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| 18:49 Uhr

Polizei dankt Antons Rettern

Die Vermessungstechniker Tobias Selig und Maik Seidel deuten gemeinsam mit Eberhard Urban und Gerd Elsel (v.l.) auf der Karte an, in welchem Waldstück sie den kleinen Anton gefunden haben.
Die Vermessungstechniker Tobias Selig und Maik Seidel deuten gemeinsam mit Eberhard Urban und Gerd Elsel (v.l.) auf der Karte an, in welchem Waldstück sie den kleinen Anton gefunden haben. FOTO: Heike Lehmann
Finsterwalde. Am Dienstag hat die Suche nach dem kleinen Anton (21 Monate) Polizisten und viele freiwillige Helfer in Atem gehalten. Der Junge war bei einem Kita-Ausflug vermisst worden. Nach sechs Stunden die erlösende Nachricht: Anton ist wohlauf! Zwei Vermessungstechniker haben ihn im Wald bei Betten entdeckt. Dafür gab es gestern ein Dankeschön von der Polizeiinspektion Elbe-Elster. Heike Lehmann

"Tobias, Tobias, ich hab' ihn!" Maik Seidel (35) ruft, so laut er kann, seinem Kollegen Tobias Selig (31) den erlösenden Satz zu. Dann hebt er Anton aus einer kleinen Senke und nimmt ihn auf den Arm. Der Junge schmiegt sich an ihn. "Ich habe die 110 angerufen und gesagt ,Wir haben ihn gefunden!' Die haben mich gar nicht gleich verstanden, weil ich so aufgeregt war. Dann noch einmal: ,Wir haben den Jungen gefunden!'", erzählt Tobias Selig. Er soll schildern, wo sie mit dem Kind sind. "Ihr findet uns hier sowieso nicht", sagt er. "Wir kommen zur Sammelstelle." Die aber ist ein ganzes Stück entfernt. Anton war drei Kilometer weit gelaufen. Maik Seidel hält ein Auto an. Die Fahrerin nimmt sie mit. "Als Anton die vielen Polizeiautos gesehen hat, hat er immer ,Hatütata' gesagt. Dann entdeckte er seine Mama und rief nur noch ,Mama, Mama'", schildern die Männer die Minuten, die sie wohl nie vergessen werden.

Immer noch aufgewühlt

Selbst zwei Tage später sind sie noch sehr aufgewühlt. Gerade hat ihnen Polizeihauptkommissar Gerd Elsel in Vertretung des Leiters der Polizeiinspektion Elbe-Elster mit einem Präsent für ihre große Hilfe gedankt. Maik Seidel hat zu Hause in Grimma selbst einen Sohn in Antons Alter und der Neffe von Tobias Selig aus Belgern bei Riesa ist zweieinhalb Jahre alt. Seligs Mutter arbeitet als Erzieherin. Gut können sie also die Sorge aller Beteiligten nachvollziehen.

Selig und Seidel führen am Dienstag Kontrollvermessungen an einer Hochspannungsleitung zwischen Betten und der Siedlung Erika durch, als gegen 11 Uhr Polizeiautos anrollen. "Um zwölf waren es schon zehn Polizeiwagen", sagt Selig. Sie erkundigen sich, was passiert ist, werden gebeten, die Augen offen zu halten.

Anton gehörte zu neun Kindern, die mit zwei Erzieherinnen der Bettener Kita Pfiffikus zu einem Picknick unterwegs waren. "Wir haben einen Moment ein anderes Kind getröstet, hatten aber alle Kinder im Blick", sagt die Kita-Leiterin gestern auf RUNDSCHAU-Nachfrage. Wenige Minuten später merken die Frauen, dass Anton fehlt, beginnen mit der Suche und verständigen gegen 12 Uhr die Polizei.

Über Lautsprecherdurchsagen erfahren Seidel und Selig, dass der gesuchte Junge blond ist, eine hellblaue Jacke und karierte Hosen trägt. Sie arbeiten weiter, sehen, wie Hundertschaften Felder und Wälder durchkämmen. Kurz nach 16 Uhr haben sie keine Ruhe mehr. Sie legen ihre Technik beiseite und laufen los - ziellos dorthin, "wo die Polizei noch nicht war", sagt Maik Seidel.

258 Menschen suchen mit

258 (!) Menschen sind in die Suchaktion eingebunden. Bereitschaftspolizisten aus Cottbus und Potsdam, Kräfte aus Elbe-Elster und dem Nachbarkreis Oberspreewald-Lausitz, Wasserschutzpolizisten mit geländegängigen Fahrzeugen, Hubschrauber mit Wärmebildkameras, Rettungshundestaffeln aus Finsterwalde, Großräschen und Forst, DRK und Feuerwehren. An eine so intensive Suche können sich Gerd Elsel und Eberhard Urban, Leiter der Kriminalpolizei in Elbe-Elster, nicht erinnern. Die Kripo nimmt sofort die Ermittlungen vor Ort auf, führt Befragungen durch, sucht nach Anhaltspunkten. Die Polizei versucht, an alles zu denken, bezieht die Öffentlichkeit mit Lautsprecherdurchsagen ein, sperrt kurzzeitig die Bundesstraße 96, achtet darauf, dass auf den Maisfeldern keine großen Maschinen unterwegs sind. An einen möglichen Straftatbestand mag keiner denken. Allen ist klar: Mit jeder weiteren Minute erhöht sich der Gefährdungsgrad für das Kind! "20 Uhr macht die Sonne das Licht aus, Nebel und Tau ziehen auf. Das ist für jeden Einzelnen ein Scheißgefühl", wird Elsel deutlich. Entsprechend riesig ist die Motivation. "Wir hatten einen beeindruckenden Zulauf von Freiwilligen. Ein Bundespolizist kam mit seinem Fährtenhund, den hatten wir gar nicht angefordert", sagt er. "Wenn Leute in Not sind, funktioniert die Solidarität, das ist beim Hochwasser so und das war hier so", freut sich Elsel.

Antons Eltern umarmen die beiden Retter noch vor Ort. "Dann sind wir in die Pension gefahren und haben uns erst mal ein ordentliches Bier gegönnt", verrät Tobias Selig.