ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:38 Uhr

"Rinder sind gefährlicher als Wölfe"

Nur wenige Meter von einem Wohnhaus entfernt hat vor einigen Wochen in Großkrausnik ein Wolfsrudel ein Reh gerissen und das tote Tier anschließend auf das nahe Feld geschleppt.
Nur wenige Meter von einem Wohnhaus entfernt hat vor einigen Wochen in Großkrausnik ein Wolfsrudel ein Reh gerissen und das tote Tier anschließend auf das nahe Feld geschleppt. FOTO: privat
Dollenchen/Elbe-Elster. Wolfsbetreuer Reinhard Möckel muss in Dollenchen die Frage beantworten: Warum machen Sie die Erfahrungen unserer Vorfahren kaputt? Dieter Babbe / dbe1

Ein neues Wolfspaar streift seit einigen Wochen rund um Dollenchen, dem kleinen Dorf an der östlichen Grenze des Elbe-Elster-Kreises. Es jagt hier Wild, hat auch schon Schafe gerissen, lebt aber in seinem Bau auf der anderen, der ruhigeren Seite der Berlin-Dresdner Autobahn. Müssen Jogger und Spaziergänger jetzt Angst haben vor den Wölfen? Das fragt Frank-Uwe Mittelstädt besorgt. Der Ortsvorsteher von Dollenchen spürt diese Angst bei nicht wenigen seiner Einwohner. Er befürchtet, "dass die Lebensqualität darunter leiden könnte", wo man doch auch in Dollenchen froh ist über jedes Baby im Dorf und über jeden Zugezogenen.

Kann Dr. Reinhard Möckel, der Wolfsbeauftragte für den Süden Brandenburgs, der vom Ortsvorsteher zu einem Vortrag ins Gasthaus eingeladen war, den Dollenchenern ihre Angst nehmen? Möckel, ein "Freund der Wölfe" und begeistert von ihrer Rückkehr auch nach Brandenburg, wie er gesteht, lässt Fakten sprechen - und überrascht mit der Aussage: "Das gefährlichste Tier ist das Rind." Im Jahr 2014 habe es in Deutschland 10 200 Attacken auf Menschen gegeben, woran vier starben. Auch der Hund, der Freund des Menschen, beißt immer wieder zu - zwischen 1998 und 2010 seien 40 Menschen an Hundebissen gestorben. Dagegen: "Obwohl derzeit in Europa etwa 15 000 Wölfe in dünn und auch dicht besiedelten Gebieten, wie in Rumänien, leben, hat es in den letzten Jahrzehnten keinen einzigen spontanen Angriff auf Menschen gegeben", behauptet Möckel. "Es wird auch in Zukunft keinen geben", ist sich Möckel sicher, "es sei denn, er wird angefüttert". Und er erklärt: "Der Mensch gehört nicht zu seinem Beuteschema", das habe etwas mit seinem aufrechten Gang zu tun.

150 Wölfe leben inzwischen in 25 Rudeln bzw. Vorkommen in Brandenburg, die meisten davon, etwa 120, sind in den Kreisen Elbe-Elster, Oberspreewald-Lausitz und Spree-Neiße zu Hause - wo es die größte Wolfsdichte in ganz Deutschland gibt. "Mehr werden es bei uns nicht", erklärt Möckel - ein Rudel bestehe im Schnitt aus zehn, höchstens zwölf Tieren, wie gegenwärtig in der Babbener Heide der Fall, und benötige ein Territorium von 25 000 Hektar.

Auch der Elbe-Elster-Kreis ist flächendeckend von Wölfen besiedelt, wo es sechs Rudel bzw. Vorkommen gibt, so neben der Babbener Heide auch bei Grünhaus, im Schraden und bei Hohenbucko. Außerdem habe sich zwischen Tröbitz und Oppelhain erst kürzlich ein neues Paar angesiedelt, wo aber noch kein Nachwuchs nachgewiesen sei. Auch südlich von Bad Liebenwerda hat ein Wolfspaar eine neue Heimat gefunden. "Dabei verändern sich die Grenzen der Rudel, vor allem dann, wenn ein Rüde zu Tode kommt, weil er überfahren oder illegal abgeschossen wird, dann verändert sich die Population."

Dass die Wölfe nach Dollenchen nicht zum Wohnen, sondern nur zum Jagen kommen, beruhigt die Bauern und Jäger im Dorf wohl kaum. Sie hatten dann auch für einen langen Abend im Gasthaus gesorgt, wo sie den Wolfexperten nicht nur mit Fragen bombardierten. "Was nützt uns der Wolf? Der macht nur Schaden!", "Weshalb wird er wie ein Heiliger behandelt?" "Wir brauchen das Raubtier nicht", "Meine Versicherung zahlt den Schaden nicht, wenn der Wolf ins Auto läuft", "Weg mit dem Wolf!" ist dem Redner in einer hitzigen Debatte zugerufen worden. "Weshalb machen Sie die Erfahrungen unserer Vorfahren, die den Wolf aus gutem Grund ausgerottet haben, kaputt?", fragte Erwin Triltsch ganz ruhig und bekam viel Beifall dafür.

Reinhard Möckel bleibt dabei - und vergleicht: "Warum brauchen wir den Kölner Dom?" Es sei richtig: Den Wolf könne man weder melken noch schlachten und essen. "Aber: Er gehört in unsere Landschaft und bereichert unsere Natur - wie der Kölner Dom als wertvolles Baudenkmal unsere Kultur." Ausgerottet worden sei der Wolf zu einer Zeit, als er Existenzen in den Dörfern bedrohte. Inzwischen könnten sich Landwirte und Schäfer, finanziell unterstützt vom Land, vor dem Wolf schützen. Für Möckel steht fest: Dollenchen verliert nicht an Lebensqualität durch die Wölfe, sondern gewinnt durch sie sogar. Spaziergänger, Jogger, Pilz- und Beerensucher sollten, wenn sie einem Wolf begegnen, den äußerst seltenen Anblick genießen. Ortsvorsteher Frank-Uwe Mittelstädt will sich nach diesem Abend nicht festlegen, welche Sicht auf den Wolf er den Dollenchenern rät: "Das ist eine Kopfsache, die muss jeder für sich selbst entscheiden."

Zum Thema:
Die Tiere brauchen durchschnittlich vier Kilogramm Fleisch, das sie entweder im Wald erbeuten oder von den Weiden der Landwirte holen, wie gerade erst im Landwirtschaftsbetrieb Mutterkuh- und Schweinezucht GmbH in Peickwitz geschehen. Im angrenzenden Wald an den Weideflächen hinter dem Weidezaun fand Landwirt Lutz Schwarze am Mittwochmorgen ein bereits zu großen Teilen aufgefressenes Kalb. Es lag gut versteckt im Gebüsch.