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| 11:46 Uhr

Zum Volkstrauertag
So etwas hat Sonnewalde noch nicht gesehen

Geschafft! Bürgermeister Werner Busse vor dem sanierten Kriegerdenkmal in Sonnewalde.
Geschafft! Bürgermeister Werner Busse vor dem sanierten Kriegerdenkmal in Sonnewalde. FOTO: Dieter Babbe
Sonnewalde. Saniertes Kriegerdenkmal mahnt nach 118 Jahren zum Frieden und wird am Volkstrauertag wiedereingeweiht. Von Dieter Babbe

So etwas hat Sonnewalde bis dahin noch nicht gesehen – als Menschen „von allen Seiten dem Städtchen zu Fuß, per Wagen und per Bahn zueilen“. Der Niederlausitzer Anzeiger spricht von einer „ungeheuren Zuschauermenge“, die den Marktplatz, die Straßen und auch die Gaststätten füllt. Eine Besucherschar, „wie sie Sonnewalde bisher noch nicht in seinen Mauern zu beherbergen hatte“, schwärmt der Redakteur  von dem Tag, an dem in Sonnewalde das neue Kriegerdenkmal eingeweiht wird.

Wir schreiben den 19. August 1900, ein Sonntag bei herrlichem Kaiserwetter, als in der Mittagsstunde auf dem Marktplatz der Feldgottesdienst beginnt. Zum Festakt ist neben der gräflichen Familie auch Landrat Freiherr von Manteuffel erschienen. Nach den letzten Akkorden des Liedes „Nun danket allen Gott“ tritt Graf Solms-Sonnenwalde in seiner Kürassieruniform, mit sämtlichen Orden und Ehrenzeichen geschmückt, vor das bis dahin noch verhüllte Denkmal. Er erinnert an den Anlass für die Errichtung des Denkmals – an die „30-jährige Wiederkehr des Tages von St. Privat“, einer Schlacht im Deutsch-Französischen Krieg, in dem auch einige Sonnewalder und Männer aus den umliegenden Dörfern der Grafschaft gefallen waren. Herr Mittag, der Vorsitzende des Kriegervereins, übergibt dann das Denkmal der Öffentlichkeit beziehungsweise in die Hände der Stadtverwaltung. Bürgermeister Krüger übernimmt das „teure Kleinod“ mit der Versicherung, die Stadt werde „allzeit ein treuer Hüter und Pfleger“ des Denkmals sein – ein Versprechen, das einzuhalten den Sonnewaldern später, als das Denkmal in die Jahre kommt, schwer fällt.

Eine seltene Aufnahme von den Bauarbeiten zum Sonnewalder Kriegerdenkmal im Jahre 1900.
Eine seltene Aufnahme von den Bauarbeiten zum Sonnewalder Kriegerdenkmal im Jahre 1900. FOTO: Archiv Ziegler

Unter den uralten Bäumen beginnt am Nachmittag auf dem Sedanplatz, wo heute der Sportplatz ist, das Volksfest mit einer Stimmung, „die keine Steigerung mehr zulässt“, wie der Niederlausitzer Anzeiger berichtet. Mehrere Kapellen spielen in der Stadt, die seit Tagen bereits ein Festkleid trägt – überall Blumen, Ranken, Girlanden und Fahnen an den Häusern rund um den Marktplatz und in den Straßen. Am Abend erstrahlt die Stadt durch die neuen Laternen, die erst wenige Tage davor in Betrieb genommen wurden, in hellem Licht – ein Bild, wie es das in Sonnewalde zuvor noch nie gegeben habe, stellt die Heimatzeitung fest.

