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Verschollen
Sonnewalde vermisst Millionenschatz

Fast 150 Möbel, wie diese Zylinderschreibkommode mit Uhr, sind nach dem Krieg aus dem Schloss Sonnewalde verschwunden.
Fast 150 Möbel, wie diese Zylinderschreibkommode mit Uhr, sind nach dem Krieg aus dem Schloss Sonnewalde verschwunden. FOTO: Kunstgewerbemuseum Berlin
Sonnewalde. Nach Kriegsende sind Kunstwerke in unschätzbarem Wert aus dem Schloss verschwunden. Heute erfolgt die Spurensuche. Von Dieter Babbe

Wertvolle Textilien und 150 kostbare Möbel sind in den letzten Kriegsjahren aus einem Museum im zerbombten Berlin ausgelagert und ins Sonnewalder Schloss geschafft worden, wo sie bis zum Kriegsende sicher lagerten. Doch unmittelbar danach waren die kostbaren Schätze verschwunden – bis heute. In Sonnewalde geht man jetzt auf Spurensuche.

Als ab dem Jahre 1943 immer mehr Bomben auf Berlin fallen, sucht der Direktor des Kunstgewerbemuseums nach geeigneten, vor allem sicheren Unterstellmöglichkeiten für die unschätzbaren Kunstwerke des Museum. Ein Großteil der historischen Stoffsammlung mit mehr als 2700 Stücken vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert und fast 150 wertvolle Möbel, wie schmuckvolle Truhen, verzierte Kabinettschränke sowie prunkvolle Tische und Stühle, finden in zahlreichen abgeriegelten oberen Räumen im Schloss des Sonnewalder Grafen Solms einen vorerst sicheren Platz.

Durch die Auslagerung aus Berlin nach Sonnewalde, aber auch in andere Schlösser und Gutshäuser in Brandenburg und darüber hinaus, können die einzigartigen Kunstgegenstände des Museums, das schon damals die bedeutendsten Sammlungen des europäischen Kunsthandwerks beherbergte, zunächst tatsächlich gerettet werden. Denn vor allem zum Ende des Zweiten Weltkrieges werden die Museumsräume in Berlin und damit große Teile des Bestandes zerstört.

Als sich der Museumsdirektor sofort nach Kriegsende in Sonnewalde nach dem Schicksal der ausgelagerten Kunstschätze erkundigt, bekommt er allerdings vom Schlossverwalter die schockierende Nachricht: Es sind keine Kunstwerke mehr im Schloss vorhanden. Offizielle DDR-Version ist später, das Schloss sei „vor den Sicherungsmaßnahmen durch die Rote Armee“ von Plünderern heimgesucht worden. Doch das bestreitet Graf Alfred zu Sonnenwalde, der als Kind nach dem Krieg Augenzeuge war. „Ich habe selbst gesehen, wie Sowjetsoldaten Möbel aus den Fenstern des Schlosses geworfen haben, wo sie anlässlich der Siegesfeier verbrannt wurden. Vermutlich sind die Möbel als Feuerholz für die Wäscherei der Roten Armee verwendet worden.“

Dennoch keimt Hoffnung auf, als die Sowjetunion im Jahre 1958 plötzlich große Teile der Beutekunst an die DDR zurück gibt. So tauchen weit über 1000 Stücke der Textilsammlung des Berliner Kunstgewerbemuseums wieder auf, von denen man glaubte, dass sie bereits zerstört sind. Doch von den Möbeln fehlt bis heute jede Spur. Einzig eine kunstvoller Unterschrank, auf dem vermutlich eine Standuhr befestigt war, ist viel später in einem Wohnhaus am Sonnewalder Marktplatz aufgetaucht – von dem, außer einem Foto, nichts mehr erhalten ist.

Die Recherchen um das Schicksal der Berliner Kunstschätze in Sonnewalde führen in das kleine Dorf Ossak, heute ein Ortsteil von Sonnewalde. Auch hier ist der Saal der Dorfschänke während des Krieges und bis zum Kriegsende vollgestellt mit historischen Möbeln – woran sich nicht nur Horst Kuhnert, der letzte Gastwirt, gut erinnern kann. Er, wie andere ältere Einwohner, wissen aber nichts über den Verbleib der Möbel und können nur vermuten, dass insbesondere Flüchtlinge mit diesen Gegenständen ihre ersten Unterkünfte im Dorf einigermaßen wohnlich eingerichtet haben. Jedenfalls gibt es etliche Erzählungen dazu. Und auch darüber, dass gleich nach dem Krieg holländische Antiquitätenhändler im Dorf waren. Als sicher gilt, dass es sich bei den Ossaker Kunstgegenständen nicht um die aus dem Berliner Kunstgewerbemuseum gehandelt hat – „denn die sind genau registriert gewesen. Es gibt keinen Grund an den Verlagerungslisten zu zweifeln“, erklärt das Museum heute.

So sind zumindest Fotos von den verschollenen Möbeln erhalten geblieben. Mit der erstmaligen Veröffentlichung der Geschichte vom „Sonnewalder Kunstschatz“ – in noch ausführlicherer Form auch in der jetzt im Dezember erscheinenden Neuauflage der „Sonnewalder Heimatblätter“ Heft 17 – ist die Hoffnung verbunden, nach mehr als 70 Jahren wenigstens Hinweise über seinen Verbleib zu bekommen. „Und vielleicht taucht doch noch ein gutes altes Stück auf“, hofft Ortschronist Konrad Ziegler, der dem Autor dieses Beitrages die Vorlage für eine umfangreiche Recherche geliefert hat. Hinweise werden auf Wunsch streng vertraulich behandelt.

Horst Kuhnert, der letzte Gastwirt von Ossak, erinnert sich: Bis zum Kriegsende war unser Saal mit wertvollen Möbeln vollgestellt.
Horst Kuhnert, der letzte Gastwirt von Ossak, erinnert sich: Bis zum Kriegsende war unser Saal mit wertvollen Möbeln vollgestellt. FOTO: Dieter Babbe