Pfützner dementiert energisch gegenüber der RUNDSCHAU - zunächst. "Ich war niemals IM und würde dies auf jeden Fall bestreiten. Ich habe auch keinerlei Verpflichtungserklärung gegenüber dem MfS abgegeben", sagt er sehr erregt und verweist darauf, dass er bereits vier Mal "überprüft" worden sei. "Und zwar als Lehrer, Beamter, Kreistagsabgeordneter und als Mitarbeiter der Kreisverwaltung. Jedes Mal war das Ergebnis negativ", erinnert sich Pfützner. Er werde sich sofort mit einem "Antrag auf Vorwurfsentlastung" an die Birthler-Behörde wenden. Zwei Tage später geht er noch mehr in die Offensive, kündigt die Einschaltung eines "renommierten Anwaltsbüros" an, um sich gegen den IM-Vorwurf zu wehren. Er wolle daher keinerlei Stellungnahme abgeben. Nur so viel: "Hier will keiner eine Klärung, sondern Rufmord. Das ist der Versuch, mich in der Öffentlichkeit zu diskreditieren, Existenzvernichtung", vermutet Pfützner. Danach Funkstille. Wer jedoch reagiert, ist sein Anwalt aus jener Berliner Kanzlei, in der auch Gregor Gysi tätig ist. Nur drei Tage nach dem zweiten Telefonat mit Pfützner erklärt er im Namen seines Mandanten, dass dieser "zu keinem Zeitpunkt wissentlich IM des MfS" gewesen sei.
Ins Rollen gebracht hat die ganze Sache eine Frau. Sie ist die Gattin eines Elsterwerdaer Pädagogen und hat sich bei der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) nach einer so genannten Opferakte ihres Mannes erkundigt. In dem ihr daraufhin zugesandten Material aus einstigen Stasi-Unterlagen tauchen neben einem IM "Wolfgang" auch ein IM "Meyer" und "Achim Meyer" auf. Wer hat da über meinen Mann berichtet„, fragt sich die Frau, die namentlich nicht genannt werden will.
Sie macht von ihrem Recht gemäß Stasi-Unterlagen-Gesetz Gebrauch und beantragt bei der BStU die Bekanntgabe der Klarnamen. Während IM "Wolfgang" unauffindbar bleibt, wird die Behörde in Sachen "Meyer" fündig. Es handele sich bei beiden "Meyer"-Decknamen um Joachim Pfützner, bescheinigt die Birthler-Behörde.
Aus den der RUNDSCHAU vorliegenden Unterlagen besagter Behörde geht unter anderem hervor, dass Joachim Pfützner erstmals am 5. November 1985 um 20 Uhr in seiner Wohnung Besuch von einem Mitarbeiter der Stasi-Kreisdienststelle Bad Liebenwerda bekommt - von einem Oberleutnant A. "Der P. zeigte bereits im ersten Gespräch die Bereitschaft, Personen zu belasten", schreibt dieser danach in einen so genannten "Treffbericht". Ein zweites Kontaktgespräch folgt am 4. Dezember 1985. Diesmal an einem konspirativen Treffpunkt wie A. protokolliert. Diesmal mit Pfützners Decknamen "Achim Meyer". Diesmal mit der Bezeichnung "VA-IM" für eine so genannte Vorlaufakte eines geplanten IM. "Der VA-IM … ist in jedem Fall gewillt, das MfS zu unterstützen … legt ein konspiratives Verhalten an den Tag …", schätzt der Stasi-Oberleutnant nach diesem Gespräch ein.
Am 10. April 1986 habe der VA-IM einen "handschriftlichen Bericht in guter Qualität" abgeliefert. Und Pfützner quittiert A. den Erhalt von 50 Mark "zur Begleichung der Unkosten durch Benutzung des privaten Pkw" mit einer von ihm handschriftlich gefertigten Quittung - unterzeichnet mit "Meyer". "Der VA-IM ist gewillt, inoffiziell zu arbeiten", vermerkt A. im Treffbericht vom 7. Mai 1986 und am 26. Juni 1986 schlägt A. schließlich das angestrebte Ziel der Stasi vor, dass der "VA-IM beim nächsten Treffen verpflichtet werden kann".
