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| 01:09 Uhr

Letztes Schulklingeln für Annelore und Helga

Doberlug-Kirchhain.. Als mit der feierlichen Zeugnisübergabe für 41 Schüler der beiden 10. Klassen der Gesamtschule Doberlug ein letzter großer Höhepunkt der gemeinsamen Schulzeit verstrich, galt das auch für zwei ihrer Lehrerinnen, die mit im Refektorium saßen. Annelore Wunderlich und Helga Schinkel, beide 60, gehen in den Vorruhestand. Als Kinder haben sie einst ihr gemeinsames Schulleben begonnen. Von Heike Lehmann

"Wir sind zusammen eingeschult worden", platzt es aus Annelore Wunderlich heraus. In Doberlug war das. Hier lernten Annelore und Helga in einer Klasse, machten noch gemeinsam ihr Abitur und studierten dann erst einmal an verschiedenen Hochschulen. Annelore in Berlin und Helga in Jena. Bevor es sie als Lehrerinnen beide wieder an eine Schule verschlug - an die in Doberlug. Fast vierzig Jahre haben sie hier Schüler der Sekundarstufe I unterrichtet. Annelore Wunderlich in Mathematik und Physik. Helga Schinkel ist eigentlich Biologie- und Chemielehrerin. Das aber hat ihr nie gereicht. Selbst gierig nach Wissen hat sie auch in Naturwissenschaften, Englisch, Arbeitslehre, Zeichnen, Erdkunde und Geschichte den Schülern viel zu vermitteln gewusst. Es hat ihr Spaß gemacht, ein Leben lang dazuzulernen. Biologie aber blieb ihr immer am liebsten.
Beide werden an der Schule sehr fehlen. Das sieht nicht nur Schulleiterin Regina Nowottnick so. "Annelore Wunderlich war seit Jahren meine Stellvertreterin, und wir haben uns prima ergänzt." Immer korrekt habe sie ihre Arbeit gemacht. "In der größten Hektik behielt sie zum Beispiel die Ruhe und den Überblick über den Stundenplan. Dafür wurde sie von allen bewundert", so die Schulleiterin, der auch der Weggang von Helga Schinkel nicht gleichgültig ist. "Sie war eine von denjenigen, die die meiste Arbeit gemacht haben. Und das immer mit voller Kraft."
Helga Schinkel fällt das Aufhören wohl auch ein bisschen schwerer. "Ich bedaure, dass wir nicht in einer Universitätsstadt wohnen. Da gäb's für mich genügend Angebote, dass ich mich noch weiterbilden könnte", überlegt sie. Sie, die aus einer Lehrer- Familie stammt - Vater und beide Großväter waren Lehrer -, kann das Lernen nicht lassen. Ihr Hobby, die Floristik, würde sie zum Beispiel gern vertiefen. Sie hat zwar die ganzen Jahre über schon die Schule ausgestaltet, aber wenn sie könnte, würde sie jetzt noch eine Floristik-Lehre absolvieren. Beide aber haben sich entschlossen, Spanisch zu lernen. Auch Schulleiterin Nowottnick macht mit. Denn auch das Reisen gehört zu ihren Hobbys. Annelore Wunderlich zieht es in die Ferne, die Dominikanische Republik zum Beispiel. Helga Schinkel mag Bildungsreisen - Italien und Griechenland gehören zu ihren Lieblingszielen.
Auch Annelore Wunderlich kehrt „mit einem tränenden und mit einem lachenden Auge“ der Schule den Rücken. "Die Arbeit mit den jungen Menschen, wie sie an der Schule geformt und dann ins Leben entlassen werden, das hat mir immer Spaß gemacht. Ich war gern Lehrerin", sagt sie. Aber die Motivation fiel in jüngster Zeit immer schwerer. "Die Schüler sind das Lernen nicht mehr gewöhnt", sind sich beide einig. Auch die Prüfungen ihrer Zehnt klässler haben bewiesen, dass es große Wissenslücken gibt. Für manchen Schüler eine Ernüchterung. Mahnende Worte sparte die Schulleiterin während ihrer Abschlussrede nicht aus.
Aber auch den Pädagoginnen blieben Ernüchterungen nicht erspart. "Die Stellung des Lehrers hat gelitten, die Anerkennung in der Gesellschaft fehlt manchmal sehr", meinen sie. "Und der Umgangston der Schüler untereinander tut weh." Das Klima an ihrer Gesamtschule aber sei intakt. "Ehrlich und höflich - unsere Schüler wissen, was sich gehört und spüren, wenn es einem mal nicht gut geht", bricht Schulleiterin Nowottnick eine Lanze für ihre Jungen und Mädchen. Nicht zuletzt dieses menschliche Miteinander hat Annelore Wunderlich und Helga Schinkel die Arbeit bis zum heutigen letzten Tag so angenehm gemacht.