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5 Minuten Heimatgeschichte
Redende Blätter

Die Archivarin Daniela Reichardt inmitten ihrer Schätze.
Die Archivarin Daniela Reichardt inmitten ihrer Schätze. FOTO: Dr. Rainer Ernst
Finsterwalde. Geschichtsschreibung ist keine Forschungsdisziplin wie die Mathematik, in der als einzige Kriterien „richtig“ und „falsch“ gelten. Dennoch darf sie wohl die Bezeichnung einer Wissenschaft beanspruchen. Von Dr. Rainer Ernst

Bei ihr führen freilich diese Kategorien nicht weit. Hier ist das Begriffspaar „wahr“ und „unwahr“ hilfreicher. Ein wahres geschichtliches Phänomen unterliegt jedoch immer auch der Interpretation und diese wiederum wird von den  vielfältigsten gesellschaftlichen und auch individuellen Bedingungen bestimmt.  Die Deutungsspannweite darf dabei freilich nicht überstrapaziert und damit Geschichte zur Hure der jeweiligen herrschenden Meinung verkommen, die ihre Lehren am besten nur mit Bleistift und Radiergummi niederschreibt, um sich bald einem gewandelten Zeitgeist anzupassen.

Für den Historiker, und das trifft für den Heimatgeschichtsschreiber nicht weniger zu, gilt als ein entscheidendes Kriterium der Wahrheit der Beleg durch Urkunden und Aktenmaterial. Ohne das Heranziehen dieser Originalquellen läuft Geschichtedarstellung schnell in Gefahr, zur bloßen Nacherzählung unbewiesener Spekulationen zu degenerieren. Für Finsterwalde haben sich gerade für das 19. und beginnende 20. Jahrhundert zahlreiche Dokumente erhalten. Gesammelt, aufbewahrt, und meist auch schon systematisch vorsortiert warten sie in den Archiven auf ihre Auswertung. Die wichtigsten Archive für den Heimatgeschichtler sind das Brandenburgische Landeshauptarchiv Potsdam, das sächsische Hauptstaatsarchiv in Dresden, das Geheime Staatsarchiv Berlin (Dahlem), das Bundesarchiv in Berlin, das Kreisarchiv Elbe-Elster in Herzberg und das Kreiskirchenarchiv (leider jetzt in Berlin). Freilich ist der Besuch dieser Einrichtungen recht aufwändig. Aber Finsterwalde hat das Glück, ein eigenes, nicht nur die aktuellen Verwaltungsakten betreuendes Stadtarchiv zu besitzen. Das ist natürlich die erste Adresse für den Heimatforscher. Und der Besuch lohnt sich! 

FOTO: Schubert, Sebastian / LR

Wurden hier schon seit den beginnenden 1990er Jahren die damals noch relativ ungeordneten Bestände durch verschiedene ABM-Projekte einer vorläufigen Sichtung unterzogen, begann eine systematische und vor allem sachkundige und für die Öffentlichkeit nutzbare  Archivierung mit der Besetzung durch eine ausgebildete hauptamtliche Archivarin. Ihrem und dem Engagement der Stadtführung ist es zu danken, dass die umfangreichen Finsterwalder Bestände aus dem Repositorium  8 des Landeshauptarchiv Potsdam an ihren Ursprungsort  zurückkamen und heute den wichtigsten Schatz des historischen Endarchivs bilden. Freilich prüften die Potsdamer Fachleute zuvor, ob in Finsterwalde überhaupt die nötigen Voraussetzungen bestanden. Bei einem Besuch am 19. Mai 2004 überzeugten sie sich davon, dass Finsterwalde alle Forderungen des Brandenburgischen Archivgesetzes erfüllen konnte. Am 6. Oktober 2004 war es dann soweit: Ein Transporter brachte in 34 Kartons und vier Paketen einen Aktenbestand, der insgesamt 4,15 laufende Meter umfasste ins Schloss. Dazu gehörte auch das von den Potsdamer Wissenschaftlern erarbeitete Findbuch, in dem in Kurzform der Inhalt der Akten benutzerfreundlich aufgelistet ist. Allerdings erwiesen sich die zwar aufwändig ausgebauten Kellerräume des Schlosses als klimatisch ungeeignet. Aber auch hier fand die Stadt Finsterwalde eine beispielhafte Lösung: das Archiv zog in eigens für diesen Zweck konzipierte und ausgestattete Räume der rekonstruierte Fabrikanten-Villa Krause ein. Am 13. September 2015 (Denkmaltag) präsentierte die Archivarin, Frau Daniela Reichardt, dort erstmals ihr neues barrierefreies und nutzerfreundliches Domizil.

Friedrich Schiller, selbst Geschichtsprofessor in Jena , wusste um die Bedeutung der schriftlichen Überlieferung: „Körper und Stimme leiht die Schrift dem stummen Gedanken. Durch der Jahrhunderte Strom trägt ihn das redende Blatt“.  Die neue Serie „Fünf Minuten Heimatgeschichte“, hat den Anspruch, die für unsere Region relevanten Blätter im Sinne der historischen Wahrheit zum Sprechen zu bringen.