Doch dazu soll es nicht mehr kommen, denn im vom 5. Januar 1987 datierten Abschlussbericht ist nicht nur von sechs Treffen in der "Vorlaufsphase" die Rede, sondern auch davon: "Der VA-IM berichtete zu den jeweiligen Problemen und fertigte schriftliche Berichte an, die der Auftragsstruktur entsprechen. Es musste jedoch eingeschätzt werden, dass der VA-IM objektiv nicht die nötigen Voraussetzungen mitbringt… Hinzu kommt, dass der VA-IM durch kadermäßige Veränderungen an der POS ab 01. 09. 86 als Parteisekretär eingesetzt wurde. Mit dieser kadermäßigen Veränderung wurden alle Vorstellungen hinfällig … Es wird vorgeschlagen, den VA-IM Meyer im Archiv der Abt. XII BV Cottbus abzulegen." Damit ist nach heutiger Aktenlage die Zusammenarbeit von Joachim Pfützner mit dem MfS zu Ende.
Erst als die RUNDSCHAU Joachim Pfützner mit diesen Erkenntnissen aus den Stasi-Akten konfrontiert, ist er bereit, darauf einzugehen - schriftlich, nach Bedenkzeit. In seiner Erklärung kann er sich nunmehr daran erinnern, dass es im Jahr 1985 den "Versuch" des MfS gegeben habe, ihn anzuwerben. Er räumt auch "fünf bis sechs Treffen" mit einem "Bekannten" von ihm, der "MfS-Mitarbeiter" war, ein. "Der Mitarbeiter sagte mir damals, dass es einerseits um Ermittlungen gegen eine Person aus meinem beruflichen Umfeld ginge, der Spionagetätigkeit für den Bundesnachrichtendienst vorgeworfen würde. Am Rande sollten auch allgemeine Missstände im Bereich des Schulwesens angesprochen werden. In diesem Zusammenhang wurden von mir auch schriftliche Angaben zu diesem Thema verlangt und - nach meiner Erinnerung - in maximal drei Fä ;llen gefertigt", gibt Joachim Pfützner nun zu. Die erwähnten Treffberichte seien ihm erst nach seiner Akteneinsicht bekannt geworden. "Sie geben in Sprache, Inhalt und Duktus allein die Denk- und Sichtweise des MfS-Mitarbeiters wieder. Ich hatte und habe inhaltlich eine andere Sicht auf diesen Sachverhalt", schiebt er den Schwarzen Peter dem Stasi-Offizier zu. Pfützner weiß, wo sein einstiger Schulkamerad, wie er sagt, nach so vielen Jahren auch heute noch - zumindest telefonisch - für ihn erreichbar sei, will der RUNDSCHAU aber für einen Kontakt mit A. nur bedingt entgegen kommen. Pfützner verweist auf den Schutz von dessen Persönlichkeitsrechten. Vor 20 Jahren schienen ihm selbige seines Kollegen offenbar egal gewesen zu sein. Er würde zwar gern den Kontakt zu A. vermitteln, das gehe jedoch nicht so schnell zu organisieren. Aber, der A. würde für ihn vor Geri cht aussagen, lässt sich Pfützner plötzlich am Telefon hinreißen.
