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Per du mit Bundespräsident Steinmeier

Staatssekretär Stephan Steinlein, neuer Chef des Bundespräsidialamtes, mit Anna Engelke, der neuen Sprecherin des Bundespräsidenten.
Staatssekretär Stephan Steinlein, neuer Chef des Bundespräsidialamtes, mit Anna Engelke, der neuen Sprecherin des Bundespräsidenten. FOTO: Dieter Babbe/dbe1
Berlin/Finsterwalde. Stephan Steinlein ist seit Jahren an der Seite von Frank-Walter Steinmeier. Jetzt ist der Finsterwalder Chef des Bundespräsidialamtes. Dieter Babbe

Berlin, Spreeweg 1, nur wenige Meter von der Siegessäule entfernt. Im Grün des Tiergartens wie versteckt das markante, elliptisch geformte Gebäude des Bundespräsidialamtes. Vor wenigen Wochen erst hat der Chef der obersten Bundesbehörde, zugleich ranghöchster deutscher Staatssekretär, hier in der 3. Etage sein Arbeitszimmer bezogen: Stephan Steinlein - ein gebürtiger Finsterwalder.

Fast fünf Monate hat es gebraucht, um bei ihm einen Termin zu bekommen - für eine Gesprächsstunde, wie es bei Diplomaten üblich ist. Doch dann guckt Stephan Steinlein nicht auf die Uhr, nimmt sich Zeit, vor allem um Erinnerungen an seine Kindheit in der Sängerstadt hervorzukramen, erzählt von einer ganz besonderen Biografie und beruflichen Karriere in der untergehenden DDR zum wieder vereinten Deutschland.

Wir sitzen in schwarzen Ledersesseln im großen Büro, wo ein recht aufgeräumter Schreibtisch steht und mit großen Bildern von Karl Schmidt-Rottluff, dem bekannten Expressionisten, an den Wänden - die Steinlein von seinem Vorgänger geerbt hat. Der Reporter erlebt einen sehr sachlichen, ruhigen, eher zurückhaltenden wie klugen Mann, einen, der im mitunter hektischen Politikbetrieb "Ruhe reinbringen kann", wie Menschen in seiner Nähe beschreiben.

Man mag ihm nicht glauben, wenn er sagt, dass er "auch mal ausrasten kann". Der Sohn eines Pfarrers, der von 1956 bis 1969 Superintendent in Finsterwalde war, studiert Theologie, bekommt schon zu DDR-Zeiten einen Reisepass und schreibt im französischen Straßburg im Auftrag des bekannten Kirchenhistorikers Wolfgang Ullmann, der später in der letzten Volkskammer sitzt, an seiner Doktorarbeit - während es mit dem Arbeiter- und Bauernstaat zu Ende geht.

Als Hunderttausende am 4. November 1989 sich protestierend auf dem Alexanderplatz drängeln, fliegt Stephan Steinlein zurück nach Berlin und mischt sich unter die Menschen. Bald stürzt die alte Regierung, schnell muss eine neue, eine demokratisch gewählte installiert werden. Jetzt finden viele Kirchenleute über Nacht den Weg in die Politik - wie Stephan Steinlein. "Hans Misselwitz, der in der Opposition tätig war, kannte ich vom Studium, er kannte wiederum Markus Meckel, der gerade Außenminister geworden war - und der suchte dringend einen Botschafter in Paris." So wird Stephan Steinlein, der gut französisch spricht, mit 29 Jahren der vermutlich jüngste, jedenfalls der letzte DDR-Botschafter - mit der kürzesten Amtszeit: ganze sechs Wochen.

Steinlein kommt ins neue Deutschland zurück - nicht nach Berlin, sondern nach Bonn, wo er Diplomat im Auswärtigen Amt wird. Als 1999 der neue Bundeskanzler Gerhard Schröder heißt und er Frank-Walter Steinmeier zu seinem Kanzleramtschef macht, sucht der einen Pressereferenten - und findet ihn mit Stephan Steinlein. Von da an sind beide wie unzertrennlich - "die Chemie hat von Anfang an gestimmt", sagt Steinlein. Egal, welchen Posten Steinmeier auch bekleidet, ob als SPD-Fraktionschef im Bundestag, als Kanzlerkandidat, als Außenminister oder jetzt als Bundespräsident, ob im In- oder bei den vielen Reisen im Ausland - an seiner Seite ist Steinlein, seit 2014 sogar als sein Staatssekretär.

