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Radprofi Henning Bommel aus Finsterwalde im Interview

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Finsterwalde. Radprofi Henning Bommel (34) wurde in Finsterwalde geboren und schätzt jede Minute, die er in der Lausitz bei seinen Eltern verbringen darf. Eine richtige Heimat hat er aber nicht mehr. Steven Wiesner

"Die Welt ist wie ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon." Dieser gescheite Ausspruch aus der Antike stammt vom Theologen Aurelius Augustinus und soll wohl gerade Reisemuffel dazu ermutigen, sich zu bilden und doch mal ein paar unbekannte Flecken auf dem Globus zu erkunden. Henning Bommel hat sich diesbezüglich nichts vorzuwerfen. Der Radprofi aus Finsterwalde ist 250 Tage im Jahr auf Achse und jettet in der Welt herum. Sein nächstes Ausflugs-ziel ist Hongkong. Vom 12. bis 16. April wird er dann bei der Bahn-Weltmeisterschaft an den Start gehen.

Als Henning Bommel seine Geburtsstadt verließ, um nach Cottbus auf die Sportschule zu gehen, zog er als halbstarker Teenager von dannen, der von einem Leben als professioneller Athlet träumte, aber noch nicht mehr als drei Jahre beim Radsportverein (RSV) Finsterwalde vorzuweisen hatte. Wenn er heute zu Weihnachten oder an anderen Urlaubstagen nach Hause kommt, um Mama Ingeborg Bommel und Stiefpapa Dieter Pätzold zu besuchen, dann kehrt er als dekorierter Radprofi zurück, als Olympia-Teilnehmer mit Deutschen Meistertiteln sowie EM- und WM-Medaillen. Ende Februar ist Bommel 34 Jahre alt geworden.

Von diesen 34 Jahren aber hat er nicht mal die Hälfte in Finsterwalde verbracht. Von 1995 bis 2002 lebte er in Cottbus im Internat, seitdem trainiert er in Berlin. Von daher tut er sich beim Benennen seiner Heimat etwas schwerer als andere. "Es ist breit gefächert bei mir. Durch die vielen Reisen gibt es nicht mal einen aktuellen Lebensmittelpunkt", so der Lausitzer, der in manchen Zeitungsartikeln sogar als Berliner bezeichnet wird. "Das finde ich nicht schlimm. Ich fühle mich in Berlin und Cottbus heimisch."

Und was verbindet er noch mit Finsterwalde? "Ich habe hier kein riesiges Umfeld mehr", sagt Bommel. "Ich bin schon zur 7. Klasse weggegangen. Viele Freunde haben es mir gleichgetan. Trotzdem bin ich nicht nur einmal im Jahr in Finsterwalde. Es hat etwas Erdendes und Beschauliches, gerade wenn ich aus Kolumbien oder so komme. Hier läuft die Zeit ein bisschen anders. Finsterwalde ist ein Stück Frieden für mich."

Bevor Henning Bommel diesen Frieden wieder spüren darf, muss er aber erstmal in Hongkong um die Wette strampeln. Es ist seine zwölfte WM-Teilnahme. "Und die wird sehr, sehr wichtig für mich." Bommel ist in einem Alter, in dem man sich zwangsläufig damit beschäftigen muss, wie lange und wie gut man diesen Beruf noch ausüben kann, will und darf. "Motivation ist nicht unerschöpflich. Die Frage ist auch, werde ich überhaupt noch gebraucht?" Wie es mit ihm weitergeht, hängt also auch vom Abschneiden in Hongkong ab. Doch völlig gleich, was am südchinesischen Meer passiert, "ich bin dankbar, dass mir mein Beruf so viele Horizonte gezeigt hat". Henning Bommel hat so viele Seiten gesehen, dass es für zwei Bücher reichen würde.

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