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„Nimm mich bitte bitte mit!“

Finsterwalde / Langengrassau.. Die jungen Hunde laufen noch tapsig im Freizwinger, kuscheln sich mit ihrem Fell an den Zaun, lecken mit der Zunge an den ausgestreckten Fingern der Besucher. Und die traurigen Augen blicken, als wollten sie sagen: „Nimm mich bitte bitte mit!“ „Mir kommen gleich die Tränen, wenn ich sehe, wie die Menschen mit den Tieren umgehen“ , leidet Erika Fleck aus Sonnewalde mit den Hunden. Und nicht nur sie hätte am liebsten ein Heimtier mitgenommen, als sie von den tragischen Schicksalen der Bewohner hört. Doch zu Hause hat sie schon einen Boxer. Von dieter babbe

Gerührt sind die über 40 Besucher, die letzten Mittwoch mit der Lausitzer Rundschau eine Sommertour nach Langengrassau unternahmen und hier zuerst das Tierheim Druschke ansteuerten, von den traurigen Geschichten über die vielen abgegebenen und gefundenen Tiere. Wie das der neun jungen Hunde, die vor zwei Tagen erst bei Muckwar gefunden wurden - eher zufällig, aber Gott sei Dank noch nicht zu spät. „Irgendjemand hat die Welpen in einen engen Pappkarton gepfercht und den einfach im Wald abgestellt. Die Tiere waren in einem erbärmlichen Zustand und bis auf die Rippen abgemagert, als wir sie bekamen. Die müssen tagelang gehungert und gedurstet haben“ , kann Gerhard Druschke, der Chef des Tierheimes, nur vermuten - und er weiß: „Wir dürfen die Tiere jetzt nicht überfüttern, sondern nur langsam hochpäppeln, dann sind sie in zwei Wochen wieder gesund.“
Hinter jedem der vielen Zwinger mit den über 250 Tieren, darunter allein 100 Hunde und 40 Katzen, steckt eine andere Episode - meist eine tragische: von Tieren, die ausgesetzt, vertrieben, geschlagen oder dem Besitzer weggenommen wurden, weil man sie hat verwahrlosen lassen. Seit über zehn Jahren kümmern sich die Druschkes um diese Tiere und versuchen, sie - nach guter Pflege - in gute Hände zu geben.
„Angefangen hat alles mit den ,Russen'-Hunden“ , erinnert sich Helga Druschke - und daran, wie die Sowjets ihre Standorte in Wünsdorf und anderswo verlassen und nach Hause in ihre Heimat mussten. „Zurückgeblieben sind ihre Tiere: Über 500 meist Schäferhunde und 400 Katzen sollten wir damals vermitteln. Weil sie gut abgerichtet und sozial verträglich waren, haben alle tatsächlich neue Besitzer gefunden.“ Nur schweren Herzens konnten sich die sowjetischen Soldatenfamilien, die Männer wie die Frauen, vor allem die Kinder, von ihren Lieblingen trennen - „oft haben wir beim Abschied gleich mitgeheult“ , weiß Helga Druschke noch.
Tränen hat die Frau schon sehr oft und viele gesehen - manchmal aber auch Freudentränen, wenn jemand seinen lang gesuchten Ausreißer im Tierheim wieder abholen konnte. In Langengrassau haben alle Fundtiere auch aus dem Elbe-Elster-Kreis - von den Ordnungsämtern oder der Polizei eingewiesen - eine Adresse. 28 Tage warten sie hier auf ihr Herrchen oder Frauchen - lassen die sich bis dahin nicht blicken, können die Fundtiere weitervermittelt werden. „Meldet sich der alte Besitzer dann noch, hat er ein halbes Jahr Anspruch auf sein Tier“ , erläutert Helga Druschke die Gesetzeslage. Nur wenige Tiere bekommen im Heim ihr Gnadenbrot, weil sie „nicht vermittelbar“ sind - wie Biene, die schon betagte Dackel-Mischlings-Dame. Die Hündin ist die längste Heimbewohnerin und hat inzwischen bereits Privilegien: Sie darf frei herumlaufen.
Und sie genießt das, begrüßt alle menschlichen Besucher mit lautem Gebell und verabschiedet sie auch so. Zweimal am Tag ist Biene allerdings bei den anderen Vierbeinern zu finden - denn dann sind alle Hunde los bei Druschkes. Früh um halb acht und nachmittags um drei werden die Zwinger geöffnet und gereinigt, während sich die Hunde im großen Garten austoben können. Und wird vor wildem Übermut die Bellerei der Meute allzu laut und artet in Zänkerei und Beißerei aus, funkt Gerhard Druschke dazwischen: „Ich bin hier das Leittier, der Rudelführer - das wissen die Hunde, und sie hören auf mein Kommando.“ Und Helga Druschke hat die Erfahrung gemacht: „Man darf nicht Angst vor den Hunden haben, das spüren sie - man muss ihnen aber Achtung und Respekt entgegenbringen.“ Und so ist sie bisher erst einmal ernsthaft gebissen worden - „da war ich aber selber dran Schuld: Ich wollte einem Cocker-Spaniel, der eine Woche auf der Straße gelebt hat und völlig verstört war, ein Halsband umlegen. Für einen Moment habe ich nicht aufgepasst.“ Und Helga Druschke musste die tiefe Bisswunde im Krankenhaus auskurieren.
Das Tierheim ist für Helga und Gerhard Druschke, für die Tochter Susann Viol, die Zootierpfleger gelernt hat, und zwei weitere Mitarbeiterinnen ein 24-Stunden-Job. Gerade in diesen Sommerwochen, in denen viele Hunde- und Katzenbesitzer in den Urlaub fahren, ist auch die Tierpension nahezu ausgebucht, und es gibt alle Hände voll zu tun. Zeit für einen eigenen Urlaub fanden Druschkes in den letzten zwölf Jahren nicht. Nur einmal waren sie in der Zeit für fünf Tage in Österreich - „und wo zog es uns hin? Zum Almabtrieb und wieder hin zu den Viechern“ , lacht Helga Druschke.