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| 15:25 Uhr

Aus dem Gericht
Radklau, Alk und Angriff bleiben ungesühnt

FOTO: Franziska Kraufmann/dpa / dpa
Bad Liebenwerda. Ein junger Finsterwalder hat so viele Strafen „abzuarbeiten“, dass eine neue Verurteilung nichts bringt. Von Manfred Feller

Tim T. (Name geändert) hat in seinem Leben nichts auf die Reihe bekommen. Der 27-Jährige aus Finsterwalde, geboren in Bautzen, hat ein Vorstrafenregister, das so lang ist wie ein normaler Lebenslauf mit 40 und mehr bewegten Berufsjahren. Keinen Schulabschluss, keine Ausbildung, Tischlertätigkeiten, ein halbes Jahr einen 1-Euro-Job – das war’s. Seit dem 26. Oktober 2017 verbringt der junge Mann seine Zeit in Cottbus in der Justizvollzugsanstalt. Denn er hatte seine jüngste Bewährungszeit für eine begangene Körperverletzung nicht genutzt. Insgesamt muss er sechs Monate absitzen.

Zu seiner aktuellsten Verhandlung wird der junge Mann, der eher klein und schmächtig ist, folglich in Handschellen vorgeführt. „Geht es Ihnen gut“, fragt die Richterin in Kenntnis seiner langjährigen Drogenkarriere. Ja, er sei clean, erwidert er und stellt gleich mal eine Forderung auf, für die der Steuerzahler gern aufkommen soll: „Bekomme ich keinen Pflichtverteidiger?“ Dafür lägen keine Gründe vor, heißt es.

Dem Inhaftierten mit dem Kurzhaarschnitt wirft die Staatsanwaltschaft diesmal drei Dinge vor, die er am 19. März 2017 nacheinander begangen haben soll: Zuerst entwendete er aus einem Fahrradraum am Alexanderplatz in Finsterwalde ein Markenrad (einstiger Neuwert 799 Euro). Dann wurde er auf dem Gefährt mit 2,01 Promille Blutalkohol erwischt. Abschließend bedrohte er eine Personengruppe mit einem Messer und einem Holzstock und soll gerufen haben „Ich mach euch kalt“.

Die passende Ausrede folgt sogleich: „Ich dachte, das Rad ist von der Freundin. Ich war betrunken, habe nichts gemerkt.“ Der 27-Jährige erinnert sich aber noch, dass er zuvor etwa zehn halbe Liter Bier getrunken und Crystal Meth konsumiert hatte. Den Alkoholrausch auf dem Fahrrad bestreitet er nicht. Dagegen hat sein Gehirn die Messerattacke nach eigenem Bekunden gelöscht.

Tim T. hat sich mit seiner Freundin laut der Aussage eines jugendlichen Zeugen (17) handgreiflich im öffentlichen Raum gestritten. Der Zeuge und sein Bekannter gingen dazwischen. Der Angeklagte suchte das Weite.

Bald darauf sei er jedoch mit einem Messer (wohl ein Besteckmesser) und einem Stock in den Händen wiedergekommen. Er traf auf inzwischen vier junge Leute, darunter zwei Frauen. Die eine beschreibt, dass der Angeklagte auf sie und deren Freundin zugerannt sei. Sie nahmen die Beine in die Hand und konnten sich in einen Hausflur retten. „Ich war total fertig und habe dann die Polizei gerufen“, sagt sie.

„Sie sind eine gestandene Frau, der Angeklagte ein Hänfling. Ging denn keiner aus der Gruppe auf ihn zu?“, fragt die Richterin provokant. „Er war extrem aggressiv. Wir hatten Angst“, erwidert die 27-jährige Zeugin.

Tim T. merkt, dass es für ihn eng wird. Er entschuldigt sich bei den Opfern, die als Zeugen aussagen: „Tut mir wirklich leid. Ich kann mich nicht erinnern. Was du gesagt hast, erschreckt mich.“ Es hat tatsächlich den Anschein, dass er sich vor sich selber fürchtet, wenn er im Drogenrausch ist. Und dann heult er auf der Anklagebank los. Er hatte schon mehrere Therapien begonnen, aber nie beendet.

Richterin und Staatsanwältin einigen sich darauf, die drei Anklagepunkte als eine Tat im „vorsätzlichen Vollrausch“ zu werten. In Erwartung einer weiteren Haftstrafe bettelt Tim T. abermals um einen Anwalt.

Doch es kommt ganz anders. Das Verfahren wird auf Antrag der Staatsanwaltschaft eingestellt. Der Finsterwalder hätte eine erneute Geldstrafe erhalten, die mit einer früheren verbunden worden wäre, was bei ihm nichts bringen würde. Vielmehr solle er sich bereits jetzt im Gefängnis intensiv um sein Drogenproblem kümmern.

Die Zeugen, die Opfer der Messerbedrohung waren, nehmen draußen vor dem Gerichtsgebäude den Ausgang des Prozesses mit Kopfschütteln zur Kenntnis: „Eine schwache Leistung vom Gericht. Es geht ungerecht zu in Deutschland.“

Tim T. ist seit 2005 aktenkundig straffällig, unter anderem wegen Diebstahls, Beleidigung, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruchs, Körperverletzung und des Verwendens verfassungsfeindlicher Symbole. Die Strafen reichten von Jugendarrest bis Haft mit reichlich Bewährungschancen.