilt als Ursprung der heutigen Wohnungsgenossenschaft Finsterwalde. Zu ihr gehören heute 2780 Wohnungen in Finsterwalde, Sonnewalde, Crinitz, Schacksdorf, Rückersdorf, Schönborn, Tröbitz und Doberlug-Kirchhain. Zum 75. Firmenjubiläum im Jahr 2002 ist der Grundstein für das neue Verwaltungsgebäude in der Brandenburger Straße 2g gelegt worden, der Umzug erfolgte im Juni 2003.2001 war das Projekt "Balkonanbau" Am Langen Hacken 96 gestartet worden. Bis zum Jahr 2010 wurden 388 Balkone angebaut.Am Samstag, 15. Juli, wird von 14 bis 22 Uhr mit Genossenschaftern und Gästen der 90. Geburtstag gefeiert.