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Merkel in Finsterwalde: Zwischen Claqueuren und Radaubrüdern

FOTO: Heike Lehmann
Finsterwalde. Noch eine Stunde vor Merkels Ankunft ist der Markt fast gähnend leer, obwohl das Vorprogramm da schon beginnen soll. Auf der Videoleinwand läuft noch Wahlwerbung. Man schiebt es aufs Wetter – es regnet. Heike Lehmann

"Vor vier Jahren war das noch nicht so. Da hat man noch jedes Wort verstanden." Die drei Damen am Rande des Finsterwalder Marktes sind enttäuscht. Sie haben wohl versucht, aus der Ferne den Wahlkampfauftritt von Angela Merkel (CDU) zu verfolgen. Eine große Videoleinwand hat es ihnen erleichtert, die gellenden Pfiffe aus Trillerpfeifen, "Hau ab"- und "Merkel muss weg"-Rufe von politischen Gegnern aus dem hinteren Marktbereich indes nicht.

Der erneut kandidierenden Finsterwalder CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Stübgen hat die Bundeskanzlerin ein drittes Mal in die Sängerstadt eingeladen. Und Angela Merkel gibt in ihrer Rede zu, dass sie gern nach Finsterwalde gekommen ist, um ihren Parteifreund, der sich so in der Europapolitik engagiert, zu unterstützen.

Noch eine Stunde vor Merkels Ankunft ist der Markt fast gähnend leer, obwohl das Vorprogramm da schon beginnen soll. Auf der Videoleinwand läuft noch Wahlwerbung. Man schiebt es aufs Wetter - es regnet. Die Band Victory seventeen gibt sich alle Mühe, für sommerlich-fröhliche Stimmung zu sorgen. Der Beifall bleibt spärlich. Sie probieren es noch mit "Für dich schieb‘ ich die Wolken weiter". Aber es dauert, bis der Regen nachlässt.

Schließlich sind doch Hunderte Menschen auf den Markt gekommen. Viele Polizisten sind im Einsatz. Journalisten aller Medien jagen Motive und O-Töne. Sogar ein schwedisches Kamerateam fängt Bilder ein. Die offiziellen CDU-Wahlkampf-T-Shirts und Plakate werden verteilt. Sie werden später brav als Sichtschutz zwischen die Pressefotografen und die missliebigen Parolen der Gegner gehalten. Je weniger "unschöne" Fotos für die CDU, umso besser. Flüchtlingskinder in der ersten Reihe werden zum beliebten Fotomotiv.

Schüler der Oberschule Massen sind mit ihrem Lehrer Christian Rasemann gekommen. Im Rahmen von Politischer Bildung sollen sie auf einem Arbeitsblatt unter anderem notieren, wie für die Sicherheit der Kanzlerin gesorgt wird, was Inhalt ihrer Rede ist. Wenn er könnte, würde Oliver aus der 9. Klasse die Kanzlerin fragen, wann sie die Drogen legalisieren will. "Dann würde es weniger Kriminalität geben", ist er überzeugt. Ein Finsterwalder Handwerker würde die Kanzlerin fragen, wie es mit den ganzen Asylanten weitergeht.

Im abgesperrten vorderen Teil des Marktes sitzen die CDU-Mitglieder und -Anhänger. Zuerst gibt es noch ein bisschen CDU-Bürgermeisterwahl-Kampf. Der Finsterwalder Bürgermeister Jörg Gampe begrüßt die Gäste, wird gelobt für die rege Bautätigkeit in der Stadt und bringt das Stadthallenprojekt ins Spiel. "Wir wollen als einzige Sängerstadt Deutschlands jeden Chor einmal bei uns begrüßen", sagt er. Sebastian Rudolph, er will CDU-Bürgermeister in Doberlug-Kirchhain werden, spricht über seine Pläne für ein Jugendparlament, seniorengerechtes Wohnen in der Stadt und funktionieren Hot Spots. Michael Oecknick, Bürgermeister von Herzberg, und der Spremberger Bundestagsabgeordnete Klaus-Peter Schulze werben um Unterschriften gegen die Kreisgebietsreform in Brandenburg. Es bleiben kurze Auftritte.

