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Marianne Birthlers ´Blick auf das "Halbe Land"

Marianne Birthler liest bei den Finsterwalder Stadtgesprächen.
Marianne Birthler liest bei den Finsterwalder Stadtgesprächen. FOTO: top1
Finsterwalde. Es beeindruckt, wie es Sebastian Schiller gelingt, Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik nach Finsterwalde zu locken, die dann nicht selten über ganz persönliche Befindlichkeiten im wunderlichen Ambiente des Ladens seiner Ururgroßmutter, der Witwe von Adolf Bauer, plaudern. Am Samstag gab es die 28. top1

Auflage der Finsterwalder Stadtgespräche. Zu Gast war Marianne Birthler - Bürgerrechtlerin, Ministerin, Abgeordnete, ehemalige Chefin der Stasi-Unterlagenbehörde und Angela Merkels Wunschkandidatin für das Amt des Bundespräsidenten.

Zu den festen Regeln gehören die kleine Glocke am Anfang, ein Ständchen von Musikschülern - diesmal von Daniel Müller auf dem Akkordeon, Sebastian Schillers rote Fliege zum weißen Hemd und dessen rhetorisch ausgefeilte Begrüßungsrede.

"Erinnerung" war Marianne Birthlers zentrales Thema, so wie der Untertitel zu ihrem Buch "Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben". Treffender als mit Kästners Worten "Die Erinn'rung ist eine mysteriöse Macht und bildet die Menschen um. Wer das, was schön war, vergisst, wird böse. Wer das, was schlimm war, vergißt, wird dumm" hätte Sebastian Schiller seinen Gast nicht begrüßen können.

In der Enge des Raumes wurde es eine echt schweißtreibende Angelegenheit. Doch die zwei Stunden, in denen der Gast las, erzählte, sich erinnerte und Fragen bereitwillig beantwortete, vergingen wie im Fluge. Schnell wurde deutlich, hier saß nicht nur die Politikerin Marianne Birthler, hier saß eine Frau, die was zu sagen hat und nebenbei eine begnadete Vorleserin und Geschichtenerzählerin ist.

Verpackt in einer sehr eigenen und wunderbaren Literatursprache gab es eine Zeitreise durch sechs Jahrzehnte Deutschland. Marianne Birthler gewährte Einblicke, oft sehr private und auch intime, in ihre Kindheit, die Zeit der Bürgerrechtsbewegung und des Widerstands gegen die SED-Diktatur, in ihre Arbeit als Brandenburger Bildungsministerin und wie sie ihre Zeit als "oberste Hüterin" der Millionen Stasi-Unterlagen erlebte. Dabei nahm sie kein Blatt vor den Mund. Auch nicht, als sie freimütig jede Frage beantwortete. "Sind sie vom Westen enttäuscht?", war eine der vielen Fragen. Es kam ein klares "Nein!". "Mein Traum, frei in einem freien Land zu leben hat sich erfüllt. Traurig finde ich nur, dass viele heute diese Freiheit nicht zu schätzen und zu nutzen wissen."

Interessant war ihr Blick auf das "halbe Land", auf die DDR, besonders im Hinblick auf die Staatssicherheit. "Ich bin dafür, dass die Stasiunterlagen zum Weltkulturerbe erklärt werden." Schmunzeln bei den Gästen. "Nein, wirklich. Nirgendwo mehr gibt es so eine Menge an handgeschriebenen Lebensläufen, Liebesbriefen und Alltagsbeschreibungen eines ganzen Volkes. Dabei wird deutlich, die Menschen in der DDR waren kein Volk von Spitzeln, Verrätern und Denunzianten. Im Gegenteil. Normal war es, nicht mit und für die Stasi zu arbeiten."