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Nicht nur ein Denkmal wird von ihr bleiben

Evelyn Hartnick im Jahr 2002 mit einem Modell des Denkmals.
Evelyn Hartnick im Jahr 2002 mit einem Modell des Denkmals. FOTO: dse1
Finsterwalde. Zum Tod von Sängerdenkmal-Schöpferin Evelyn Hartnick schreibt der langjährige Leiter des Finsterwaler Museums Dr. Ernst. Dr. Rainer Ernst / res1

Ihr Name wird eng mit ihrer Heimatstadt Finsterwalde verbunden bleiben: Evelyn Hartnick. Am 24. August ist die Bildhauerin in Berlin verstorben. Das Sängerlied-Denkmal bezeichnete sie einst als ihr wichtigstes künstlerisches Werk.

Am 17. Juli 1931 hatte sie als Tochter des Kunstmalers Bruno Hartnick das Licht der Welt erblickt. Das Mädchen entwickelte schon früh vielfältige Begabungen für das bildliche Gestalten. Unbewusst folgte sie darin den Spuren des Vaters, zu dem sie eine besonders herzliche Beziehung besaß. Sein Tod - er fiel in den letzten Kriegstagen in Berlin - stürzte sie, wie die Erinnerungen an den Tag ihrer Konfirmation dokumentieren, in tiefe Verzweiflung: "Ich habe damals nichts von dem gesehen, was um mich herum vorging, ich habe nur den dumpfen Schmerz in meiner Brust gefühlt - und schluchzend bin ich zum Altar getaumelt, halb gezogen - halb gestoßen von meinen Schulkameraden. Es war furchtbar damals. Ich habe nicht gewusst, wie ich meines Schmerzes Herr werden sollte … Ganz hinten in der Kirche saß, halb von einer Säule verdeckt, mit abgewandtem Gesicht, ein unbekannter Mann. Einen Herzschlag lang wähnte ich, dass mein toter Vater an diesem besonderen Tage zu mir gekommen sei."

Gewiss auch um dem Vater geistig nahe zu sein, wollte sie Malerei studieren. Die Großeltern Hartnick, letzte Vertreter einer Zigarrenmacherdynastie, bestärkten sie darin. Schon mit 16 Jahren verließ sie die Oberschule Finsterwalde und begann ein Studium an der Kunstgewerbeschule Leipzig. Max Schwimmer war dort einer ihrer prägenden Lehrer. Ein weiterer Ausbildungsschritt führte zur Akademie für Grafik und Buchkunst Leipzig. Bald entdeckte sie in der plastischen Gestaltung ihre eigentliche Begabung. Sie wechselte an die Kunsthochschule Berlin, wo sie unter der Anleitung von Prof. Heinrich Drake ein der klassischen Bildhauerkunst verpflichtetes fünfjähriges Studium absolvierte. Nach dem Diplom 1956 blieb sie in Berlin und wirkte fortan als freischaffende Künstlerin.

Ihr Schaffen wies mit vielfigurigen Reliefs, mit Reliefporträts historischer Persönlichkeiten, mit der plastischen Gestaltung von Kindergruppen und Tierfiguren, mit der Gestaltung von Münzen und Medaillen eine große Bandbreite auf.

Schon seit dem Ende der 1980er-Jahre trug sie sich mit dem Vorhaben, für ihre Heimatstadt ein dem Sängernimbus gewidmetes Denkmal zu schaffen. Am 15. Mai 2002 konnte es schließlich, nicht - wie ursprünglich geplant - als Bestandteil eines Marktbrunnens, aber dennoch als eine Zierde Finsterwaldes am Platz vor der Sparkasse eingeweiht werden.

Das Finsterwalder Sänger- und Kaufmannsmuseum widmete 2004 Evelyn Hartnick eine Ausstellung, in der auch das künstlerische Schaffen ihres Vaters und ihres Sohnes Jan-Pieter Nitzsche gewürdigt wurde. Der Leipziger Passage-Verlag gab 2014 ein Buch heraus, das nicht nur über das Werk der Bildhauerin sachkundig informierte, sondern biografische Selbstzeugnisse, darunter auch heimatgeschichtlich aufschlussreiche Briefe aus den 40er- und 50er-Jahren, dokumentierte. Dieser Publikation entstammt, wie auch das vorherige Zitat, eine Reflexion der damals gerade zwanzigjährigen jungen Frau.

Ob sie am Ende ihres Lebens noch ebenso dachte? " Mein Gott … ich war oft mit meinem Schicksal unzufrieden. Doch wenn ich es jetzt bedenke, war es doch wunderschön! Es ist weise eingerichtet vom Schöpfer, dass nur das Gute und Schöne in unserem Gedächtnis bleibt, dass wir das Hässliche und Schlechte vergessen … So aber erblüht ein schöner, bunter Garten, die Blumen sind gewoben aus den verschiedensten Erlebnissen, großen und kleinen Freuden, Höhen und Tiefen, die uns reich gemacht haben. Und so ist es doch eine Lust zu leben!"