Dann schlägt die Rathausuhr. Pünktlich um 19 Uhr kommt die Kanzlerin auf den Markt. Mit ihr als Überraschungsgast CDU-Generalsekretär Peter Tauber und Ingo Senftleben, der CDU-Vorsitzende in Brandenburg. Zügig geht die Kanzlerin durch die gebildete Gasse. Sie nimmt kein Bad in der Menge. Es schlägt ihr der Lärm von Trillerpfeifen und lauten Sprechchören der Demonstranten entgegen. Transparente wie "Bananenrepublik", "Rote Karte für Merkel", "Schnauze voll", "Grenzen dicht" und "Heimatliebe ist kein Verbrechen" werden in die Höhe gereckt.

"Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben", ist als Wahlspruch auf der Bühne zu lesen. Angela Merkel tippt die Familien- und Bildungspolitik an, erklärt, dass die CDU den Steuerfreibetrag für Kinder dem der Erwachsenen angleichen will, dass es zur Stärkung der Familien mehr Kindergeld geben soll. Sie bekommt lauten Beifall. Zur Sicherheit: Niemand solle Angst um sein Eigentum haben müssen, die Täter müssen gestellt werden, um die Opfer müsse man sich kümmern. Deshalb wird die Zahl der Polizisten erhöht. Sie bekräftigt, dass es richtig war, die vielen Flüchtlinge, Menschen in Not, in Deutschland aufgenommen zu haben. Gelernt habe man aber aus der Flüchtlingskrise, dass man sich nicht genug um die Menschen vor Ort, in ihren Heimatländern gekümmert habe. Es folgt der Passus zur EU mit Meinungs-, Religions- und Pressefreiheit. "Europa ist ein Friedenswerk", betont Angela Merkel und wirbt noch einmal deutlich um Stimmen für die CDU. Michael Stübgen würdigt noch kurz die Leistung von Angela Merkel in den letzten zwölf Jahren. "Wir brauchen Angela Merkel als Bundeskanzlerin und daran werden ein paar Schreihälse nichts ändern", ruft er über den Markt.

Es ist kurz vor 20 Uhr. Vereinzelte "Zugabe"-Rufe vor der Bühne werden nicht aufgegriffen. Bürgermeister Gampe überreicht der Kanzlerin einen Blumenstrauß. Die verlässt den Markt über einen Seitenausgang.

Der Sonnewalder Bürgermeister Werner Busse urteilt: "Eine sehr ansprechende Rede." Der Finsterwalder Handwerker hat bis zum Schluss ausgehalten, aber keine Antwort auf seine Frage zu den Asylanten bekommen. Die Protestierer akzeptiert er. Deren Pfiffe und Sprechchöre während der Rede hält er aber für unanständig. "Das macht man nicht", sagt er. Eine Mutter mit Kindern, erkennbar anderer Nation, wird angemacht: "Na habt‘a schön geklatscht für die Frau? Habt ihr ja bezahlt gekriegt." Entrüstung bei einer nebenstehenden Frau, die das mitbekommt. Die Polizei wirkt wohltuend deeskalierend. Auf dem Heimweg diskutieren viele noch lange, was bei diesem Merkel-Besuch in Finsterwalde abging.

Die Polizei teilt am Abend mit:
Im Veranstaltungsraum zeigten ein 36-Jähriger aus Finsterwalde und ein 39-Jähriger aus dem Landkreis Oberspreewald-Lausitz den Hitlergruß. Gegen die beiden Männer wurde ein Ermittlungsverfahren wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen eingeleitet. Gegen zwei weitere Männer im Alter von 21 und 39 Jahren aus dem Landkreis Oberspreewalde-Lausitz wird wegen Körperverletzung ermittelt. Sie schlugen mit den Fäusten gegen andere Versammlungsteilnehmer.