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| 16:18 Uhr

Einen alten Plan wieder aufgreifen
Sonnewalde braucht ein Orgelmuseum

Von der einst größten Eiche des Kreises Finsterwalde ist nur noch ein Stumpf übrig geblieben. Im Bild Wolfgang Krüger, der Sohn und Enkel der einstigen Firmeninhaber.
Von der einst größten Eiche des Kreises Finsterwalde ist nur noch ein Stumpf übrig geblieben. Im Bild Wolfgang Krüger, der Sohn und Enkel der einstigen Firmeninhaber. FOTO: Dieter Babbe
Sonnewalde. Eine Geschichte um die stärkste Eiche im Finsterwalder Altkreis – und um Konrad Ziegler, der sie rettete.

Die Stadt sollte einen alten Plan wieder aufgreifen und das Heimatmuseum in ein Orgelmuseum verwandeln. Diese Anregung kam beim jüngsten Heimat­abend zur Vorstellung der neuen Ausgabe der „Sonnewalder Heimatblätter“ von Konrad Ziegler, dem Gründer der Jahresschrift, die jetzt bereits zum 18. Mal erschienen ist. Ausdrücklich unterstützt wurde der Vorschlag vom Historiker Rudolf Bönisch, einem profunden Kenner der Kirchengeschichte in der Region. Dass es in Sonnewalde mit Claunigks und Schröthers gleich zwei Orgelwerkstätten gab, die fast 50 Jahre lang sogar zeitgleich zahlreiche Orgeln hergestellt haben, von denen noch heute etliche erhalten geblieben sind, „ist für diese kleine Stadt etwas ganz Besonderes. Im viel größeren Cottbus gab es nicht einen einzigen Orgelbauer“, so Bönisch. Das kleine Ackerbürgerstädtchen in der Niederlausitz war am Ende des 18. Jahrhunderts ein bedeutendes Zentrum des Orgelbaus, das sollte als Schatz bewahrt werden, „wenigstens eine Dauerausstellung sollte es dazu im Museum geben“, regte Konrad Ziegler an.

 Der 91-Jährige hatte zusammen mit seinem Enkel Martin, beide verantworten gemeinsam die Herausgabe der Jahrespublikation, zu einem Heimatabend in das Sonnewalder Sportlerheim eingeladen. Hier war wieder kein Stuhl leer geblieben, ja sogar zusätzliche Sitzgelegenheiten mussten herangeschafft werden. Sechs der Autoren des neuen Heftes stellten kurz ihre Beiträge vor – dabei löste der von Günter Lorenz eine längere Diskussion aus. Der frühere SED/PDS-Bürgermeister von Sonnewalde, der sowohl vor als auch nach der Wende im Rathaus amtierte, berichtet in seinem Aufsatz über das Leben der Landbevölkerung zu Zeiten der Grafen, Herren und Gutsbesitzer. Sein Vorwurf an Chronisten, Politiker und auch Journalisten: Meist würden die unbestreitbaren Verdienste von Herrschenden, wie von Friedrich II., gewürdigt, dabei aber das Leben und Schaffen der Untertanen sehr oft ausgeblendet beziehungsweise unterbelichtet. Lorenz bezog das auch auf die 1. Brandenburgische Landesausstellung in Doberlug, „hier wurde nicht ein einziges Bild gezeigt, wie die Landbevölkerung früher in Katen gelebt hat, während sich die Herrschenden Schlösser bauen ließen“. Auch Martin Luther werde berechtigterweise als der große Reformator gewürdigt, „vergessen“ werde dabei vielfach der „Judenhasser“, der Luther auch gewesen sei.

Fünf Leute hatten Platz in der hohlen Rieseneiche von Sonnewalde. Hier die Maurer der Firma Krüger.
Fünf Leute hatten Platz in der hohlen Rieseneiche von Sonnewalde. Hier die Maurer der Firma Krüger. FOTO: Kreisarchiv Finsterwalde

 Dass es in der langen Geschichte der Grafen von Sonnewalde neben den „Guten“, die sich nicht nur um die Stadt, sondern auch darüber hinaus Verdienste erworben haben, so im diplomatischen Dienst, auch „die Schlechten“ gab, die das Volk nicht gut behandelten, wusste keiner besser zu berichten, als Konrad Ziegler, der die Familiengeschichte der Solms, die mit Graf Otto zu Solms-Laubach (1550–1612) in Sonnewalde begann, der 1582 den Grundstein zum Bau des Schlosses legte, aus dem Effeff kennt.

Viertklässler der Sonnewalder Grundschule stimmten mit einem kleinen vorweihnachtlichen Programm auf den Heimat­abend ein.
Viertklässler der Sonnewalder Grundschule stimmten mit einem kleinen vorweihnachtlichen Programm auf den Heimat­abend ein. FOTO: Dieter Babbe

 Graf Alfred Solms zu Sonnewalde, der erneut Autor in den „Sonnewalder Heimatblättern“ ist und wieder zum Heimatabend kam, nahm die Debatte auch um seine weit zurückliegenden Familienvorfahren gelassen und ihr Tun als Ausdruck der jeweiligen Zeitepoche. „Ich habe das Leben in Sonnewalde immer herrlich gefunden und dachte, dass es im Himmel kaum schöner sein kann. Trotzdem wurde ich nicht verwöhnt“, schreibt der 86-Jährige, der mit zwölf Jahren und unmittelbar nach dem Krieg Schloss und Sonnewalde verlassen musste, in seinen jüngsten Erinnerungen. Seine Eltern hätten immer auf eine Distanz zu Hitler Wert gelegt, verwies der Graf. Ein Grund auch, weshalb eine Hauslehrerin ins Schloss kam – „so musste ich nicht in die Hitlerjugend eintreten“. Nach der Wende sei er sehr freundlich von den Sonnewaldern empfangen worden, berichtete Graf Alfred – von Anfang an habe er klargestellt, dass er keine Rückforderungen des früheren Eigentums stellen werde.

