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| 17:40 Uhr

Überlebender des Todeszuges, kehrt an Ort seiner Befreiung zurück

Henry Jahre unternimmt mit Zvi Birnbaum (M.) und seiner Familie in Tröbitz eine Reise in die Vergangenheit.
Henry Jahre unternimmt mit Zvi Birnbaum (M.) und seiner Familie in Tröbitz eine Reise in die Vergangenheit. FOTO: Dieter Babbe
Tröbitz. 69 Jahre lang hat Zvi Birnbaum, der in Berlin geboren wurde, kein Deutsch mehr gesprochen. Lange hat er das schreckliche Kapitel in seinem Leben zu verdrängen versucht. Jetzt ist er erstmals an jenen Ort zurückgekehrt, wo sein Leidensweg am 23. April 1945 ein Ende nahm. In Tröbitz. Und Zvi Birnbaum spricht mit den Tröbitzern wieder Deutsch. Dieter Babbe

"Ich wache nachts auf, sehe die Bilder von hungernden, sterbenden Menschen um mich herum. Ich träume davon. Und mir kommen immer wieder die Tränen", erzählt Zvi Birnbaum. Er gehörte zu den mehr als 2400 jüdischen Häftlingen, die in den letzten Kriegstagen vom KZ Bergen-Belsen ins KZ Theresienstadt gebracht werden sollten - und die den Todeszug überlebt haben. Er will Wunden nicht neu aufreißen - wären da nicht seine Kinder gewesen. "Sie drängten mich, mit ihnen gemeinsam noch einmal dorthin zu reisen, wo ich so viel Leid erfahren habe."

Eltern kümmern sich um Waisen

Und so machten sich der 81-Jährige mit seiner Frau Monique und seinen fünf Kinder dieser Tage von Israel aus auf den Weg - vom früheren KZ Bergen-Belsen bis nach Tröbitz. Die Geschichte der jüdischen Familie Birnbaum ist eine ganz besondere. Zvi kam zusammen mit seinen Eltern Henny und Joshua-Heschel sowie fünf weiteren Geschwistern ins KZ Bergen-Belsen. Hier kümmerten sich die Eltern nicht nur um die eigenen, sondern etwa 40 weitere Kinder, von denen die Eltern im Lager verstorben waren. "Mit Genehmigung der SS durfte die Totenbaracke, die für die vielen Leichen nicht mehr ausreichte und die deshalb bergeweise davor gestapelt wurden, in eine Kinderbaracke verwandelt werden", erzählt Zvi. Mit viel Organisationstalent gelang es seiner Mutter, für die Kinder immer wieder etwas Essbares zu organisieren - "die ständig unter Hunger litten und unter Läusen auch". Als ein "Wunder" bezeichnet es Zvi, dass unter diesen katastrophalen Zuständen nur zwei Kinder im Lager starben.

Als noch schlimmer beschreibt Zvi Birnbaum die Zustände im Zug, in den Tausende Menschen im KZ Bergen-Belsen gepfercht worden sind. "Während der ganzen zweiwöchigen Fahrt bekamen wir nicht einmal etwas zu essen. Lediglich bei den Luftangriffen, als die SS-Wachen flohen, suchten die Zuginsassen nach Nahrung und brachten meist Kartoffeln und Steckrüben mit. Viele, sehr viele überlebten diese Fahrt nicht", erzählt Zvi.

Gut erinnert sich der damals Zwölfjährige, als der Zug nach 13-tägiger Irrfahrt durch Deutschland in Tröbitz zum Stehen kam. "Die ausgehungerten Menschen wurden von den russischen Soldaten aufgefordert, in die Häuser der Deutschen zu gehen, um dort zu essen und zu wohnen." Familie Birnbaum bezog mit ihren sechs eigenen und den 40 Waisenkindern ein kleines Haus in der Schildaer Straße, während sich die deutschen Bewohner ein Zimmer teilen mussten."

Die Gesichter der Tröbitzer

Zvi erinnert sich an die Gesichter der Tröbitzer: "Mit Hass erfüllten Augen sahen sie die lebenden Skelette an, überall wimmelte es von ihnen. Unser Äußeres erschreckte sie, wir sahen wie verhungerte Knochengerüste aus, wir waren schmutzig und heruntergekommen. Genauso, wie es die NS-Propaganda jener Zeit zeigte."

Zvi Birnbaum erzählt eine Episode: "Wir hörten von einem Lebensmittellager in der Nähe - mein Bruder Jacob und ich fuhren mit einem Pferdewagen dort hin. Voll beladen mit Fleischkonserven, Käse, Eiern kehrten wir zurück - als uns Russen anhielten. Wir befürchteten Schlimmes - doch sie spannten nur das Pferd ab, wir mussten den Wagen bis zum Haus schieben und ziehen."

Henry Jahre hat dieser Tage die Birnbaums zu den Stationen in Tröbitz geführt, wo ihr Vater die ersten Monate in Freiheit verbracht hat. Auch vor dem früheren Waisenhaus standen sie, in dem heute noch Nachkommen wohnen. Der Gemeindevertreter hat die Besucher aus Israel zum Lager Nordfeld und auch zum jüdischen Friedhof geführt. "Der Friedhof ist sehr gepflegt", würdigt Zvi Birnbaum die Tröbitzer.

Am 16. Juni 1945 haben die acht Birnbaums Tröbitz in Richtung Holland verlassen. Im Jahre 1950 ist die Familie nach Israel übergesiedelt.

Zum Thema:
Am 23. April 2015 jährt sich zum 70. Mal der Tag der Befreiung der jüdischen Häftlinge im "Verlorenen Transport", der in Tröbitz zum Stehen kam. In einer Festveranstaltung soll daran erinnert werden, dass 553 Menschen während der Irrfahrt und danach verstorben sind und 320 von ihnen in Tröbitz beigesetzt wurden. 13 Stelen sollen in einer neuen Open-Air-Ausstellung, die zur Jubiläumsveranstaltung eingeweiht wird, an das Schicksal der Juden erinnern - in der kommenden Woche beginnen dazu die Bauarbeiten.