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| 21:51 Uhr

„Lauf mit Schwimmern“
Marathon-Sehnsucht an der Mauer

Christian Homagk hat ein wichtiges Kapitel Finsterwalder Sportgeschichte in einem Buch festgehalten.
Christian Homagk hat ein wichtiges Kapitel Finsterwalder Sportgeschichte in einem Buch festgehalten. FOTO: Dieter Babbe
Finsterwalde. Ein neues Buch erzählt ein großes Kapitel Finsterwalder Sportgeschichte – über und von Christian Homagk. Von Dieter Babbe

„Ich habe mich immer mit den Großen angelegt“, sagt er über sich. Und er erzählt eine Geschichte: Es war zu Mauer-Zeiten. Der Schwimmer Christian Homagk war längst auch zum Läufer geworden. Es reizte den Finsterwalder, beim populären Berlin-Marathon in Westberlin mitzurennen. Der Lehrer hoffte, mit einer List über die Mauer zu kommen. Seine Tochter und deren Mutter lebten in West-Berlin. Die Tochter war inzwischen im heiratsfähigen Alter. Nur zum Schein bestellte sie das „Aufgebot“, um dem Vater zu helfen, damit in Finsterwalde eine Besuchserlaubnis zu erwirken. Abgelehnt, Homagk galt wohl als potenzieller Republik-Flüchtling. Doch der Sportlehrer ließ sich nicht bremsen, „irgendetwas musste ich gegen meine Enttäuschung tun!“ In stiller Protesthaltung fuhr er dennoch nach Berlin, stieg in Schönefeld vom Zug auf sein Fahrrad um und umrundete den Osten der geteilten Stadt – immer an der Grenze entlang, machte an jedem Grenzübergang Halt und gedachte des Marathons auf der anderen Seite. Schon bald bemerkten die Grenzer das merkwürdige Verhalten des Radlers – in Falkensee, Stolpe, Hohenneuendorf, Pankow wurde er misstrauisch befragt, ermahnt und aufgefordert, weiterzufahren. „Auf diese Weise kamen über 100 Kilometer zustande, meine ganz eigene Marathonrunde um die nahe und doch so ferne Metropole“, schreibt Christian Homagk.

Eine der (Lauf-)Geschichten, die der langjährige Lehrer und Erfinder der Finsterwalder Laufbewegung jetzt in einem Buch festgehalten hat. Sein Titel: „Lauf mit Schwimmern“. Neptun-Schwimmer seien es schließlich gewesen, die das Laufen von einer Trainingseinheit zu einem Massensport qualifiziert haben, unterstützt von anderen Vereinen, wie Aufbau, Motor, Fortschritt, Dynamo und Eska. Auf 118 Seiten wird an traditionsreiche Veranstaltungen, wie das Finsterwalder Dutzend, den Nikolauslauf, viele Triathlons erinnert. Festgehalten sind die Besten-Listen, Athletik-Tabellen und die Namen der „Schnellsten Finsterwalder“ aller Zeiten.

Homagk hat auch etliche Sportler gewinnen können, ihre Erlebnisse und Erinnerungen aufzuschreiben. Und so mancher beschreibt, was ihm das Laufen wert ist und wie der Sport sein Leben verändert hat. Wie Silke Füchsel zum Beispiel – die vom Sportmuffel zum Dauerläufer wurde, als die Lehrerin mit 35 Jahren „seelisch und körperlich völlig am Ende war“, wie sie offen gesteht. Über den ersten 10-Kilometer-Lauf in der Finsterwalder Bürgerheide, die erste Teilnahme am Rennsteiglauf wird das Laufen für Silke Füchsel zu einer gesunden Sucht – auch heute mit 66 Jahren noch.

Die Damian-Brüder schwärmen in dem Buch von ihrer Teilnahme am berühmten New Yorker Marathonlauf, Matthias Brandt beschreibt seinen Gefühlsmix zwischen „völliger Erschöpfung und Glück“, nach einer Laufstrapaze ins Ziel zu kommen. Peter Gabor dankt seinem Lehrer, der es nach schwerer Krankheit geschafft habe, „mich wieder so aufzubauen, dass ich an der Sportschule nachnominiert wurde.“

Und Homagks Frau Marlies gesteht: „Der Dauerlauf hat mich stark gemacht. Ich empfand bei jedem Lauf deutlich die freiwerdenden Kräfte in Kopf und Körper und genoss sie. Sie ließen mich viele Alltagsaufgaben mutiger angehen. Parallel zur Tempo-Leistung im Marathon schien meine Leistungsfähigkeit im Berufsfeld zu wachsen. Jeder Lauf macht den Kopf frei für neue Ideen und für Problembewältigungen und entsorgt Unwichtiges von Wichtigem.“ Dass sie auch an vielen Männern vorbei rannte, habe ihr Selbstwertgefühl gestärkt. Inzwischen läuft Marlies Homagk mit 68 Jahren noch immer jede Woche einen Marathon – allerdings auf sieben Tage verteilt. „Das macht den Kopf frei und reinigt die Seele. Und: Es macht mich sensibel und dankbar für alles Positive in meinem Leben zu sein.“

Der Sports- und Ehemann Christian Homagk musste nach einer Knie-OP zwar mit dem Laufen aufhören, ist aber mit fast 78 Jahren weiter vor allem im Wasser sportlich aktiv: Montags Training mit den Rettungsschwimmern, dienstags Sport mit Kindern, freitags Treff mit Volkssportlern in der Schwimmhalle. Obwohl sich der Erfinder des Finsterwalder Dutzend, das es im nächsten Jahr wieder geben soll, aus der Vorbereitung zurückgezogen hat, feilt Homagk schon an neuen Plänen. Im Jahre 2020 soll im Finsterwalder Nord-Westen wieder ein Städtelauf als Halbmarathon starten, mit Start und Ziel am Fitnessstudio „Fit in“. „Mit dem Betreiber ist schon alles besprochen“, versichert Homagk.

Wer nicht nur einen Überblick über ein wichtiges Kapitel Finsterwalder Sportgeschichte im Bücherregel zu stehen haben, sondern sich vor allem selbst anstecken lassen möchte von „der schönsten Nebensache der Welt“, wie Christian Homagk das Dauerlaufen viele Jahre empfunden hat, der kann das Buch zum Selbstkostenpreis von „einem Dutzend Groschen“ in der Buchhandlung Mayer erwerben. Christian Homagk dankt den Mitherausgebern Renate Poetzsch und Franz Neundorf.