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| 02:39 Uhr

Schuften für Reichtum des neuen Geldadels

Mit großen Erwartungen wurde Sahra Wagenknecht im Doberluger Refektorium begrüßt.
Mit großen Erwartungen wurde Sahra Wagenknecht im Doberluger Refektorium begrüßt. FOTO: jgw1
Doberlug-Kirchhain. Das Interesse am Montagabend war groß. Etwa 300 Besucher drängten in den Saal des Doberlug-Kirchhainer Refektoriums. Sahra Wagenknecht, Fraktionschefin der Partei Die Linke im Bundestag, las auf Einladung der Linken im Landkreis Elbe-Elster und der Landtagsabgeordneten Diana Bader aus ihrem neuen Buch ,,Reichtum ohne Grenzen – wie wir uns vor dem Kapitalismus retten", stellte sich den Fragen von Moderator Sven Rosig und aus dem Publikum. Jürgen Weser / jgw1

,,Die Zeit ist aus den Fugen", holt Sahra Wagenknecht das Zitat aus Shakespeares ,,Hamlet" ins Jetzt eines neuen ,,Wirtschaftsfeudalismus". Die promovierte Wirtschaftsexpertin liest aus der Einleitung ihres 2016 für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis nominierten Buches. Deutlich macht Wagenknecht, dass es aus ihrer Sicht eine Alternative zum Kapitalismus geben muss, in dem sich der Reichtum der Reichen aus dem angehäuften Kapital immer mehr nährt und in dem die explodierende Geldvermehrung am oberen Ende die Mittel- und Unterschicht nicht mehr erreicht.

Die Linken-Wirtschaftsvordenkerin benutzte das Bild vom Penthouse, in dem wenige Multimilliardäre mit mehr als der Hälfte des Vermögens der Menschheit und exklusive Erben ohne Leistung sitzen und der Fahrstuhl nach oben für die Mehrheit der Leistungsgesellschaft nicht mehr funktioniert.

Reaktionen im Publikum zeigten, dass Wohlstand für viele Menschen auch in der Elbe-Elster- und Oberspreewald-Lausitz-Region fragil geworden ist und der Abbau sozialer Betreuung hier und da vorangetrieben wird.

Wagenknecht analysiert den mit der Politik verflochtenen ungebremsten Turbokapitalismus. Massenhafte Fluchtbewegungen, Zerfall staatlicher Ordnungen, Anwachsen rechtspopulistischer Bestrebungen: Sahra Wagenknechts Wirtschaftsanalyse will seriös und politisch sein.

,,Warum wehren wir uns nicht?" Sahra Wagenknecht bleibt nicht bei der Analyse stecken, sondern versucht Alternativen aufzuzeigen, auch wenn die nicht allen Zuhörern deutlich genug sind, wie Fragestellungen aus dem Publikum beweisen. Sie zeigt Grenzen der Marktfreiheit, plädiert für eine neue soziale Marktwirtschaft, in der wirkliche Leistungen belohnt und gefördert werden. Sie fordert die Abtrennung von Kapital und Vermögen, um Verdrängungsmechanismen des Kapitalismus zu verhindern. Deutlich macht Sahra Wagenknecht in Doberlug, dass sie in demokratischen Möglichkeiten von Nationalstaaten Chancen sieht. Sie wehrt sich vehement gegen ihr unterstellte Meinungsnähe zur AfD. Die Linken dürften, zum Beispiel bei Kritik an der EU, eigene Meinungen nicht von der AfD vereinnahmen lassen.

Was sie vom bedingungslosen Grundeinkommen hält, fragt Dr. Mathias Baxmann aus Finsterwalde. Der Ansatzpunkt sei falsch, würde riesige Mengen des Volkseinkommens verschlingen und Reste des Sozialstaates eher entsorgen. Recht auf Arbeit fördern, Menschen qualifizieren, für Arbeitsplätze sorgen, Bildung massiv fördern: Damit könne der Staat einer ungerechten Wirtschaftsordnung entgegen steuern, so Wagenknecht. ,,Ich bin gerade 70 geworden und mein Arzt macht mir Hoffnung auf weitere 20 Jahre. Was kann ich da erwarten?" fordert Jürgen Neubauer aus Lugau eine Prognose heraus. Sie fürchte einerseits, so Sahra Wagenknecht, das radikale Fortschreiten eines die Demokratie entsorgenden Kapitalismus, hoffe aber auf wachsende Widerstandsbewegungen von Links in Europa.

Mit Blick auf den ausgebrochenen Martin-Schulz-Hype der SPD meint sie, ,,auch bei ihm wird Politik nur anders, wenn Linke Druck machen". Das gehe nur mit einem starken Wahlergebnis, wirbt sie im Refektorium.