Die Leser vom Niederlausitzer Anzeiger erfuhren bereits vor der feierlichen Enthüllung vom Aussehen des Denkmals.
Die Leser vom Niederlausitzer Anzeiger erfuhren bereits vor der feierlichen Enthüllung vom Aussehen des Denkmals. FOTO: Dieter Babbe

Dabei sorgte das Kriegerdenkmal lange vor seiner Einweihung für recht kontroversen Gesprächsstoff in Sonnewalde. Bereits ein Jahr davor gibt es einen öffentlich ausgetragenen Streit – nicht über das Denkmal an sich, aber über den Standort auf dem Marktplatz gleich neben der Kirche. Der Grund: Etliche alte, schattenspendende Linden sollen, um für das Denkmal Platz zu schaffen, gefällt werden, beschließen die Stadtverordneten im November 1899. Von da an gibt es zum Teil erbitterten Widerstand gegen die Baupläne und die Baumfällung. Vor allem ältere Sonnewalder trauern den Bäumen nach. Es sind sogar schwarze Fahnen in der Stadt aufgehängt, eine Musikkapelle spielt traurige Weisen an dem Tag, als es zur Fällung kommt.

Der Niederlausitzer Anzeiger befeuert die Debatte mit Leserbriefen, die damals noch anonym veröffentlicht werden. „Ein Schrei der Entrüstung“ gehe durch die Bürgerschaft, weil die schönen Linden vor dem Gotteshaus dem Denkmal weichen müssen. Man könne nur „mit dem Kopf schütteln, wie man auf den Gedanken kommen konnte, solchen Vandalismus zu üben und die Linden abzuhauen“, schreiben „mehrere Abonnenten und Bürger in Sonnewalde“ an die Adresse der Stadt. Die reagiert nicht offiziell auf den Beitrag, versteckt sich in ihrer Antwort in der Zeitung allerdings hinter der Bezeichnung „Die weniger Einsichtsvollen“. Darin wird unmissverständlich erklärt: Der alte Friedhof vor der Kirche ist genau der richtige Platz für unser Kriegerdenkmal. „Die Freilegung des Platzes ist daher eine Nothwenigkeit.“ Sonnewalde sei von allen Seiten mit uralten Eichen und Ulmen umgeben, die bis in die Stadt hineinragen, weshalb der Ausdruck Vandalismus unpassend sei.

118 Jahre nagen am alten Denkmal: Die Steine am Sockel fielen bereits auseinander.
118 Jahre nagen am alten Denkmal: Die Steine am Sockel fielen bereits auseinander. FOTO: Dieter Babbe

Die Partei für den Erhalt der Bäume gibt dennoch nicht auf und spitzt in einem weiteren Leserbrief noch einmal zu. Bei der Denkmalfrage, die zur Lindenfrage ausgeartet sei, spiele „krankhafter Ehrgeiz“ eine Rolle.

Doch die Aufregung um die gefällten Linden legt sich dann bald, und spielt bei der Einweihung des Denkmals überhaupt keine Rolle mehr. Fortan berichtet der Niederlausitzer Anzeiger immer wieder über den Fortgang der vorbereitenden Arbeiten. Dabei geht es schon damals zuerst um das liebe Geld. Wahrscheinlich sind – wie heute auch – die Kassen der Stadt ziemlich klamm. Denn am 14. März 1900 veröffentlicht der Niederlausitzer Anzeiger eine „Herzliche Bitte“ an die Sonnewalder. Für den Bau des Fundamentes, und die Gestaltung des Platzes mit der Einfriedung fehlen noch etliche Geldscheine. Ein Aufruf, der nicht ungehört bleibt. Nach der Einweihung kann festgestellt werden: Das Denkmal kostet 4423 Mark – 4336 Mark davon werden allein durch die Spenden finanziert.

Im März erfahren die Leser der Zeitung mehr über das Aussehen des Denkmals und über die Aufschriften an den vier Seiten. Vier Monate später sind die Sonnewalder nach Finsterwalde in das Atelier der Bildhauerei Carl Wagner eingeladen, die bereits im Dezember des Vorjahres den Zuschlag für den Bau des Denkmals erhalten hat. Hier können die Besucher schon mal den großen kupfernen Adler mit seiner stattlichen Flügelbreite von 1,80 Metern in seiner majestätischen Haltung sowie das Werk des Bildhauers Paul Niendorf bewundern.

