Ein einziges Mal hat Heinz B., der letzte Leiter der Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit, einen Lokaljournalisten – auf dessen Wunsch – zu einem Interview in seine Diensträume an der Straße der Befreiung (heute Tuchmacherstraße) in Finsterwalde eingeladen.

Bei diesem Gespräch sprach B. die Sorge aus, dass Unbefugte bei den regelmäßig stattfindenden Demonstrationen Ende 1989 das MfS-Dienstgebäude stürmen könnten, um in den Besitz von Stasi-Akten zu kommen.

„Nirgendwo auf der Welt spaziert man einfach beim Geheimdienst rein“, erklärte der Kreisdienststellenleiter und verwies darauf, dass MfS-Mitarbeiter bewaffnet seien – wenngleich es ausdrücklich keinen Schießbefehl gebe.

Eskalation bleibt bei Demo aus

Die Organisatoren der Demonstrationen, auch in Finsterwalde meist Kirchenleute, aber auch Mitglieder vom Neuen Forum, vermieden es, die Menschenzüge am Stasi-Gebäude vorüber ziehen zu lassen, um in der damals mitunter aufgeheizten Stimmung es nicht zu den gefürchteten Übergriffen kommen zu lassen.

Nur einmal wich der Menschenzug von der geplanten Route durch die Thälmann-Straße (heute Berliner Straße) ab, bog in die Frieden- und anschließend in die Straße der Befreiung ein.

Am Stasi-Gebäude sprangen einige Demonstranten über den Zaun, stellten, als Zeichen der friedlichen Revolution, Kerzen auf und riefen „Stasi raus“ und „Stasi in die Produktion“. Die Situation blieb friedlich, zu einer Eskalation oder gar einem Versuch, das Gebäude zu stürmen, kam es nicht. Im Inneren beobachteten die Leute von der „Sicherheit“ das Geschehen mit Sorge.

Blick auf den Hof zu den Garagen. Im Hintergrund steht die neue Förderschule noch nicht.
Blick auf den Hof zu den Garagen. Im Hintergrund steht die neue Förderschule noch nicht.
© Foto: Kreisverwaltung

Vermutlich seit der Bildung des Kreises Finsterwalde im Jahre 1953 gab es die MfS-Kreisdienststelle, die zuerst in einer großen Villa am Frankenaer Weg untergebracht war, wo sich später das Kinderheim „Werner Lamberz“ befand und die heute als Wohnhaus dient.

Vom September 1969 stammt der erste Plan zum Bau eines neuen, viel größeren Dienstgebäudes der Stasi in der Straße der Befreiung. Insgesamt sechs meist Garten- und unbebaute Grundstücke sind für das mehr als 8000 Quadratmeter große Areal aufgekauft worden.

Ein Jahr später steht der dreigeschossige Plattenbau, errichtet vom damaligen VEB Bau. Roswitha Barig, damals Lehrling im Betrieb, kann sich noch gut an diese Baustelle erinnern: „Täglich kam der Stasi-Chef, der gegenüber gewohnt hat, gucken, was wir machen. Wir fühlten uns ständig beobachtet.“

Raumaufteilung nach Bereichen

Das Haus hat in den drei Etagen 45 Räume, die meist etwa 17 bis 21 Quadratmeter klein sind. Schon bei der Planung erfolgte eine Raumaufteilung für die einzelnen Mitarbeiter nach Bereichen, wie Industrie, Landwirtschaft, Militärsicherung, Abwehr.

Außerdem befanden sich in den Etagen ein Funkraum, ein Chiffrierraum, eine große Telefonzentrale und ein Kulturraum. Im Keller, wo die Fenster wie im Erdgeschoss vergittert waren, gab es unter anderem einen RFT-Raum, einen Raum für Notstromaggregate, einen Kühlraum.

Wo war was im Stasi-Haus: Auszug aus der Bauplanung.
Wo war was im Stasi-Haus: Auszug aus der Bauplanung.
© Foto: Dieter Babbe

Nur vom Keller aus über eine Schleuse war ein Luftschutzbunker erreichbar, der bereits beim Neubau geplant war, aber „aus finanziellen Gründen“, wie es in den Stasi-Akten heißt, erst acht Jahre später angebaut wurde.

