Der letzte Vertreter der Schuster-Familie, Hans, ein studierter Jurist, hat die Geschicke der Firma lieber seinen Prokuristen anvertraut. In der Stadt war er aber dennoch der Vertreter der Firma Traugott Schuster und äußerst bekannt. Seinem treuen Kraftfahrer vertraute er so sehr, dass er ihn beim Firmenerbe im Testament berücksichtigen wollte. Doch Franz Weidemann lehnte dankend ab, wohl wissend wie trocken das Kaufmännische sein kann. Schließlich hatte er eine Lehre im Landratsamt absolviert. Er fühlte sich aber als Autoschlosser und Kraftfahrer wohler und brachte stattdessen seinen damals gerade erst zweijährigen Sohn Peter ins Gespräch. Und tatsächlich: Hans Schuster trug den Knaben in sein Testament ein, machte allerdings zur Bedingung, dass er Eisenwarenhändler werden müsse.
Zwölf Jahre später begann Peter also seine Lehre bei der Firma Traugott Schuster. Was 1952 nicht so einfach war, denn alle jungen Leute sollten ihr berufliches Rüstzeug in den volkseigenen Betrieben erwerben. Nach einigem Hin und Her durfte Peter doch in der Privatfirma Traugott Schuster Handelskaufmann werden. Was ihm anfangs gar nicht so behagte. Seine Kumpel lernten was Handfestes wie Maler oder Schlosser. Er dagegen zog den Kittel über und stand hinterm Ladentisch. Das war wohl auch der Grund, dass er in der Berufsschule nicht zu den Besten gehörte. Doch die Androhung eines zusätzlichen Lehrjahres genügte, dass er aus Furcht vor dem Lehrbetrieb und seinem Vater die kaufmännische Lehre dann sogar ein halbes Jahr vorfristig mit gutem Ergebnis abschloss. Allerdings hatte der junge Mann nicht vor, ewig bei Schusters Schrauben, Muttern, Nägel und Werkzeuge an den Mann zu bringen. Doch bis zu seinem 18. Lebensjahr war sein Vater sein Vormund, dann zwang ihn der Arbeitskräftemangel hier zu bleiben, und schließlich wurde die Mauer hochgezogen. Peter Weidemann blieb sein ganzes Berufsleben - 53 Jahre - bei Traugott Schuster.
Dass er auch seine Frau Renate hier kennen lernte und bis gesetern gemeinsam mit ihr arbeitete, erleichterte die Sache. Auch sie begann als 14-Jährige ihre Lehre bei Schusters. 1962 haben beide geheiratet. Sohn Jörg wählte eher die Fußstapfen seines Großvaters Franz und wurde Kfz-Mechaniker. Tochter Anke lebt heute mit ihrer Familie in Luxemburg.
Als 1968 der Geschäftsführer der Firma Traugott Schuster verstarb, haben Peter Weidemann und Günther Schüler, zwei der sechs Gesellschafter, die Geschäftsführung übernommen und bis 1998 durchgehalten. Peter Weidemann kümmerte sich speziell um das Bahnlager in Massen. Reger Waggoneingang und großer Kundenverkehr - einschließlich Samstag und Sonntag - waren hier zu managen. Vor allem in den Jahren der Mangelwirtschaft der DDR prägte sich der Geheimtipp "Musste mal bei Schusters fragen!" her aus, wenn jemand Zement zum Hausbau brauchte zum Beispiel. Nach der Wende haben die beiden Geschäftsführer tüchtig investiert. Im Bahnlager wurde der Verkaufsraum hergerichtet, und das Stadtgeschäft am Markt bekam ein neues Outfit. Auch die Häuser verloren ihr Alltagsgrau.
Doch die wirtschaftliche Situation wurde immer schwieriger. "Die neuen Baumärkte drückten uns zunehmend das Wasser ab", erinnert sich Peter Weidemann an die 90er Jahre. "Wir haben rechtzeitig erkannt, dass wir mit den großen Firmen nicht mithalten konnten." Die Traugott Schuster GmbH wurde aufgelöst.

Für Peter Weidemann hätte dies bedeutet, mit 60 Jahren auf der Straße zu stehen. Er startete noch einmal durch und kaufte das Bahnlager von Traugott Schuster. Das attraktive Haus am Markt - hier haben Weidemanns 35 Jahre gewohnt - wurde verkauft. Weidemann gründete die Firma neu und fügte seinen Namen hinzu. "Wir haben etliche Stammkunden. Doch die Masse kauft eben im Baumarkt", weiß er.
Karin Weßnigk ist ab heute die Neue bei Schusters. Sie ist nicht ganz neu im Metier - ihr Mann betreibt einen Dämmstoffhandel. Für den Laden in der Glasmacherstraße zahlt sie Miete, die Ware hat sie komplett übernommen. Auch die eine Vollzeit- und die Stundenkraft behalten ihren Arbeitsplatz. Und Karin Weßnigk hofft, dass ihr der Kundenstamm treu bleibt. "Traugott Schuster, das ist doch ein Begriff. So etwas darf man nicht aussterben lassen", begründet sie ihren Schritt. "Viele Kunden sind glücklich, dass es weitergeht", macht ihr Peter Weidemann Mut.
Weidemanns freuen sich auf die Zeit ohne Firmenstress. Sie wollen mit Radtouren die nähere Umgebung erkunden. Liegt das Ziel im Brandenburger Land, nehmen sie das Auto. An Grundstück und Haus gibt es immer was zu tun. Und Peter Weidemann ist ja auch noch Stadtverordneter in Finsterwalde. Der CDU-Fraktion bleibt er weiterhin treu.
Langeweile also wird sich im Leben der Weidemanns so schnell nicht breit machen.