Von Albert Kauverin

Als Peter Sodann am Freitag im Refektorium am Schloss Doberlug das Podium betrat, strömte ihm eine Welle der Sympathie entgegen. Sein Name steht im Osten Deutschlands für jemanden, der sich nicht verbiegen lässt und alles, was in seiner Macht steht, unternimmt, um das Gute in der DDR nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, und zwar in Gestalt ihrer Bücher. Dem entsprechend begann er auch seinen Vortrag mit einem Zitat Erich Kästners: „Wer das, was schön war, vergisst, wird böse“.

Es war wie ein Kommentar zur Einleitung von Rainer Bauer aus Bad Liebenwerda, der die Veranstaltung organisiert hat und am Beispiel der gesammelten Werke Voltaires zeigte, wie wichtig die Arbeit der DDR-Verlage gerade bei der Übersetzung von fremdsprachiger schöner Literatur war. Davon profitierten sogar zahlreiche Verlage im Westen, die aus den Lizenzausgaben der DDR ein einträgliches Geschäft machten.

Anschließend erlebten die Teilnehmer einen Peter Sodann, der sie über zwei Stunden in ein Wechselbad der Gefühle tauchte. Während er Gedichte rezitierte, die betroffen machten, in aller Ruhe Texte vortrug, die einem die helle Wut ins Gesicht treiben konnten, oder einfach nur die Schönheit der Literatur in einigen von ihm meisterhaft vorgetragenen Kleinoden vorführte, wurde die Stille im Saal – wie bei einer richtigen Theatervorstellung – nur durch Szenenbeifall unterbrochen.

Den Besuchern dürfte spätestens zu diesem Zeitpunkt klar geworden sein, dass Peter Sodann kein Lehrmeister ist, sondern ein Theaterschaffender wie Voltaire, der Bildung inszeniert, damit man durch Miterleben begreifen lerne.

Er beschloss den Abend mit einem Gedicht von Heinrich Heine, dessen Werk in der DDR fast jedem, der lesen konnte, bekannt war. Auf die über 200 Buchverlage der DDR angesprochen, die fast alle ‚abgewickelt’ wurden und mit ihnen das Lebenswerk Tausender ihrer Mitarbeiter, antwortete Peter Sodann mit dem zweiten Teil des Zitats von Erich Kästner: „Wer das, was schlimm war, vergisst, wird dumm“.

Er erklärte noch, dass seine Bibliothek in Staucha jetzt in eine Genossenschaft umgewandelt wurde, der alle beitreten sollten, die das literarische Erbe der DDR in Form der dort archivierten Bücher – es sind mehrere Hunderttausend – sichern wollen.

Mit Peter Sodann erlebte man weniger einen Vortrag über das Leseland DDR, als vielmehr die Inszenierung des Lesens, wie es mit ihm in der DDR möglich war und auch noch heute sein kann – zumindest an diesem Abend.