Hier befanden sich fünf kleine fensterlose Aufenthaltsräume, in denen im Ernstfall alle etwa 70 Mitarbeiter mit ihren Gerätschaften nur wenig Platz hatten. Dazu gab es eine Teeküche, eine Toilette, einen Lüfter-, einen Filter- und einen DAN-Raum.

Die eingelagerten Verpflegungsgüter sollten für etwa fünf Tage reichen. Dieser Bunker wurde nach der Wende abgerissen, an der Stelle entstand ein neuer großer Probenraum für die Musikschule.

Blick in den Luftschutzbunker, wo sich 70 Leute fünf Tage aufhalten konnten.
Blick in den Luftschutzbunker, wo sich 70 Leute fünf Tage aufhalten konnten.
© Foto: Kreisverwaltung

Als eine Arbeitsgruppe des Runden Tisches im Frühjahr 1990 das Stasi-Gebäude vom Dach bis zum Keller in Augenschein nehmen konnte, war zumindest Ilona Zerna, die AG-Leiterin, ernüchtert: „Ich hatte mir die Ausstattung bombastischer vorgestellt. Die Räume sind bescheiden eingerichtet“, erklärte sie nach dem Besuch.

Im Verlaufe der Jahre sah es der Leiter der MfS-Kreisdienststelle „zur Gewährleistung der vollen Gefechts- und Einsatzbereitschaft“ für erforderlich an, den Waffenbestand ständig zu erhöhen. So waren neben dem Stasichef acht weitere leitende Mitarbeiter ständige Waffenträger. 1981 wurden weitere Waffen angefordert, womit die Kreisdienststelle Finsterwalde mit 36 MPI und 38 Pistolen ausgestattet war.

Der frühere Luftschutzbunker wurde nach der Wende abgerissen, dafür entstand ein neuer großer Probenraum.
Der frühere Luftschutzbunker wurde nach der Wende abgerissen, dafür entstand ein neuer großer Probenraum.
© Foto: Kreisverwaltung

Druck von der Straße sorgt für Auszug

Mitte Dezember 1989 verließ die Stasi auf Druck der Straße das Gebäude, die wenigen verbliebenen Mitarbeiter wechselten als „Amt für Nationale Sicherheit“ in das Haus vom Rat des Kreises.

Am Runden Tisch flammte eine Debatte auf, wer der neue Nutzer des Gebäudes sein sollte. Im Gespräch waren ein Bettenhaus für das Krankenhaus, der Umzug der Poliklinik hierher und eine Fördereinrichtung für Behinderte.

Der Runde Tisch favorisierte letzteres, schickte aber den Finsterwalder Bauexperten Wolfgang Hensel und auch Dr. Heike Kiesel, damals im Kreisreha-Zentrum für die Betreuung von Schwerbehinderten im Kreis zuständig, zur Besichtigung in das Gebäude.

„Ich ging davon aus, dass uns das Gebäude zugesprochen wird. Für uns wäre das Haus ein echter Gewinn gewesen, denn die Fördereinrichtung in der Schillerstraße war viel zu klein, die Räume in der Villa dazu auf mehreren Etagen eng und verwinkelt. Als wir das Haus besichtigt haben, war es von der Stasi bereits leer gezogen“, erinnert sich Dr. Kiesel.

„Die Eltern, deren behinderte Kinder hier einziehen und sogar wohnen sollten, halfen zwei Wochen lang beim Entrümpeln. Viele Möbel, Bücher und auch Karl-Marx-Büsten flogen in die Container auf dem Hof.“ Nicht nur überrascht, recht verärgert waren Dr. Kiesel und die Eltern, als es dann plötzlich hieß: Der Verwaltungsbau ist als Behindertenstätte nicht geeignet. Zu diesem Schluss ist Wolfgang Hensel gekommen, stattdessen machte sich der spätere Baudezernent bei der Kreisverwaltung Finsterwalde für den Neubau einer Förderschule stark – die inzwischen längst unmittelbar neben dem früheren Stasi-Haus steht.

