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Platzeck "kassiert" bei Speed-Dating

Doberlug-Kirchhain. Zum Speed-Dating hatte die Landtagsfraktion der SPD Brandenburg am Dienstagabend nicht eingeladen. Dennoch erinnerte das Treffen mit geladenen Bürgern an die ursprünglich aus den USA stammende Methode, schnell neue Partner, aber auch Geschäftskontakte zu finden. Gabi Böttcher

Ministerpräsident Matthias Platzeck und der SPD-Fraktionsvorsitzende Ralf Holzschuher wechselten im Saal des Refektoriums in Doberlug-Kirchhain zwei Stunden lang von Tisch zu Tisch, dabei nicht immer sofort auf das Glockensignal der SPD-Landtagsabgeordneten aus Elbe-Elster, Barbara Hackenschmidt, reagierend. Zu schnell waren zehn Minuten vergangen, zu vielfältig und teilweise zu komplex die Themen, die angesprochen wurden. Für Unmut hatte zunächst vor der Veranstaltung gesorgt, dass etwa ein Dutzend Bürger wieder den Heimweg antreten mussten. Sie hatten nicht vermutet, dass sie für ein Bürgerforum der SPD-Landtagsfraktion, die sich auf ihrer Legislatur-Halbzeit-Tour durch Brandenburg befindet, eine Einladung benötigen würden. Zu den nicht Geladenen gehörte Fredy Fechner aus Doberlug-Kirchhain, der die immensen Probleme der Kommunen ansprechen wollte, die sich aus dem Ausbau der Bahnstrecke Berlin - Dresden ergeben. Kleiner Trost für ihn: Dieses Problem kam mehrfach zur Sprache. Zu den doch noch Eingelassenen, für die sich ein paar freie Stühle gefunden hatten, gehörte Dana Thomas vom Ortsbeirat Zeckerin. Sie machte auf die "bundesweit höchsten Wasser- und Abwassergebühren und halsbrecherische Beitragsforderungen" ihres Verbandes Westniederlausitz aufmerksam. Dass der SPD-Fraktionsvorsitzende Ralf Holzschuher am 25. September erneut nach Elbe-Elster kommen will, um sich ein genaues Bild von der Sachlage zu verschaffen, sieht Dana Thomas als Erfolg des Abends.

Landrat Christian Jaschinski (CDU) drängte auf bessere Verkehrsanbindungen für Elbe-Elster. So sei eine gute Erreichbarkeit des künftigen Flughafens Berlin-Brandenburg von enormer Bedeutung für die Menschen in Südbrandenburg, um von den Potenzialen profitieren zu können.

Matthias Platzeck, der zwei Stunden lang ein aufmerksamer Zuhörer war, nahm auch diesen Appell des Landrates zur Kenntnis: "Andere Landkreise, die Schulden produzieren, werden entlastet. Vielleicht kann man ja bei Altschulden auch etwas tun?"

Interessiert hörte Platzeck die von Orgelbau-Altmeister Dieter Voigt vorgetragenen Pläne für eine Südbrandenburgische Orgelakademie in Bad Liebenwerda und bekam seine Fragen dazu beantwortet. Von Freuden des Lebens wusste Cordula Mittelstädt aus Dollenchen mit Blick auf die Arbeit mit Kindern zu berichten. Sie nähme viel Zeit in Anspruch, führe aber auch mit guten, nicht viel Geld kostenden Ideen zum Erfolg. "Es macht Spaß, mit dem Boot auf dem Dorfteich zu fahren", nannte Mittelstädt ein Beispiel. Dr. Gustav Bekker und seine Frau Inge Burghardt erfuhren Platzecks Anerkennung für ihr Engagement bei der deutsch-polnischen Versöhnung - und schon läutete die Hackenschmidt-Glocke zum Wechsel an den nächsten Tisch. Landwirt Thomas Jülke aus Sonnewalde: "Es ist nicht zu verstehen, dass man bekannte Straftäter frei herumlaufen lässt." Platzeck führt die drei Hundertschaften der Polizei an, die im Grenzgebiet zum Einsatz gekommen sind, verweist aber gleichzeitig auf das hoch professionelle Vorgehen der Diebesbanden. "Bessere Eigensicherung, künstliche DNA, wir müssen Stück für Stück etwas tun", so Platzeck. Und das nächste Thema: Marcus Steinigk, der nach Jahren im Ausland den Familienbetrieb in Crinitz übernommen hat, schüttelt den Kopf über deutsche Bürokratie und Ämter, die gegeneinander arbeiten. Ein Gründerzuschuss, den es de facto in Brandenburg nicht mehr gebe, werde jedoch im Hin und Her zwischen Berechnung der Krankenversicherung und Antragstellung beim Arbeitsamt zum Problem. "Es hat mehr als zwei Monate gedauert, bis das gelöst war", so Steinigk.

Henry Cöppert aus Finsterwalde versucht es zwischendurch mit etwas Aufmunterung in Sachen Flugplatzdebakel. "Die Probleme bei einem solchen Bauvorhaben sind normal", sagt er. Und Platzeck: "Das ist total lieb." Aber mit den vermeintlich besten Planungsbüros und noch dazu einer für Millionen hinzugezogenen Baukontrollfirma, sei ein anderes Ergebnis zu erwarten gewesen. Michael Niepel aus Finsterwalde kritisiert die ausgedünnten Nahverkehrsverbindungen. Dazu Matthias Platzeck: "Am 7. September startet in der Uckermark der erste Kombi-Bus. Das ist ein Linienbus, der nicht nur Menschen, sondern auch Waren transportiert." Ziel sei es, für ländliche Regionen neue Strategien zu entwickeln und umzusetzen, die eine Antwort auf den demografischen Wandel seien. Noch ein Themensprung nach zwei Stunden: Inklusion. Förderschulleiterin Constanze Mailick: "Bildungspolitik in Brandenburg verläuft zu unstet, Förderschulen aufzulösen, steht nicht in der UN-Konvention. Wo bleibt das Mitspracherecht der Eltern?" Dazu Platzeck: "Nicht alle Kinder mit Förderbedarf können inklusiv beschult werden. Aber, wenn wir ehrlich sind, haben wir es uns in den Schulen auch manchmal zu leicht gemacht. Das gemeiname Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern ist ein hoher Wert."

Zum Thema:
Siegfried Mertzig aus Doberlug-Kirchhain: "Sie haben die Oder- und die Elbeflut geschafft, Herr Platzeck, da werden sie doch wohl auch noch die anderen paar kleinen Dinge schaffen."Gisela Haubitz aus Finsterwalde: "Ich war skeptisch wegen der Gesprächsform. Aber ich korrigiere mich. Ein super Prozedere."Matthias Platzeck: "Ich bin eingeladen worden und mir ist gesagt worden, ich könnte hier auch Sorgen und Freuden loswerden."