Es habe jedoch damals keine ,konspirative Schulung', wie A. notiert hatte, gegeben. "Die Gespräche fanden in einem Bürgermeisteramt statt. Der - mir arbeitsrechtlich dienstvorgesetzte - Schuldirektor meiner damaligen Schule war über die Kontakte nicht nur informiert, sondern die Absprachen zu diesen Treffs liefen über das Telefon des Schuldirektors. Dieser hat mir auch verdeutlicht, dass meine entsprechende Zusammenarbeit im Rahmen der Ermittlungen angeraten sei. Ich selber habe niemals von mir aus Kontakt zu dem MfS-Mitarbeiter aufgenommen", belastet Pfützner seinen früheren Chef. Er verweist auf den oben erwähnten Abschlussbericht des Stasi-Offiziers A. und schlussfolgert: "Demzufolge war ich auch niemals IM des MfS, selbst aus Sicht des MfS nicht."
Mit "aus Sicht des MfS" hat Pfützner sogar Recht, wie Recherchen der RUNDSCHAU ergaben. Allerdings, so die Auskunft der BStU, spreche man von einem IM gemäß Stasi-Unterlagengesetz nicht nur dann, wenn entweder eine mündliche oder schriftliche Verpflichtung nachweisbar ist, sondern auch, wenn ein so genanntes "konkludentes Handeln" vorliegt. Und das sei bei Joachim Pfützner der Fall gewesen. Er habe gewusst, mit wem er es zu tun hatte und was von ihm verlangt wurde - und es billigend akzeptiert.
Gestern meldete sich Joachim Pfützner ein zweites Mal per Fax und teilt darin der RUNDSCHAU unter anderem mit, dass er „zur weiteren Aufhellung des gesamten Vorgangs“ bei A. gewesen sei. Er habe A. dessen früheren Aufzeichnungen gezeigt. „Herr A. bestätigte, dass diese Aufzeichnungen nicht in allen Teilen tatsächlich stattgefundene Fakten spiegeln. Wie ich vermutete, finden sich darin Stereotype, die austauschbar generell gebraucht wurden. Auch hatte er klare Vorgaben von seinen Vorgesetzten und hat seine Berichte unter Druck der Erreichung einer bestimmten Ziel- und Aufgabenstellung entsprechend formuliert“ , schreibt Pfützner.
Wie geht es nun weiter mit dem 1. Beigeordneten des Landkreises Elbe-Elster“ Nach Pfützners eigener Einschätzung habe er niemandem geschadet. Aber kann er noch am selben Schreibtisch in der Kreisverwaltung sitzen wie früher„ Landrat Klaus Richter (SPD), der von Pfützner über die erste RUNDSCHAU-Anfrage und die zu erwartenden Recherchen informiert worden war, hat inzwischen seinerseits Akteneinsicht bei der Birthler-Behörde beantragt. Bis gestern lag noch nichts vor, wie sein Büroleiter Oliver Hönow gegenüber der RUNDSCHAU versicherte. Zudem weilt der Landrat in dieser Woche dienstlich im Ausland. Sobald die Akten vorliegen, so Klaus Richter vor seiner Abreise, werde er handeln. "Die Sache ist für den Landkreis und für mich persönlich belastend. Ich will das jetzt konsequent durchziehen, egal mit welchem Ergebnis", kündigte Richter an, der noch am gleichen Abend den Vorsitzenden des Kreistages über d en Sachstand informierte.
Ob er Pfützner den Rücktritt nahe legen wird, wollte Richter nicht sagen. Herr des Verfahrens sei nach Landesdisziplinargesetz das Innenministerium. Dieses prüfe, ob ein Disziplinarverfahren eröffnet wird. Laut Landkreisordnung kann Joachim Pfützner aber auch durch den Kreistag abgewählt werden. Der Antrag auf Abberufung kann von der Mehrheit der gesetzlichen Zahl der Mitglieder des Kreistages oder vom Landrat gestellt werden. Ein entsprechender Beschluss bedarf einer Zwei-Drittel-Mehrheit. Im Fall des 50-köpfigen EE-Kreistages also 34.
Und was sagt Joachim Pfützner selbst über einen möglichen Rücktritt“ "Darüber habe ich noch nicht nachgedacht."