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| 02:37 Uhr

Selbst Wachhund der Stasi spürte: Es geht zu Ende

Westdeutsche Besucher im Visier des MfS: Es sind Personen auch auf der Straße und beim Einkauf fotografiert worden, wie hier zwei westdeutsche Besucher, die den Laden vom Modehaus Hoffmann verlassen. Die Aufnahme ist zum Ende der DDR zerrissen worden und wurde in der Stasi-Behörde wieder zusammengeklebt. Foto: Archiv BStU
Westdeutsche Besucher im Visier des MfS: Es sind Personen auch auf der Straße und beim Einkauf fotografiert worden, wie hier zwei westdeutsche Besucher, die den Laden vom Modehaus Hoffmann verlassen. Die Aufnahme ist zum Ende der DDR zerrissen worden und wurde in der Stasi-Behörde wieder zusammengeklebt. Foto: Archiv BStU FOTO: Archiv BStU
Massen. Kein Fahrzeug blieb unbemerkt, das sich in Schacksdorf dem sowjetischen Flugplatz näherte. Vor allem westdeutsche Pkw waren sofort im Visier. Darum kümmerte sich insbesondere "Klaus" – jahrelang informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit. Dieter Babbe

Klaus, wie sein Tarnname hieß, stellte seine Wohnung, von der aus man beste Einsicht auf die Straße hatte, dem MfS für die Observierung zur Verfügung. Nicht nur Klaus, auch "Schwager" und "Schulze", zwei weitere, allerdings hauptamtliche informelle Mitarbeiter, gehörten mit zur ständigen Beobachtergruppe, die zahlreiche Fotos von auffälligen Fahrzeugen schoss und Berichte anfertigte. Als Lohn für seine Spitzeldienste hat Klaus viermal kleinere Geldbeträge bekommen, nur einmal waren es zum Geburtstag 100 Mark.

Verhaftungswelle in Finsterwalde

Eine von den zahllosen Fällen, von denen Rüdiger Sielaff, der Leiter der Außenstelle Frankfurt (Oder) der Bundesbehörde für die Unterlagen der Stasi, am Mittwoch im erneut voll besetzten Saal des Massener Energie Service Centers berichtete. Bereits vor einem Jahr schilderte er hier, wie der Staatssicherheitsdienst in und um Finsterwalde funktionierte. "Inzwischen sind mir eine Fülle neuer Fakten über die Arbeit der Kreisdienststelle bekannt geworden." So berichtete Sielaff von einer Verhaftungswelle 1983 in Finsterwalde, bei der nicht 30, wie die Tageszeitung "Die Welt" berichtet habe, sondern "nur" sieben Personen eingesperrt worden seien, wie man im MfS-Sitz in der damaligen Straße der Befreiung korrigierte. Tatsächlich sind später weitere Ausreisewillige inhaftiert worden. 18 Antragsteller warteten zu der Zeit noch auf ihre Ausreise in den Westen - zum Ende der DDR waren es dann etwa 400.

Stasi-Akten dokumentieren aber auch den Widerstand mutiger Menschen, würdigte Sielaff. So berichtete er von offenen Lohnforderungen im VEB Draht- und Schraubenwerk und von einer Gruppe "Alternative", die im Februar 1988 "Hetzschriften" in den Briefkasten der SED-Kreisleitung steckte - mit mutigen Forderungen, wie "Wir wollen, dass man uns Recht gibt, wenn wir Recht haben" und "Wir brauchen den Staat, den wir ernähren, nicht als Vormund".

Mit den 51 hauptamtlichen Mitarbeitern und einer unbekannten Zahl von inoffiziellen Mitarbeitern sei die Finsterwalder Kreisdienststelle die viertgrößte im Bezirk Cottbus gewesen. 60 laufende Meter Akten lagern von hier in der Frankfurter Behörde. "Viel Material ist in der Wendezeit zerschreddert, und als die Geräte kaputt gingen, nur noch zerrissen worden", stellte Sielaff fest. So wundert es ihn nicht, dass die Stasiakte von Michael Wolf aus Betten, einer der Besucher an dem Abend, leer ist. Der frühere Jugendpfarrer war zu DDR-Zeiten im Umwelt- und Friedenskreis aktiv, wo sich auch Totalverweigerer beim Wehrdienst trafen, und hatte Anteil daran, dass regimekritische Künstler wie Stephan Krawczyk, Bettina Wegner, Barbara Thalheim und Günter de Bruyn unter dem Dach der Kirche auftraten.

Am Ende der Veranstaltung gab es noch was zu lachen. Rüdiger Sielaff berichtete vom Zerfall des Stasi-Systems im Herbst 1989 - und davon, wie eine Gruppe Jugendlicher über den Zaun der Kreisdienststelle stieg. "Der Wachhund gab keinen Laut von sich und rannte zu seinem Zwinger", wird in einem der letzten Stasiberichte zu Protokoll gegeben. Rüdiger Sielaff: "Selbst der Hund spürte: Es geht zu Ende."

Das Schicksal von Bernd Güttes

Eingefädelt hatte die Veranstaltung Bernd Güttes, selbst jahrelang von der Stasi beobachtet. Der Sallgaster will im Frühsommer 2013 eine Publikation über die Arbeit des DDR-Geheimdienstes in Finsterwalde und Senftenberg veröffentlichen - und dabei sein eigenes Schicksal schildern.