"Wir sind jetzt wie ein altes Ehepaar", scherzt Steinlein im LR-Gespräch über das Verhältnis zu Steinmeier, den er natürlich seit langem duzt, beide Familien verkehren auch privat miteinander. Im Bundespräsidialamt ist er nicht nur der Chef von etwa 180 Mitarbeitern, sondern auch der erste Berater des Staatsoberhauptes, zu dem er nahezu täglich Kontakt hat. Er informiert Steinmeier, der nur wenige Meter weiter im Schloss Bellevue residiert, über alle wichtigen Angelegenheiten und über die aktuelle Nachrichtenlage (liest dazu auch Beiträge in der RUNDSCHAU), bereitet Entscheidungen vor, arbeitet Reden aus, nimmt an den Sitzungen des Bundeskabinetts und des Bundessicherheitsrates teil. Stephan Steinlein selbst bleibt meist im Hintergrund, tritt wenig öffentlich auf, gibt ganz selten Interviews - und hat dennoch einen großen Einfluss auf die Politik und auf den Politiker Steinmeier.

"Wir hatten die Telefonnummer 373 - so wenig Telefonanschlüsse gab es damals", erinnert sich Stephan Steinlein noch an seine Kindheit in Finsterwalde, wo die Familie des Superintendenten noch im Pfarrhaus in der Schlossstraße 4 wohnt. Der Weg in die "Mädchenschule", die damals aus alter Zeit noch so genannt wird, heute die Grundschule Stadtmitte, ist nicht weit. Die Klassenlehrerin heißt Frau Rzepka, auf den Zeugnissen stehen nur Einsen - "außer in Nadelarbeit und Sport", gesteht Stephan Steinlein. Und er weiß noch, dass der Schrottplatz sein beliebter Spielplatz ist ("Da lagen Flugzeugteile von russischen Migs herum"), er oft zum Tellerberg und in die Bürgerheide geradelt ist und er noch im Krämerladen von "Tante Wittke" in der Langen Straße, wo heute das Kreismuseum ist, einkaufen geht. Dass Steinleins nur etwa 100 Meter von Peter Ensikat, dem später bekannten Schriftsteller und Kabarettisten, wohnen, habe er in einem Gespräch mit ihm erst nach Jahrzehnten zufällig erfahren.

Stephan Steinlein ist neun Jahre alt, als die Familie nach Nauen zieht, wo der Vater 1970 die Stelle als Superintendent übernimmt. Als Pfarrerskind, das lange Haare trägt, nicht Mitglied in der FDJ werden will, stattdessen das Abzeichen "Schwerter zu Pflugscharen" trägt und auch sonst immer etwas aufmüpfig ist, darf er später die EOS nicht besuchen, muss den Beruf des Walzwerkers mit Abitur erlernen, um als einer der Klassenbesten über diesen Umweg studieren zu können.

Zu Finsterwalde und den Finsterwaldern hat Stephan Steinlein, der seit langem in Berlin lebt, in den vergangenen Jahrzehnten die Fäden verloren. "Ich war später noch zwei Mal zu Beerdigungen in der Stadt. Von den Menschen, die ich damals kannte, lebt wohl kaum noch jemand", vermutet er. Vor drei Jahren macht er mit seiner französischen Frau und den vier Kindern nach einem Besuch in Dresden kurz Halt in der Sängerstadt. "Ich wollte meiner Familie mal meine Wurzeln zeigen." Nach dem Mittagessen beim Italiener am Marktplatz schlendert man durch die Altstadt - und Steinlein ist überrascht. Nicht nur der Schrottplatz ist nicht mehr da, "Finsterwalde ist nicht wiederzuerkennen, die einst graue Stadt ist ein Schmuckstück geworden".

Schon bald will Stephan Steinlein die Erinnerungen an seine Geburtsstadt weiter auffrischen - und auch mit seinen beiden Schwestern in die Sängerstadt kommen, sagt er am Ende des LR-Gesprächs. Der RUNDSCHAU-Autor, selbst ein gebürtiger wie leidenschaftlicher Finsterwalder, hat beim Abschied im Bundespräsidialamt versprochen, den Steinleins bei einem Spaziergang durch ihre Vergangenheit die schmucke Stadt von heute zu zeigen.