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| 11:33 Uhr

5 Minuten Heimatgeschichte
Aussichtloser Kampf des Lehrers gegen das Berliner Mich

 Dorfstraße Breitenau. Das linke Gebäude ist (wahrscheinlich) die Schule und das Wohnhaus des Lehrers. Postkarte, abgestempelt April 1908. Kreismuseum Finsterwalde.
Dorfstraße Breitenau. Das linke Gebäude ist (wahrscheinlich) die Schule und das Wohnhaus des Lehrers. Postkarte, abgestempelt April 1908. Kreismuseum Finsterwalde. FOTO: Rainer Ernst
Breitenau. Die Breitenauer Schulchronik speichert viel Wissenswertes aus der Dorfgeschichte aus den Jahren 1878 bis 1932. Von Rainer Ernst

In der Reihe „5 Minuten Heimatgeschichte“ wurde schon  auf die Bedeutung von Schulchroniken als wichtige Quelle für die Ortschronik kleinerer Gemeinden verwiesen. Ein solches Dokument blieb auch für Breitenau – ein 1878 angelegtes und bis ins Jahr 1932 führendes Heft – erhalten. Heute wird es im Kreismuseum Finsterwalde verwahrt. Aus der Fülle der Eintragungen sollen hier nur einige herausgegriffen werden.

Ein erstes Schulhaus wurde in Breitenau 1815 erbaut. Bis dahin unterrichtete der Lehrer wöchentlich abwechselnd seine Schüler in den Wohnungen der Eltern. Ab März 1854 besuchten auch die Kinder des benachbarten Dorfes Presehna (Birkwalde) die Breitenauer Schule, wodurch ihnen nun der wesentlich weitere Weg nach Goßmar erspart blieb. Lehrer Seiferth war darüber trotz der höheren Klassenfrequenz sicherlich nicht böse, denn damit erhöhte sich sein bisheriges jährliches Einkommen von 48 Thalern um 24 Thaler. Daneben erhielt er zusätzlich 22 Scheffel Roggen und zweieinhalb Scheffel Heidegrütze. Aus seinem seit 1827 ausgeübten Nebenamt als Küster bezog er 5 Scheffel und 4 Metzen Weizen, 14 Kuchen, 15 Bund Flachs und ein Schock (60) Eier. Üppig waren diese Einkünfte wahrlich nicht, trotzdem blieb Seiferth seiner Stelle in Breitenau über 58 Jahre treu (1820 – 1878). Einer seiner Nachfolger, Lehrer Otto Pusch, brachte immerhin 40 Jahre und 7 Monate in Breitenau zu. (Oktober 1883 – April 1924).

Die Schule blieb immer einklassig. Der Lehrer unterrichtete in einem Raum die in Ober-, Mittel- und Unterstufe eingeteilten Kinder. 1883 waren es insgesamt 62. Im Winterhalbjahr saßen sie alle gemeinsam in der Klasse. Im Sommer wurden die Älteren auf den elterlichen Bauernhöfen gebraucht. Die Ober- und Mittelstufe durfte dann nur von 7 bis 10 Uhr die Schule besuchen, die Unterstufe hingegen von 10.30 bis 12.30 Uhr. Es lässt sich denken, dass unter diesen Bedingungen trotz aller Bemühungen des Lehrers nur die elementarsten Kenntnisse vermittelt werden konnten. Das Ringen um eine normgerechte Sprache seiner Schüler musste der Dorfschulmeister gewiss als aussichtslos erkennen. 1883 hieß es resignierend in der Schulchronik: „Mit den sprachlichen Verhältnissen hat die Schule insofern viel zu kämpfen, als den Leuten der dritte Fall des persönlichen Fürwortes ,ich’ gänzlich unbekannt zu sein scheint; man gebraucht dafür den 4. Fall dieses Wortes, also das bekannte Berliner ‚Mich’“.

 Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges in Breitenau.
Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges in Breitenau. FOTO: Rainer Ernst

Ab 1880 bekam der Dorfschullehrer ein weiteres Betätigungsfeld, er wurde Organist. Am 3. Oktober konnte nämlich (erstmals) in der Kirche des Ortes eine Orgel eingeweiht werden. Für das von der Eilenburger Firma Schrickel gebaute Instrument hatte  der Schul- und Kirchenpatron, der Reeder und Kaufmann C. H. Wätjen, Standesherr von Fürstlich Drehna, hundert Mark beigesteuert.

Der Horizont der Breitenauer Schulchronik reicht mitunter auch über den unmittelbaren Schulbereich hinaus. So erfahren wir, dass am 4. Mai 1921 die Hausväter (auch von Presehna) eine „Genossenschaft zur Beschaffung elektrischen Lichts“ gründeten und schon Mitte des gleichen Monats die „Hausschaltung für 5 Brennstellen elektrischen Lichts“ in der Schule erfolgte. Das Klassenzimmer selbst blieb aber von den Segnungen der Moderne ausgeschlossen.

Auch über das Breitenauer Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges berichtet die Schulchronik. Sie überliefert den Namen von Emil Hille, der sich als „Einziger“ mit Begeisterung für das Denkmal einsetzte. Am 22. November 1923 erfolgte die feierliche Einweihung. Für Lehrer Pusch war dieser Tag sicher besonders ergreifend: „Eine Gedächtnisrede für die Gefallenen, die größtenteils meine Schüler waren; habe ich ihnen nachgerufen.“