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| 01:02 Uhr

Porträt der Woche (Folge 2) „Mit Eberhard ist das echt cool“

Sonnewalde / Goßmar.. Eberhard Heiße inmitten „seiner“ Jugendlichen. Hier ging er mit ihnen auf die Suche nach der Wahrheit – und fragte dabei nach der Rolle der Medien.Sie sitzen um den vieleckigen Tisch im kleinen Zimmer des alten Goßmarer Pfarrhauses. Von Heidrun Seidel

An die eine Wand ist eine farbige Weltkugel gemalt, von der anderen fordern markige Sprüche, handgeschrieben auf buntem Papier, zum Nachdenken „über Gott und die Welt“ auf. Wie die Stafette eines Malers steht in der Ecke eine Schultafel, wie sie die Großeltern der Mädchen und Jungen wohl noch kennen gelernt haben.
Anke zupft an den Gitarrenseiten, und die Teenager singen dazu. Jeder so gut er kann. Keiner lacht, wenn einer den Ton nicht hält oder im Stimmbruch krächzt. Sie schauen sich trotzdem ins Gesicht und manchmal auch ins handgemachte Textbuch vor sich auf dem Tisch, wenn sie nicht wissen, wie es weitergeht. Unter ihnen singt einer kräftig und etwas sächsisch akzentuiert. Seine Lebenslinien verraten, dass er altersmäßig den Jungen ein gutes halbes Jahrhundert voraus hat. Dennoch scheint er selbstverständlich in die Runde zu gehören. Wie die anderen auch erfährt er gerade, dass Martin endlich die Fahrerlaubnis in der Tasche hat und heute Abend mit dem Auto gekommen ist. Eberhard Heiße ist Diakon i. R.

Im Ruhestand heißt das eigentlich. Doch Ruhe gönnt sich der Mann, der heute 70 Jahre alt wird, nicht. So ist er immer noch für Jugendliche da und trifft sich einmal in der Woche im Goßmarer Pfarrhaus mit ihnen zum Abend der Jungen Gemeinde.
Jugendarbeit in der evangelischen Kirche ist seit über 50 Jahren sein Leben. Dabei ist er atheistisch erzogen worden und fand erst mit 17 Jahren zu seinem Glauben. „Ich wurde im Dritten Reich groß, mit den deutschen Heldensagen“ , erinnert er sich. Die waren immer alle so perfekt. Irgendwann aber schienen ihm diese Übermenschen so unwirklich, dem Menschlichen fern. „Diese Unerreichbarkeit machte mir Angst. So konnte und wollte ich nicht sein. Im Christentum fühle ich mich angenommen - so wie ich bin. Mit all meinen Fehlern, Irrtümern, Enttäuschungen, Zweifeln.“ Was für ihn Halt und Sinn bedeutet, möchte er auch weitergeben. „Gerade junge Menschen brauchen Orientierung“ , sagt er und will ihnen mit seinem Angebot helfen, mit Unsicherheiten, Enttäuschungen und Ängsten umzugehen.
Die Mädchen und Jungen der Goßmarer Jungen Gemeinde scheinen das zu wollen. „Seit Eberhard zu uns kommt, ist das richtig gut“ , sagt Annika, die ihn wie alle anderen ganz selbstverständlich duzt. Und andere: „Mit Eberhard ist es hier echt cool.“ Der Altersunterschied scheint keine große Rolle zu spielen, freut sich der Jubilar, „wenn man sich annimmt“ . Dafür muss er nicht mit den Jugendlichen auf dem Bolzplatz um die Wette jagen.
Eberhard Heiße wird in Sonnewalde und Umgebung angenommen. Ebenso wie von den vielen Generationen vorher im Sächsischen. Dort hat Eberhard Heiße bis vor fast vier Jahren gelebt und gearbeitet - und 1997 gemeinsam mit seiner Frau Evilis in Annaberg das Bundesverdienstkreuz für sein Engagement in der Jugendarbeit bekommen. Dass beide nach dem Ruhestand ihre festen Wurzeln aus dem erzgebirgischen Boden und auch aus ihren Herzen rissen, hat etwas mit dem elterlichen Haus von Evilis Heiße, das in Sonnewalde steht, zu tun, aber auch etwas damit: „Es ist noch einmal ein neuer Anfang, eine Herausforderung - und für meinen Nachfolger in Annaberg auch ein freieres Arbeiten“ , gesteht der Mann, „ohne dass ich überall meine Finger drin habe.“
Doch in seiner neuen Heimat kann und will er die Finger nicht ganz lassen von seiner Arbeit, die für ihn auch eine Mission ist. Und so bringt er sich, wenn er gerade mal nicht in seinem geliebten Garten buddelt und seiner ersten Ausbildung als Gärtner nachgeht, gern ehrenamtlich ein. So wie in dieser Woche, in der er als Mitglied des Pro-Christ-Teams eine Veranstaltungsreihe, die in ganz Europa Christen vereint, in Sonnewalde organisiert und jeden Abend in die Schulaula einlädt (die RUNDSCHAU berichtete). Und ohne Wenn und Aber auch heute zu seinem 70. Geburtstag.

RUNDSCHAU-Serie Porträt der Woche
 In dieser neuen RUNDSCHAU-Serie sollen Menschen aus unserer Mitte vorgestellt werden, die mit ihrem persönlichen Einsatz, mit ihrem Engagement oft hinter den Kulissen wirken, damit das Gemeinschaftsleben so bunt und vielseitig sein kann. Die einen tragen ein Ehrenamt, die anderen sind stille Helfer im Verein. Die RUNDSCHAU will sie aus dem Schatten des Bühnenhintergrunds ins Licht holen. Wenn Sie unermüdliche Ehrenamtliche kennen, aufopferungsvolle Vereinsmitglieder oder einfach Menschen, die dafür, dass sie für andere Menschen da sind, ein öffentliches Lob verdienen, lassen Sie es die Heimatzeitung wissen: 03531 608621. (hs)