Neue Nutzung bleibt lange unklar

Für das alte Stasi-Gebäude hatte der Landkreis zunächst keine Verwendung, es zog das Finanzamt hier ein. Wolfgang Hensel erinnert sich: Weil der Platz für diese Behörde nicht ausreichte, gab es mit einem Berater der Potsdamer Landesregierung ernsthafte Gespräche und Pläne, einen U-förmigen Anbau auf dem Hof zu errichten. Sogar ein Modell gab es schon.

Doch der Plan sei im Zuge der „politischen Ränkespiele“ – auch um den Kreissitz des neuen Elbe-Elster-Kreises – schließlich im Sande verlaufen. Inzwischen hatte das Finanzamt eine neue Bleibe bei Kjellberg gefunden, der Kreis hat das Haus samt Grundstück 1999 für 3,5 Millionen DM ausgeschrieben. Es meldete sich nur ein Interessent, eine Immobilienfirma aus den alten Bundesländern.

Weil ein Verkauf nicht zustande kam, erarbeitete der Landkreis 2001 ein Nutzungskonzept. Mit dem Ergebnis: Zwei Jahre später zogen vor allem die Musikschule hier ein.

Nach und nach steckte der Kreis seit 2002, als das Finanzamt ausgezogen war, fast zwei Millionen Euro in das Grundstück – für eine moderne Heizung, für neue Fenster mit Sonnenschutz, für einen angebauten Probenraum, für den der alte Bunker abgerissen werden musste. 2013 wurde die Eingangstreppe neu, 2014 ein Fahrstuhl angebaut, seit 2016 wurde die gesamte Elektroanlage erneuert.

„Viel Geld stecken wir weiter in die Räume der Musikschule, damit sich die Akustik verbessert. Auch die Eisentore von den Garagen, die noch aus Stasi-Zeiten stammen, sind im vorigen Jahr erst ersetzt“, informiert Ciro Scherff, Amtsleiter bei der Kreisverwaltung.

Stasi-Haus wird zum Ort der Kreativität

Eine architektonische Schönheit ist das Gebäude in der heutigen Tuchmacherstraße nicht, aber ein Haus mit Geschichte. Und ein Haus mit Zukunft. Um die 1000 Schüler werden hier jährlich an nahezu allen Instrumenten von insgesamt mehr als 80 Lehrern unterrichtet.

Was früher streng geheim und bewacht war, ist längst ein Haus der Öffentlichkeit – wo neben der Kreismusikschule unter anderem auch die Kreisvolkshochschule und die Kreisverkehrswacht sowie weitere Vereine ihren Sitz haben.

„Ich liebe Dich“ – damit ist mit Sicherheit nicht die Stasi gemeint.
„Ich liebe Dich“ – damit ist mit Sicherheit nicht die Stasi gemeint.
© Foto: Dieter Babbe

Leider sind ehemalige noch lebende Mitarbeiter mehr als drei Jahrzehnte nach Auflösung des MfS nicht bereit, über ihre konspirative Arbeit auch in Finsterwalde zu berichten. So stammen die meisten Informationen für diesen Beitrag von der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.

Danach dokumentieren hier 54 laufende Meter Akten die Arbeit der Kreisdienststelle in den Jahren von 1953 bis 1989. Weitere 27 Behältnisse enthalten noch zerrissene Unterlagen. Weiter unbekannt bleibt, wie viele Informelle Mitarbeiter (IM) in der Finsterwalder Dienststelle geführt wurden.

Systematische Überwachung durch Einschüchterung


Der 8. Februar 1950 hatte für zahlreiche Bürger der DDR schwerwiegende Folgen: Einstimmig bestätigte die Volkskammer das Gesetz über die Bildung eines Ministeriums für Staatssicherheit. Die Stasi hatte als Geheimdienst im In- und Ausland offiziell die Aufgabe, die DDR gegen ihre Feinde zu verteidigen. Gleichzeitig diente sie aber dazu, die Bevölkerung zu kontrollieren. Durch ihre Einschüchterungsmethoden trieb sie viele Menschen dazu, Personen aus ihrem direkten Umfeld zu denunzieren. Oppositionelle und Regimekritiker wurden systematisch überwacht. Nach der Wiedervereinigung wurden die Stasi-Akten den Betroffenen zur Einsicht freigegeben. Für die Lausitzer Rundschau war das Jubiläum Anlass, erstmals in die Geschichte eines markanten Finsterwalder Gebäudes zu blicken.