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| 16:06 Uhr

RUNDSCHAU-Reporter im Segelflieger
„Fliegen lernen heißt landen lernen“

 RUNDSCHAU-Volontär Stephan Meyer macht den Selbsttest und hebt mit dem Segelflieger Puchacz ab. Hinter ihm steuert Detlef Albinus, Vorsitzender der FSV „Otto Lilienthal“ Finsterwalde.
RUNDSCHAU-Volontär Stephan Meyer macht den Selbsttest und hebt mit dem Segelflieger Puchacz ab. Hinter ihm steuert Detlef Albinus, Vorsitzender der FSV „Otto Lilienthal“ Finsterwalde. FOTO: FSV Otto Lilienthal
Finsterwalde. Im Segelflieger in die Lüfte abheben – die Flugsportvereinigung Otto Lilienthal machte Laien für einen Tag zu „Piloten“. Von Stephan Meyer

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, heißt es in dem bekannten Lied von Reinhard Mey. Doch auch knapp unter den Wolken ist das Gefühl von Grenzenlosigkeit nicht zu verachten, wie der Autor dieses Beitrags kürzlich am eigenen Leib erfahren konnte. Die Segelflugzeuge der Flugsportvereinigung „Otto Lilienthal“ zogen am Sonnabend, wie so oft im Sommer, ihre Flugbahnen von Wolke zu Wolke am Himmel über dem Flugplatz Finsterwalde-Heinrichsruh. Doch die Profis vom Verein saßen nicht alleine in ihren Flugzeugen, die Platz für zwei Personen bieten. Mit an Bord hatten sie Laien, denen sie im Rahmen ihrer jährlich stattfindenden Aktion „Pilot für einen Tag“ die Möglichkeit gaben, hinter die Kulissen des Vereins zu schauen und die Weite der Lausitz von oben zu betrachten. Sieben Personen hatten teilgenommen.

Schnell wie ein Jumbojet

Die Räder vom Puchacz sausen über das Feld des Finsterwalder Flugplatzes, das Segelflugzeug ruckelt stark, bevor es Richtung Himmel abhebt. „Zehn Meter pro Sekunde legt das Segelflugzeug beim Start zurück“, sagt der erste Vereinsvorsitzende Detlef Albinus, der den hinteren Platz im Flieger eingenommen hat und steuert. „So schnell wie bei einem Jumbojet.“ Als die Räder des Puchacz sich vom Boden lösen, ist es ungewöhnlich ruhig. Im Flieger ist es so still, wie es eben nur in einem Flugzeug ohne Motor sein kann. Im Uhrzeigersinn fliegt es eine große Runde um den Flugplatz. Die Voraussetzungen für einen tollen Ausblick stimmen. Nicht nur Finsterwalde oder Doberlug-Kirchhain sind von oben gut auszumachen, auch das Tropical Islands ist zu sehen, ja sogar die Mittelgebirgsschwelle in weiter Ferne. Die Bedingungen für den Flug hingegen sind „nicht optimal“, erklärt Philipp Grundke, Juniorleiter des Vereins. Der Wind nimmt im Laufe des Tages zu. Zum Nachmittag hin ist es zu windig für weitere Flüge. Zum Glück sind bis dahin alle Teilnehmer durch. Traumbedingungen herrschen bei geringem Wind, Sonneneinstrahlung und Quellwolken.

Freiheit und Ruhe

Der Reiz des Segelfliegens liegt für Grundke darin, „alles, was man unten erlebt, von oben betrachten zu können“. Er schätzt die Freiheit und die Ruhe in der Luft – „alles mal aus einer anderen Perspektive zu sehen“. Auch wenn der Schwarzheider meist alleine im Flieger sitzt, die Segelfliegerei sei ein extremer Teamsport. Auf jeden Beteiligten muss Verlass sein. Zudem ist es auch ein sehr sicherheitsbewusster Sport, so Grundke. Und Detlef Albinus erklärt: „Fliegen lernen heißt landen lernen“.

Wie beim Drachensteigen

Es gibt zwei Varianten, wie ein Segelflugzeug in die Luft kommen kann. Bei der Flugzeugschlepp-Variante, kurz F-Schlepp, wird der Segelflieger mit einem circa 50 Meter langen Seil an ein Motorflugzeug gebunden. Dieses zieht den Segelflieger empor und schleppt ihn etwa 600 bis 700 Meter, bevor er dann entkoppelt wird. Am Schnuppertag auf dem Flugplatz kam die zweite Variante zum Einsatz: der Windenschlepp. Eine Seilwinde zieht den Flieger hoch. Nach knapp 300 Metern wird entkoppelt. „Das ist wie beim Drachensteigen“, erklärt Grundke. Nur eben, dass das Seil hier „ganz schnell aufgewickelt wird“. In diesem Fall wird die Winde über einen alten Pkw Tatra betrieben. 440 bis 480 Meter können nach so einem Start am Himmel zurückgelegt werden. „Das kommt ganz auf den Flugplatz an“, so Grundke. Eine Platzrunde dauert fünf bis sechs Minuten. Bei der F-Schlepp-Variante hingegen kann ein Flug bei guten Bedingungen schon mal bis zu zehn Stunden dauern.

 Bernd Jordan (77) ist am Aktionstag als Windenfahrer im Einsatz. Angetrieben wird die Winde von einem alten Tatra.
Bernd Jordan (77) ist am Aktionstag als Windenfahrer im Einsatz. Angetrieben wird die Winde von einem alten Tatra. FOTO: LR / Stephan Meyer

Nicht zum ersten Mal hoch hinaus

Beim Aktionstag herrscht eine ungezwungene Atmosphäre. Die Beteiligten steigen nicht nur in die Flieger ein und heben ab. Hintergrund ist, wie bei vielen anderen Vereinen auch, die Mitgliederwerbung. An die 40 Mitglieder zählt die Flugsportvereinigung, davon sind 25 aktive Mitglieder. Um den Gästen zu zeigen, wie es beim der FSV zugeht, wird ein üblicher Vereinstag simuliert. Zu Beginn vermitteln sie theoretisches Hintergrundwissen, dann geht es zum ersten Mal auf den Platz. Mittagessen und Kaffeerunde gehören auch dazu. Die Vereinsarbeit beim FSV stärkt auch die sozialen Kompetenzen, versichert Vorsitzender Detlef Albinus. In der Luft müsse ein Pilot in der Lage sein, schnell Entscheidungen zu treffen, damit Fehler vermieden werden können. Der Tag kommt bei den Beteiligten gut an. Alex Schreiber aus Finsterwalde ist begeistert. Es ist nicht das erste Mal, dass er in der Luft ist. Er hat schon Erfahrungen mit einem Gleitschirm gesammelt. „Doch von der Beschleunigung beim Windenstart war ich sehr überrascht.“ Ebenfalls hoch hinaus war vorher auch schon Sven Hube. „Ich bin schon ein bis zwei Mal mit einem Ultraleichtflugzeug geflogen.“ Der Senftenberger ist auf der Suche nach einem Hobby und hat daher einen Segelflug gewagt. „Es ist schon aufregend und schön, die Welt von oben zu sehen.“

 Besonders erfahrene und mutige Vereinsmitglieder wagen auch mal den Flug mit diesem historischen Segelflieger.
Besonders erfahrene und mutige Vereinsmitglieder wagen auch mal den Flug mit diesem historischen Segelflieger. FOTO: LR / Stephan Meyer