Einige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg wird das Sonnewalder Kriegerdenkmal umgestaltet und erweitert. Von den 273 Männern der Stadt, die eingezogen werden, sind am Ende 53 an der Ost- und an der Westfront gefallen, werden vermisst oder sind an ihren Verwundungen gestorben. Die Namen der Toten werden an einer langen, neu errichteten Mauer zwischen Denkmal und Kirche in zwei Steinplatten gemeißelt, außerdem erinnert seitdem eine Tafel in der Kirche an die Opfer des Krieges.

Als die Namen auf den Tafeln aus Sandstein immer unleserlicher werden und auch die Steine am Fundament des Denkmals sich zu lösen beginnen, weist die Sonnewalder Schützengilde auf den „desolaten Zustand“ des Denkmals hin. Das Gildemitglied Hans-Georg Brunk ergreift im Jahre 1996 die Initiative und alarmiert in Schreiben verschiedene Behörden. Dem Brenitzer gelingt es zunächst, die zuständigen Stellen bei Land und Kreis für die dringend notwendige Sanierung zu gewinnen, die auch Geld in Aussicht stellen, um das mehr als 10 000 DM teure Vorhaben zu realisieren. Auch die Stadtverordnetenversammlung spricht sich dafür aus, das Denkmal im Urzustand zu erhalten – einzig gegen die Stimme des damaligen Bürgermeisters Günter Lorenz (PDS). Während woanders Kriegerdenkmale mit den Namen der Toten als Mahnung verstanden würden, sei beim Sonnewalder Denkmal in der Überschrift an der Mauer mit den Tafeln vom „Heldentod“ die Rede, begründete er seine Ablehnung. Doch zur Rettungsaktion kommt es ohnehin nicht: Am Ende fehlt das Geld für eine dringend notwendige Sanierung.

Noch im vorigen Jahr empfand es Bürgermeister Werner Busse „als eine Schande, wie die Stadt regelrecht zugucken muss, wie die Gedenkstätte für die Toten der Kriege immer mehr verfällt“. Als dann Ende Januar der Sonnewalder Ehrenbürger Konrad Ziegler zu einem Heimatabend einlud, an dem mehr als 90 Besucher teilnahmen, nahm Busse erneut Anlauf. Er initiierte spontan eine Spendenaktion – und war am Ende des Abends überrascht: 350 Euro befanden sich in der Spendenkasse. Die Summe erhöhte sich dann in den folgenden Wochen auf 5500 Euro – der Anteil für die städtischen Eigenmittel war zusammen. „Von da an ließ ich nicht mehr locker. Ich holte den Landrat mit ins Boot, der ja auch Vorsitzender des Kreisverbandes des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist. Es kam zu einer Vor-Ort-Begehung und zu Festlegungen. Mit den Zuschüssen aus dem Lotto-Topf, der Sparkassenstiftung, des Volksbundes und den Spenden sind die 27 000 Euro zusammengekommen, die für den Erhalt des Denkmals benötigt werden.“ Mit diesem Geld ist der Obelisk überarbeitet, der Sockel erneuert und der große Adler, den Sowjetsoldaten zum Kriegsende mit einem Durchschuss vom Denkmal schießen wollten, ab August repariert worden. Etwas verteuert hat sich die Sanierung des Denkmals, da auch das Fundament erneuert werden musste. Weil dafür einst beim Bau Schutt verwendet wurde, hatte nach mehr als 100 Jahren die Standfestigkeit des tonnenschweren Denkmals gelitten – hier musste ein Stahlbetonfundament neu gegossen werden. Auch die Platten mit den Namen der Toten aus dem Ersten Weltkrieg konnten bisher nur gesäubert werden. Sie sollen im kommenden Jahr noch verfugt werden. Ob dann am Ende auch alle Namen wieder leserlich sind, ist erneut eine Frage des Geldes.

Hans-Georg Brunk von der Schützengilde nahm nach der Wende Anlauf, das Denkmal zu erhalten - aber erfolglos. Die Namenstafeln bleiben weiter unleserlich.
Hans-Georg Brunk von der Schützengilde nahm nach der Wende Anlauf, das Denkmal zu erhalten - aber erfolglos. Die Namenstafeln bleiben weiter unleserlich. FOTO: Dieter Babbe