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| 19:04 Uhr

Wahlforum in Sonnewalde
„Nichts ist unmöglich“ – auch ohne viel Geld?

 Kaum ein Stuhl blieb beim Sonnewalder Wahlforum zur Bürgermeisterwahl leer.
Kaum ein Stuhl blieb beim Sonnewalder Wahlforum zur Bürgermeisterwahl leer. FOTO: Dieter Babbe
Sonnewalde. Eine Frau und zwei junge Männer und wie sie die Schlossstadt Sonnewalde mit ihren 17 Ortsteilen als neuer Bürgermeister führen wollen. Von Dieter Babbe

120 Stühle stehen in der Aula der Grundschule – und das ist schon selten geworden in Sonnewalde: Außer ein paar in der ersten Reihe sind fast alle besetzt. Dabei geht es diesmal nicht zuerst ums leidige Abwasserproblem. Beim Wahlforum zur Bürgermeisterwahl, eingeladen vom Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung Axel Große, ist die Hütte voll. Hier präsentieren sich drei Kandidaten. Ein Fazit schon vorneweg: Die Sonnewalder haben eine gute (Aus-)Wahl – eine Mischung aus jung und erfahren, aus sachlich und leidenschaftlich. Einen echten oder peinlichen Patzer, der Stimmen kosten könnte, hat sich an dem Abend keiner geleistet. Allen drei Kandidaten ist gemeinsam: Sie treibt der Ehrgeiz und die Ungeduld, ihre Heimatstadt schneller als bisher voran zu bringen, lebenswerter zu machen, die Gemeinschaft und den Zusammenhalt zu pflegen, Bürger wieder mehr mit einzubeziehen, enger den Kontakt zu ihnen zu suchen, ein Ohr für ihre Sorgen zu haben.

Und dennoch gibt es Unterschiede. Rico Schulze (CDU), erst 28 Jahre jung, einziger gebürtiger Sonnewalder von den drei Kandidaten, gibt sich als den Erfahrenen in der Kommunalpolitik. Der studierte Rechtspfleger, sehr ruhig und sachlich im Ton, ist seit fünf Jahren Stadtverordneter und im Ortsbeirat, will seine gesicherte Beamtenlaufbahn auf Lebenszeit aufgeben und Berufspolitiker werden. Von ihm kommt der Satz, er wolle „weitermachen wie bisher“, den er später auf Bürgeranfrage noch mal relativiert. Er spricht davon, die Verwaltung im Rathaus modern führen zu wollen. So werde in seinem Büro ein Computer stehen, der dort bisher fehlt, über den er mit den Bürgern enger kommunizieren könne.

Aus anderem Holz geschnitzt ist Felix Freitag (UWSU). Beim Forum tritt er am leidenschaftlichsten auf, findet die Sprache der Leute, bekommt – gefühlt – den meisten Beifall. Der 32-jährige gebürtige Thüringer ist Landwirt, studierter Agrarwissenschaftler und arbeitet im Kundendienst der Sonnewalder Firma Schlieper. Als Verkaufsberater habe er gelernt, mit Menschen und ihren Problemen umzugehen. Insbesondere als Pferdesportler und Vorsitzender des örtlichen Reitvereins (hier kommt er immer wieder auf seine Erfahrungen zurück, die ihm im Bürgermeisteramt nutzen) habe er Wurzeln geschlagen in der Stadt Sonnewalde, die seine Heimat geworden sei. Politisch aktiv sei er bisher lediglich „im Hintergrund“ gewesen, aus Zeitgründen, wie Freitag betont. „Mit gesundem Menschenverstand und einer gehörigen Portion Optimismus“ wolle er „jeden Tag eine gute Tat vollbringen“. Als „ehrliche Haut“ gesteht er aber auch ein, dass es noch viele Dinge gebe, bei denen er sich noch nicht auskennt.

