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Massener Schüler forschen sich bis nach Tschechien

"The Forensics 3.0” vor dem Ortsschild Buschmühle, wo ihre Zeitzeugin lange gelebt hat.
"The Forensics 3.0” vor dem Ortsschild Buschmühle, wo ihre Zeitzeugin lange gelebt hat. FOTO: Christian Rasemann
Massen. An der Grund- und Oberschule Massen wandeln interessierte Jungen und Mädchen seit 2015 auf den Spuren der Geschichte. Sie nennen sich "The Forensics", die Spurensicherer. Am 10. November sind sie zu Gast bei der Finsterwalder Friedensdekade. Heike Lehmann

Mit seinem Ganztagskurs versucht Christian Rasemann, Lehrer unter anderem für Geschichte an der Grund- und Oberschule Massen, Zehntklässler an frühere Zeiten und Ereignisse heranzuführen. Die Schüler begeben sich eigenständig auf Spurensuche, nutzen dabei die modernen Medien, fotografieren, drehen Videos und teilen sich über Facebook und Internet anderen mit. Im Vordergrund stehen Zeitzeugengespräche. Das macht Geschichte für sie greifbar.

Mittlerweile gibt es "The Forensics 3.0". Die dritte Generation sind Paul Haubold, Sascha Hiller, Alex Hirsch, Franziska Krause, Ivan Merkel, Lisa Paulenz und Dennis Reichelt. Sie nehmen mit ihrem Projekt in diesem Jahr an "Zeitensprünge" des Landesjugendrings Brandenburg teil. Dabei setzen sie sich intensiv mit dem Leben von Anni Jagieniak auseinander. Die heute 92-Jährige stammt aus dem Sudetenland. Sehr offen schildert sie, was Vertreibung, Flucht und Neuanfang bedeuten. Nach dem Krieg verschlägt es sie nach Finsterwalde. Jahrzehnte lebte sie in der Region, war 20 Jahre Küchenfrau an der Massener Schule.

Die Schüler wollen den Lebensweg von Anni Jagieniak nachzeichnen. Dafür sind sie nach Buschmühle bei Massen gefahren, wo ihre Zeitzeugin lange Zeit gewohnt hat. Alten Fotos wollen sie aus gleicher Perspektive heutige Aufnahmen gegenüberstellen. Mit Anni Jagieniak sind sie sogar an einem Tag in deren alte Heimat Tschechien, nach Sluk-nov und Rumburg, gefahren. Workshops und Exkursionen vermitteln den Forensics zudem den Umgang mit ganz unterschiedlichen Medien und Techniken der historischen Arbeit. Der Lehrer, selbst erst 27, staunt: "Es ist überraschend, dass die Teilnehmer freiwillig weitere Arbeit investieren, sogar in den Ferien. Sie genießen die lockere und offene Art von Anni Jagieniak und haben trotzdem Wissenszuwachs." Kursteilnehmerin Lisa Paulenz gibt zu, dass sie "Geschichte im Unterricht eher weniger interessiert". Aber die Projektarbeit mache ihr Spaß. Für Paul Haubold war die Fahrt nach Tschechien besonders spannend. Gänsehaut bekam er, als Anni Jagieniak geschildert hat, wie sie eine gesamte Familie vom Großvater erschossen vorfand - auch ihre Freundin.

Sandra Brenner, Projektkoordinatorin "Zeitenprünge" sagt: "Wir haben insgesamt 19 Projekte. Lokale Geschichte am Beispiel einer Person zu erforschen, ist ganz selten."

Eine Art Dokumentarfilm soll jetzt entstehen. Noch vor der Friedensdekade stellen die Massener ihr Video bei den Jugendgeschichtstagen in Potsdam vor. Im Dezember ist die Präsentation vor Anni Jagieniak, deren Familie und weiteren Gästen in der Schule geplant. Und es wird auf jeden Fall weitergehen mit den Forensics. Christian Rasemann hat schon eine Idee für das kommende Schuljahr.

Donnerstag, 10. November, Themenabend mit den Forensics im Keller-Café, Schloßstraße in Finsterwalde