Von Jürgen Weser

Der Veranstaltungsraum im Finsterwalder Kreismuseum war am Dienstagabend gefüllt. Marie-Sophie Glöckner hatte mit so vielen Zuhörern nicht gerechnet. Ihr im Seminarkurs „Begegnungen mit Geschichte – Untersuchungen von Regionalgeschichte“ am Finsterwalder Sängerstadt-Gymnasium erarbeitetes Thema zu „Flucht und Vertreibung in den ehemaligen Kreis Luckau“ nach 1945 hatte viele Interessenten angelockt.

Um es vorwegzunehmen: Marie-Sophie Glöckner schlug sich prächtig und stellte mit ihrem dreiviertelstündigen Vortrag die Bedingungen für Flüchtlinge und Vertriebene in Luckau, Finsterwalde und den umliegenden Dörfern dar. Akribisch hat die angehende Abiturientin über zwei Schuljahre in Museen und Archiven bis nach Potsdam recherchiert und sich in die ihr fremde Zeit eingebarbeitet. Sie berichtete von Flüchtlingstrecks und Rahmenbedingungen durch die sowjetische Besatzungskommandantur sowie von dem großen Ansturm der Flüchtlinge. So seien 1949 in den Kreis Luckau, der bis 1952 auch für den Raum Finsterwalde existierte, 33 000 Flüchtlinge gekommen. Marie-Luise stellte am Beispiel des Quarantänelagers „Wiesenhain“, das von 1943 bis 1945 Lager für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter war, die Probleme von Aufnahme, Versorgung, Desinfektion und Entlausung der Flüchtlinge dar. Verhinderung von Krankheiten und Beschaffung von Arbeit seien große Herausforderungen gewesen. In Betrieben wie Fimag und Feintuch, auf dem Flugplatz, in Handwerksfirmen, Privathaushalten und vor allem auf den Dörfern habe man Arbeitsmöglichkeiten geschaffen oder die Flüchtlinge haben sie selbst gesucht. Die Wohnsituation schilderte Marie-Sophie am Beispiel vom „Schützenhaus“ Finsterwalde. Die Bedingungen seien insgesamt für viele Ankömmlinge schlimm gewesen. Die Seminararbeit versuchte, dem schwierigen Thema der Annäherung zwischen Flüchtlingen und Vertriebenen mit der einheimischen Bevölkerung näher zu kommen. Es sei für sie schwierig gewesen, diese Bedingungen nachzuvollziehen, erzählt Marie-Luise Glöckner. Von Mitleid und Hilfe über große Ablehnung und Schikanen gegen die „Neuen“ habe es alles gegeben. Ihr Fazit: Es war schwer und dauerte lange, die „neue Heimat“ wirklich als Heimat annehmen zu können und akzeptiert zu sein.

„Sehr gut recherchiert“, lobte Hubertus Schade vom Heimatmuseum Sonnewalde. Olaf Weber als Gastgeber im Finsterwalder Museum fand gelungen, „dass sich die Arbeit vor allem auf unsere Region bezieht“. Mit gemischten Gefühlen saßen Betroffene im Publikum. Gudrun Kurzawe aus Finsterwalde ist 1945 als Siebenjährige mit Geschwistern und Mutter von Breslau über Dresden nach Prießen gekommen. „Die Schülerin hat das gut gemacht. Aber die persönlichen Schicksale waren schlimmer als sie dargestellt werden können. Wir haben eine 83-jährige Oma auf der Flucht verloren und wir waren alles andere als willkommen.“ Norbert Zach aus Kleinkrausnick, dessen Eltern ebenfalls Flüchtlinge waren, wollte von Marie-Luise nach dem Vortrag mehr über ihre Recherche erfahren.

Geschichtslehrerin Birgit Neidnicht freute sich über den gelungenen Vortrag, die große Resonanz und die gute Zusammenarbeit mit dem Museum. So hatte bereits Marie-Luise Jerichen die „Industrialisierung von Finsterwalde zwischen 1871 bis 1913“ und Annika Dittrich die „Geschichte des Kinos Weltspiegel“ öffentlich darstellen können. „Geschichte muss regional sichtbar gemacht werden“, ist Neidnicht überzeigt. Auch wenn es immense Arbeit mache, im Kurs mit 15 verschiedenen Themen umzugehen. Auch die Geschichte der eigenen Schule wurde untersucht, nach Luckau mit dem Bogen von Kirche, Gefängnis und heutiger Kulturkirche geschaut und zur Finsterwalder Stadthalle mit der Frage, ob sie eine Investition in die Zukunft sein kann.