| 02:37 Uhr

Querdenker suchen Bezug zu Luther

Stephanie Pfeiffer (vorn) mit Besuchern in Gröbitz.
Stephanie Pfeiffer (vorn) mit Besuchern in Gröbitz. FOTO: jgw1
Elbe-Elster. Die zehn Stationen am Tag der offenen Ateliertüren im Landkreis wurden von zahlreichen Besuchern genutzt. Neben Einblicken in die Arbeitswelt der Elbe-Elster-Künstler gab es im Werenzhainer Kunst. Jürgen Weser / jgw1

Haus am See und in der Galerie im Alten Pfarrhof Altenau bemerkenswerte Ausstellungseröffnungen, die sich auf unterschiedliche Weise mit Reformation und Luther ausein-andersetzen. Konzerteinlagen und Gesprächsmöglichkeiten bei Kaffee und Kuchen machten Kontakte mit Kunst und Künstlern auf lockere Art und Weise möglich.

Stephanie Pfeiffer lockte auf ihren Gröbitzer Atelierhof. Die Organisatorin der diesjährigen Kulturtage im Amt Kleine Elster im Juni zeigte neue großformatige Bilder, auf denen sie mit Spachteltechnik eine Lanze für die Bewahrung ländlicher Traditionen bricht und "Neumänner" in ungewöhnlicher Darstellung zeigt. Führungen und Performance ergänzten ihr Programm.

Skulpturen standen im Mittelpunkt bei Catrin Große in Doberlug und Ararat Haydeyan in Saathain, der seine "Arche" als neueste Arbeit vorstellte, die mit wenig Platz für "Flüchtlinge" Anlass zur Diskussion bot wie die "Familie" aus Eisenstäben mit humorvollen Geschlechts-Erkennungsmerkmalen. Von Gold bis zu stählernen Schuhkappen und Mooreiche als Replik an die Region lernten die Besucher in Hohenleipisch unterschiedliche Materialien zur Schmuckgestaltung von Antje Bräuer kennen. Vielfältige Möglichkeiten bot der Atelierhof Werenzhain mit Ausstellungen der Vereinskünstlerinnen, der gerade eröffneten Ausstellung "Spagat" von Kunststudentinnen und einem Mitmach-Workshop für Kinder. Zahlreiche Freunde des 2010 früh verstorbenen Künstlers Eckhard Böttger stöberten in seinem Finsterwalder Atelier und Elke Gründemann kam mit Besuchern zu ihren Porzellan- und Glasunikaten ins Gespräch. Etwa 200 Besucher fanden den Weg zu neuen Kunstwerken von Harald Schneider in Staupitz und erlebten Tuya Klangwerk aus Chemnitz.

Im Kunst.Haus am See in Werenzhain hatte Glaskünstlerin Angela Willeke mit der Textilkünstlerin Christina Köster aus Cottbus eine sorgfältig kuratierte Schau vorbereitet. "Neu.Zeit" erinnert subtil an die Veränderungen durch die Reformation, wobei Besuchern viel Spielraum für eigene Interpretationen gelassen wird, wie Maike Rößiger mit ihrer ausgezeichneten Laudatio vermittelte. Sehgewohnheiten werden herausgefordert, wo Christina Köster aus alltäglichen Stoffen in Kombination mit Glas grafisch-typografisch Erhabenheit und sakrale Aura von farbigen Mosaik-Kirchenfenstern zaubert. Wie für Kösters durchsichtige Textilarbeiten spielt auch für die filigranen Glaskunstwerke von Angela Willeke Licht eine große Rolle und erzeugt unterschiedliche Wirkungen. "Glas adelt das Metall", so Rößiger, in Arbeiten, wo die Künstlerin kreativ die unterschiedlichen Materialien zu verblüffender Symbiose führe. So erinnere der "Querdenker" aus Glas und gebogenem Eisen an den Feingeist und groben Polterer Luther gleichermaßen.

Querdenken ist auch Programm der Ausstellung "Meine Reformation" in der Galerie Altenau 04. Ein Jahr lang ist sie unter Regie von Paul Böckelmann vorbereitet worden und hat schon vorab für großes Interesse gesorgt. Kein Wunder, dass etwa 300 Besucher zur Vernissage gekommen waren. Sieben Künstler zeigen Sichtweisen auf die Reformation und Martin Luther, die flankiert werden von mehreren Essays. "Eine gewaltige Kraftanstrengung ist gelungen", ließ Laudator Heinz Weißflog "Luther-Freunde und Luther-Hasser" wissen. Im September wird es einen Teil 2 der Ausstellung mit Podiumsdiskussion geben.

Dem Trommelwirbel der Gruppe Natsumi Taiko folgten heftige bildliche Paukenschläge. Mit Paul Böckelmann und E.R.N.A als Gastgeber zeigen Steffen Fischer aus Dresden, Tina Flau, Fotograf Andreas Hanisch, Paula Böckelmann und Juan Miguel Restrepo aus Kolumbien kritische Arbeiten. So macht Fischer von der existenziellen Bedrohung durch Kirche bis zur verlogenen Sexualität vor keinem Tabu Halt. Während Paul Böckelmann Bibelworte und demagogische Reden Luthers bildnerisch verfremdet und Tina Flau mit ihrer Installation den Widerspruch zwischen Glanz des Kreuzes und religiösen Niederungen aufzeigt. Mit ornamentalen Figurationen und Ölbildern hinterfragt E.R.N.A. die Rolle der Frau während der Reformation. An-dreas Hanisch weist mit Fotografien von Lutherdenkmälern auf ein fragwürdiges martialisches Luthergedenken. Mit jugendlicher Unbekümmertheit hat Paula Böckelmann mit expressiven Farbzeichnungen und scharfer Textsatire dem religiösen Fanatismus den Kampf angesagt. Juan Valdes setzt sich mit "Heiligen Reliquien" auseinander und dechiffriert deren mystische Aura.

Die Ausstellung will polarisieren, der geglätteten Luther-Ehrung bewusst provokativ eine andere Sichtweise entgegen setzen. Das muss nicht jedem gefallen, aber sollte zur Auseinandersetzung führen.