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| 17:34 Uhr

Stadtgeschichte
November 1810 in Finsterwalde: Auf nach Russland?

Ein Briefsiegel der kaiserlich-russischen Gesandtschaft aus dem Finsterwalder Stadtarchiv.
Ein Briefsiegel der kaiserlich-russischen Gesandtschaft aus dem Finsterwalder Stadtarchiv. FOTO: Dr. Rainer Ernst
Finsterwalde. Warum Finsterwalder Tuchmacher Anfang des 19. Jahrhunderts ihre Heimat in Richtung Zarenreich verlassen wollten. Von Dr. Rainer Ernst

Im November 1810, Finsterwalde gehörte damals noch zum Königreich Sachsen, erreichte den „Hochedlen Rat“ ein Schreiben aus Dresden. Nein, nicht von den königlichen Behörden, sondern von der Kaiserlichen Russischen Gesandtschaft. Der Diplomat fragte an, wann endlich die vertraglich gebundenen Auswandererfamilien aus Finsterwalda (!) in Russland eintreffen würden.

Schon unter Zar Peter I. und vor allem unter Katharina II. zog es nicht wenige Deutsche nach Russland. Rief die Zarin insbesondere Kolonisten, um das Riesenreich zu besiedeln und zu erschließen, richtete sich eine erneute Einwanderungskampagne ihres Enkels Alexander I. ab 1804 an qualifizierte Handwerker.

Eine Werbeofferte „in mehreren öffentlichen Blättern“, die „ausländische Tuchmacher“ zur Niederlassung nach Russland einlud, erreichte offenbar auch Finsterwalde. Den Ausreisewilligen wurde die Anstellung in Tuchfabriken „unter gewissen Vortheilen“ und ein Reisegeld von 80 Talern versprochen. Aufgrund dieses Angebots wandten sich drei Finsterwalder Tuchmacher an die Kaiserliche Gesandtschaft und verpflichteten sich, mit ihren Familien nach Bialystok, das nach dem Tilsiter Frieden an Russland gefallen war, zu reisen.

Das Reisegeld hatten sie gleich erhalten, aber in Russland waren sie nach Auskunft der Gesandtschaft bisher nicht angekommen.

Da die Beschuldigten Atteste des Rates über ihr „gutes Verhalten“ und der Tuchmacherinnung über ihre Qualifikation vorgewiesen hatten, wandte sich die Gesandtschaft nun an die Finsterwalder Stadtbehörden, entweder die Säumigen zur Ausreise zu drängen oder „wenn sie ihr Vorhaben geändert haben, ihnen das empfangene Reisegeld also von Jedem 80 Taler abzunehmen und der Gesandtschaft zurück zu schicken“. Anderenfalls sah man sich genötigt, „gegenwärtiges Gesuch höhern Orts anzubringen u. endlich die Namen dieser Tuchmacher als eines Betrügers öffentlich bekannt zu machen“.

Den beiden (ehrenamtlichen) Bürgermeistern Johann Gottlob Koßwig und Johann Gottfried Maschklopf oblag es nun, „die nöthigen Maaßregeln zu treffen“, um der russischen Seite „in dieser Sache gänzliche Befriedigung zu gewähren“. Die angestellten Untersuchungen, Befragungen und Verhöre erwiesen sich als kompliziert und langwierig. Den bezeichneten Tuchmacher Karl Schulze kannte in Finsterwalde niemand. Deshalb vermuteten die Stadtoberhäupter, dass hier eine Verwechslung mit einem Gottlob Schulze vorliege, der allerdings schon 1809 seinen Heimatort wegen „Armuth und Dürftigkeit“ und wohl in der Hoffnung, dieser Misere zu entfliehen, mit seiner Frau und seinem blinden Sohn in Richtung Russland verlassen hatte. Auch im Falle eines gewissen Johann Richter gab es Namensprobleme. Hier käme nach Auskunft der Viertelmeister des Tuchmachergewerks nur ein Meister Johann Christian Richter in Frage, der aber mit seiner Frau Maria Christiane auch schon im vorigen Jahre nach Russland gereist sei. Ein Karl Müller allerdings ließ sich in Finsterwalde finden. Am 13. Dezember 1810 erfolgte durch beide Bürgermeister dessen Verhör. Er erklärte, „seine traurige Lage, Unglücksfälle und Armuth hätten ihn verleitet, den Gedanken zu fassen, und nach Rußland auswandern zu wollen“. Deshalb habe er mit der Gesandtschaft in Dresden Verbindung aufgenommen, habe sich „als ausgelernter Tuchmacher durch beygebrachte Atteste legitimieret“ und sei angenommen und ihm das Reisegeld ausgehändigt worden. Nun aber habe er sein Vorhaben geändert. Das Geld allerdings musste er wegen der großen Armut in „seiner Handthierung hierselbst“ verwenden. Da über sein Vermögen inzwischen Konkurs verhängt ist, könne er es nicht zurückgeben. Eine „Betrügerey“ allerdings habe er nicht im Sinne gehabt.

Diese Ermittlungsergebnisse teilte der Rat im Mai 1811 der russischen Gesandtschaft mit. Geleichzeitig verwiesen die Finsterwalder Bürgermeister auf einen Befehl der sächsischen Regierung, der ihnen verbot, eigene Landeskinder zur Ausreise zu drängen.

Ob sich die russischen Diplomaten damit so einfach zufrieden gaben, verraten die Quellen nicht. Vielleicht verlor sich der Vorgang dann im großen Weltgeschehen, denn ein Jahr später befand sich Sachsen an der Seite Napoleons im Krieg gegen Russland.

Zitate aus: Stadtarchiv
Finsterwalde Rep 8, Nr. 207.