Zahlreiche persönliche Begegnungen am Rande. Hinten links: der ehemalige Finsterwalder Museumsleiter Dr. Rainer Ernst mit Graf Alfred, vorn links Rudolf Bönisch im Gespräch mit Martin Ziegler.
Zahlreiche persönliche Begegnungen am Rande. Hinten links: der ehemalige Finsterwalder Museumsleiter Dr. Rainer Ernst mit Graf Alfred, vorn links Rudolf Bönisch im Gespräch mit Martin Ziegler. FOTO: Dieter Babbe

 Von 1947 bis 1990 hat der bei vielen Schülern beliebte Lehrer in Sonnewalde unterrichtet. In seiner Heimatstadt war er auch Stadtverordneter und Stadtrat, leitete lange Zeit das Parkaktiv, gründete einen LPG-Chor, der in diesem Jahr als Gemischter Chor Sonnewalde-Großbahren, weil der Nachwuchs fehlte, leider aufgelöst werden musste. Das wissen die wenigsten: Konrad Ziegler war langjähriger Naturschutzbeauftragter des Kreises Finsterwalde. In den Jahren von 1954 bis 1968 hat der Biologielehrer in diesem Ehrenamt zahlreiche wertvolle Bäume und Alleen unter Schutz gestellt und so vor der Säge gerettet. Im neuen Heft berichtet Dieter Babbe, der den Heimatabend auch moderierte, über eine besonders spektakuläre Aktion: An der Hainwiese unweit des Schlosses stand die damals stärkste Eiche des Kreises Finsterwalde. Es handelte sich eigentlich um einen Zwillingsbaum mit zwei Stämmen von acht und 5,5 Metern Umfang, die aus einer Wurzel kamen. Nachdem in den dickeren Baumteil der Blitz eingeschlagen und das Feuer das Innere des Baumes ausgehöhlt hatte, drohte er umzukippen. Um das zu verhindern, gelang es Konrad Ziegler, beim Rat des Bezirkes Cottbus viel Geld locker zu machen, damit der etwa 660 Jahre alte Baum für weitere Jahre gerettet werden konnte. Die Sonnewalder Baufirma Krüger bekam den ungewöhnlichen Auftrag, den Hohlraum, in dem bis zu fünf Personen Platz fanden, auszumauern. Immerhin sechs Fuhren Mauersteine, alle von der abgebrannten beziehungsweise abgerissenen Schlossruine, dazu Feldsteine, etliche Fuhren Sand und Zement sind verbaut worden. Sieben Maurer hatten einen Tag lang zu tun, den alten Baum so zu stabilisieren, dass er weiter über viele Jahre zum Pilgerort für Spaziergänger wurde. Inzwischen ist vom ausgemauerten Baum, außer ein paar Steinen, nicht mehr viel übrig, vom kleineren „Zwillingsbruder“ steht noch ein mehr als zweieinhalb Meter hoher trockener Stumpf.

 Als Mitte der 60er-Jahre der idyllische Lugkteich bei Brenitz zum Staatsjagdgebiet erklärt werden sollte, zu dem die Öffentlichkeit vermutlich keinen freien Zugang mehr bekommen hätte, schickte der Naturschutzbeauftrage eine Petition an den Bezirk – unterschrieben von allen Naturschutzhelfern – mit dem Ziel, das zu verhindern. Daraufhin ist Konrad Ziegler dringend aufgefordert worden, das „Partei schädigende Schreiben“ zurückzunehmen, was er aber ablehnte. Erst nach der Wende ist der Ehrenbürger von Sonnewalde für seine beispielhafte Naturschutzarbeit mit dem Bundesverdienstkreuz und in einem LR-Beitrag als der „Retter vom Lugkteich“ gewürdigt worden.

 Beim Heimatabend erzählte Konrad Ziegler auch eine Anekdote zum Schmunzeln, die für den Schneidermeister Göhre alles andere als lustig war, bis zu Ende. Ein Freundeskreis um den Mühlenbesitzer Paul Reimann erlaubte sich einen Scherz: Die Männertruppe lud über eine Anzeige in der Zeitung alle Sonnewalder zum Schlachtefest beim Schneidermeister ein. Was die Lebensgrundlage der armen Familie für ein Jahr bilden sollte, wurde durch die vielen Besucher an einem Tag verputzt. Zur Ehrenrettung der Männer gehört aber auch: Das Schwein haben sie dem Schneidermeister am Ende voll ersetzt.

 Am Ende der dreistündigen Veranstaltung sprach Konrad Ziegler, der am 8. Dezember seinen 92. Geburtstag begeht, von neuen Plänen für die „Sonnewalder Heimatblätter“: So sollen im nächsten Jahr unter anderem die damaligen Vorgänge um den Abriss des Schlosses beleuchtet werden. Dazu werden jetzt Zeitzeugen gesucht, die bei den Abrissarbeiten dabei waren.