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| 19:09 Uhr

Seltener Moment
Ein Zwillingsturm gibt Geschichte preis

 Eines der ältesten Dokumente aus dem südlichen Kirchturm: eine Preußische Zeitung vom 1. Oktober 1875.
Eines der ältesten Dokumente aus dem südlichen Kirchturm: eine Preußische Zeitung vom 1. Oktober 1875. FOTO: Heike Lehmann
Lugau . Für eine Reparatur ist die Bekrönung des südlichen Lugauer Kirchturms abgenommen worden. Was die Kugel an geschichtlichen Geheimnissen in sich barg, wird jetzt der Öffentlichkeit präsentiert. Von Heike Lehmann

Das älteste Bauwerk in Lugau  ist die 1253 erstmals erwähnte und 1905 restaurierte Dorfkirche. Eine architektonische Besonderheit sind ihre Zwillingstürme. Ein Sturm hatte das Kreuz auf dem südlichen Turm vor geraumer Zeit in Schieflage gebracht. Mit schwerer Krantechnik wurde es samt Kugel vor wenigen Tagen abgenommen. Damit bietet sich die seltene Gelegenheit, einen Blick auf die Dokumente in der Kirchturmkugel zu werfen.

Zwei Hülsen wurden gefunden. Die Mitglieder des Gemeindekirchenrats, Gerd Günther von der unteren Denkmalbehörde des Landkreises Elbe-Elster, Christian Rosenow, Baubeauftragter des Kirchenkreises Niederlausitz, sowie der Ortsvorsteher Dago Krautz haben am Mittwoch schon mal einen Blick darauf geworfen. „Die Berichte sind sehr interessant“, sagt die Vorsitzende Roswitha Dittrich. Neben alten Tageszeitungen steckten in der Kugel auch Münzen und Briefmarken sowie drei Berichte – von 1875, 1905 und 1973. 1875 hatte ein Blitzeinschlag am 5. Juni den nördlichen Turm so „erheblich beschädigt, daß er fast neu gedeckt werden mußte“, berichtet der Pastor. In den Turmknauf habe man vergessen zu schauen. „Da aber aus der Brand-Entschädigungssumme von 282 Thalern noch einiges übrig blieb“, sollte auch der südliche Turm „eine neue Bekleidung erhalten wenigstens an seiner Spitze, damit er nicht gar zu sehr hinter seinem nördlichen Bruder zurücksteht.“ In der südlichen Kugel fand man „nichts als Spinngewebe und Insectennester“. Weshalb die ältesten jetzt präsentierten Dokumente von 1875 sind.

 Eine historische Aufnahme von der Neueindeckung der Lugauer Kirchtürme im Jahr 1973 mit recht abenteuerlich anmutendem Gerüst.
Eine historische Aufnahme von der Neueindeckung der Lugauer Kirchtürme im Jahr 1973 mit recht abenteuerlich anmutendem Gerüst. FOTO: privat

Im Mai 1905 begann nach dreijährigen Verhandlungen der „Wiederherstellungsbau“ der arg in Mitleidenschaft gezogenen Lugauer Kirche. Regierungsbauführer Melchereck wurde dafür nach Dobrilugk geschickt. Er hatte parallel die Wiederaufnahme des im Vorjahr wegen eines Turm-Einsturzes eingestellten Baus der Eichholzer Kirche zu betreuen. Weiter heißt es, dass „die jetzige Form der Türme nicht die ursprüngliche ist“. Diesmal wurde auch in den nördlichen Turmknopf geschaut, wo die wesentlich älteren Dokumente bewahrt waren. Für insgesamt 14 000 Mark – eine Summe, die bei Christian Rosenow Lächeln hervorrief – wurden die Türme 1973 erneut repariert.

Aktuelle Fotos von beiden Kirchendächern zeigen, dass es deutlichen Handlungsbedarf für eine größere Dachsanierung gibt, wie Christian Rosenow erklärt. „Dafür brauchen wir dann aber auch eine größere Summe und die Kirchengemeinde müsste ihren Eigenanteil erbringen“, sagt er. Frühestens 2022 könnte man dies vermutlich einplanen.

Zum jetzigen Zeitpunkt gehe es „nur“ um eine Reparatur des Sturmschadens und finanziell gesehen um einen Versicherungsfall. „Frühestens Ende November werden Kreuz und Turmkugel wieder aufgesetzt“, kann Lothar Müller vom Gemeindekirchenrat jetzt schon sagen.

 Mitglieder vom Gemeindekirchenrat Lugau schauen auf die Dokumente aus den Hülsen der südlichen Kirchturmkugel.
Mitglieder vom Gemeindekirchenrat Lugau schauen auf die Dokumente aus den Hülsen der südlichen Kirchturmkugel. FOTO: Heike Lehmann