 Die Drei wollen Bürgermeister werden (von links): Rico Schulze (CDU), Monika Goetzke (Die Linke), Felix Freitag (UWSU).
Die Drei wollen Bürgermeister werden (von links): Rico Schulze (CDU), Monika Goetzke (Die Linke), Felix Freitag (UWSU). FOTO: Dieter Babbe

Wieder anders Monika Goetzke (Die Linke). Die 65-Jährige war Lehrerin, Horterzieherin und Kindergärtnerin und hier auch leitend tätig. Sie lebt seit zehn Jahren im Sonnewalder Ortsteil Kleinbahren, wo sie ein Bauernhaus gekauft hat. Seit 2014 ist Goetzke Stadtverordnete. Ihr Grundsatz noch immer: „Nichts ist unmöglich.“ Sie präsentiert sich beim Wahlforum als eine Frau mit Visionen für die Zukunft der Stadt, mit „verrückten Ideen“, mit denen sie andere mitreißen möchte. Als Bodo Woldt vom Schloss-Förderverein den desolaten Zustand des Vorderschlosses kritisiert, das dem Verfall preisgegeben sei, reagiert Monika Goetzke als Erste: Zuerst brauche die Stadt endlich ein Nutzungskonzept, um Fördergeld beantragen zu können. Manche Vorschläge seien schon 30 Jahre alt. In dem auf ihre Anregung jetzt neu gegründeten Ausschuss Kultur, Sport und Bildung werde dieses Problem thematisiert, versichert sie. Bis dahin könnte das Schloss schon jetzt mehr zum Bürgerzentrum werden, wo sich zum Beispiel junge Mütter treffen, eine Nähstube zum Besuch einlädt, eine kleine Gastronomie eingerichtet wird – „ohne Millionen auszugeben“. Rico Schulze überrascht mit der Äußerung: Wir haben in der Stadt starke Vereine und genug Kulturveranstaltungen. Es fällt nur auf: Viele Bürger gehen nicht hin.

Letztlich landete die Abenddebatte, wie zu erwarten, beim Thema Geld. Als Martina Meier, die Vorsitzende der Schützengilde, vorschlägt, im Rathaus einen Fond einzurichten, über den kleinere Projekte schneller finanziert werden können, hakt Rico Schulze ein. Er habe die Bürgermeisterin von Elsterwerda besucht, wo es einen Bürgerhaushalt gebe. Den könnte er sich auch für Sonnewalde vorstellen: Über die Verwendung einer bestimmten Summe im Haushalt entscheiden nicht die Stadtverordneten, sondern die Einwohner nach einer Befragung. Das Problem, so Schulze: Sonnewalde hat einen unausgeglichenen Haushalt, arbeitet nach einem Haushaltssicherungskonzept, darf damit nur Pflichtaufgaben finanzieren. Die Haushaltssituation habe sich in den letzten Jahren zwar verbessert, erklärt Monika Goetzke, aber noch könne sich Sonnewalde einen solchen Bürgerhaushalt nicht leisten. Und Jörg Jähnig, der langjährigste und erfahrenste Stadtverordnete, der das Wahlforum leitet, dämpft schon mal alle euphorischen Hoffnungen: „Es wird noch eine Weile dauern, bis unsere Finanzen in Ordnung sind und wir Wünsche äußern können.“

Egal wer Bürgermeister wird: Den Sonnewaldern, die in 17 Ortsteilen leben, bleibt nur, zunächst weiterhin mit dem wenigen Geld auszukommen, dafür umso mehr die Initiativen der Bürger, Vereine, vor allem auch der vielen kleinen und großen Unternehmen – die Firma Böllhoff wird in den nächsten Tagen eine weitere riesige Halle mit zusätzlichen Arbeitsplätzen einweihen – zu wecken.

„Wissen Sie schon, wen Sie am 1. September wählen werden?“, fragt Jörg Jähnig am Ende der zweistündigen, sehr sachlichen und gut geleiteten Veranstaltung in die Runde. Aus dem vollen Saal kommt ein vielstimmiges „Jaaaa!“. Bei einer spontanen LR-Umfrage unter den Besuchern werden alle drei Namen genannt, zwei von den drei öfters. Beim Rausgehen auf dem Flur meinen zwei Frauen: Es wird wohl auf eine Stichwahl hinauslaufen.

Egal wie die Wahl verläuft und ausgeht, am 17. Dezember 2019, wenn Amtsinhaber Werner Busse nach acht Jahren in den Ruhestand geht, hat Sonnewalde einen neuen Bürgermeister bzw. eine neue Bürgermeisterin.