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"Territoriale Arroganz" und eine Energieroute für Radler

Lutz Modrow, Bürgermeister von Massen
Lutz Modrow, Bürgermeister von Massen FOTO: Heike Lehmann
Massen. Gemeinde Massen ist Vordenker und Vorreiter bei regionalen Kreisläufen und alternativen Energien. Angeregte Podiumsdiskussion, trotz Unwetters. Heike Lehmann

Als hätte der Wettergott das Thema der Podiumsdiskussion bei LR vor Ort am Donnerstagabend geflüstert bekommen, schickte er all seine Naturgewalten auf einmal. Einer drückenden Hitze folgte das Unwetter. Es blitzte, stürmte und regnete aus vollen Kräften.

Wohl deshalb fand die anregende Diskussion unter Leitung von RUNDSCHAU-Redakteurin Gabi Böttcher leider nur sehr wenige Zuhörer. Man blieb lieber zu Hause.

Inhaltlich war "Massen - Ein Ort voller Energie" eine Bündelung an konkreten Beispielen, wie eine Kommune mit Unterstützung der Verwaltung und den richtigen Partnern an der Seite effektive und alternative Wege in Sachen Klimaschutz und Energie beschreiten kann.

Bürgermeister Lutz Modrow (SPD) hatte sich mit dem 130 Seiten starken Energiekonzept vom Amt Kleine Elster gewappnet. Beschlossen ist es seit 2014, konkrete Maßnahmen, verankert im Haushaltsplan der Gemeinde, wurden daraus abgeleitet. Wie die Umrüstung der Straßenbeleuchtung auf LED. "Die Sanierung der Sporthalle, um den Wärmeverlust zu verringern", gehört noch zu den Energiesparzielen des Bürgermeisters.

Dass Massen und das Amt Kleine Elster oft schneller sind als andere, wurde an diesem Abend mehrfach belegt. Allein der Veranstaltungsort, das Energie-Service-Center, "Anfang der 1990er-Jahre als solches kreiert", so Amtsdirektor Gottfried Richter ist Zeugnis dafür. "Es ist ein energieorientiertes Bürohaus, entstanden aus einer Tischfabrik. Wir wollten hier Firmen etablieren, die etwas mit Energie zu tun haben, waren aber schlicht zu zeitig mit dieser Idee", gestand er ein.

Dass der Windkraft im Amt großer Raum gegeben wird, ist unübersehbar. Die ersten Anlagen wurden im Massener Ortsteil Betten errichtet und bekamen noch liebevoll Männervornamen. Inzwischen hat allein die Windkraftfirma UKA 30 Anlagen errichtet. Weitere Windräder stehen in Sallgast und Lichterfeld. "Geht da noch mehr?", wollte Moderatorin Gabi Böttcher wissen. "Sechs weitere Anlagen könnten in Rehain gebaut werden, allerdings ist die Umsetzung abhängig von der gemeinsamen Landesplanung. Erst dann können wir in Massen weiterdiskutieren", so Richter. "Und die Hürden sind ziemlich hoch."

Überlegungen, was die Gemeinde selbst beitragen könne, führten vor Jahren zu den landwirtschaftlichen Flächen und eigenen Wäldern sowie der Idee, kommunale Gebäude mit Holz zu beheizen. Vier sind es heute: Schule und Turnhalle, Verwaltungssitz und das Energie-Service-Center. Interessant waren die Erzählungen von Gottfried Richter und Susann Skalda, Geschäftsführerin des Biomasse Schraden e.V., wie sich Ideen fügen und Wege kreuzen können. Und die LR hat eine nicht unwichtige Rolle gespielt. "Wir haben regionale Verwerter gesucht und in der Zeitung gelesen, dass Massen ein Holzheizkraftwerk plant. Da haben wir uns im Amt gemeldet und seit 2010 sind wir jetzt Partner", erinnerte sich Susann Skalda. Am 23. März 2012 wurde eine erste Kurzumtriebsplantage angelegt. Weitere folgten in Jahresabständen. Ein natürlicher Kreislauf mit großem Effekt: Holzhackschnitzel von schnell wachsenden Pappeln liefern Massen thermische Energie - erzeugt im eigenen Biomasse-Heizkraftwerk.

Um neuartigen Vorlauf geht es bei den Agroforstsystemen. Ein Themenfeld, bei dem das Amt Kleine Elster und Landwirtschaftsbetriebe wie die Massener Höfe Praxispartner der BTU Cottbus-Senftenberg sind. "Das ist eine höhere Liga, in der wir mitspielen", betonte Gottfried Richter. Und Karina Kositzke, Geschäftsführerin der Massener Höfe, erklärte, sie habe sich von der Idee überzeugen lassen. Erste Agroforststreifen zu Forschungszwecken sind angelegt. Auch hier ist Biomasse Schraden Partner. Susann Skalda ist von der Zielstrebigkeit und Praxisverbundenheit der Massener so begeistert, dass sie spontan erklärt: "Hier könnte man eine Energieroute mit dem Fahrrad anbieten."

Nichts aber geht ohne die Energie des Menschen. Bernd Große, Vorsitzender vom etwa 60 Mitglieder zählenden Reitverein Massen und Initiator der Museumsscheune, die zunehmend zur ganzen Museumsanlage erweitert wird, steht an diesem Abend beispielhaft dafür. Sein Leitspruch: "Wir müssen eine territoriale Arroganz haben." Stolz sei er auf das Reitturnier, das jährlich als "familienbezogene Veranstaltung" durchgeführt wird. Große benutzte den Begriff "Gläserne Landwirtschaft" und ließ erahnen, was ihm dabei vorschwebt. Schulklassen führt er zwei Stunden durch die Sammlung alter bäuerlicher Gerätschaften. "Wir haben mit ihnen schon gedroschen und gebacken", verrät er. Überlegt werden müsse aber, wie der Bestand in Zukunft zu sichern sei.