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| 14:15 Uhr

5 Minuten Heimatgeschichte
Lehrer Zier musste 130 Schüler unterrichten

Die 1868 eingeweihte Töchterschule (1891).
Die 1868 eingeweihte Töchterschule (1891). FOTO: Rainer Ernst
Finsterwalde. Warum die Finsterwalder Kinder getrennte Schulwege gingen. Von Dr. Rainer Ernst

Nach dem Sängerfest beginnt an der Grundschule Stadtmitte anlässlich des 150. Geburtstages des historischen Hauptgebäudes eine Festwoche. Schüler und Lehrer werden zeigen, dass die älteste Finsterwalder Schule als moderne Bildungseinrichtung zum guten Ruf der Finsterwalder Schullandschaft beiträgt. Eine kleine Ausstellung soll an die Geschichte der Schule erinnern.

Bemühungen der Stadtväter, das Schloss für Schulzwecke zu nutzen, hatten einst keinen Erfolg. Sondern es wurde ein nach den damaligen Maßstäben modernes Schulgebäude auf dem Terrain der heutigen Hauptgeschäftsstelle der Sparkasse errichtet. 1836 wurde es eingeweiht. Jungen und Mädchen besuchten die Schule gemeinsam, allerdings in streng getrennten Klassen. Es gab einen Rektor, aber er verwaltete zwei Schuleinrichtungen: Eine Knaben- und eine Mädchenschule. Bald wurde auch dieses Schulhaus aufgrund der rasanten Entwicklung Finsterwaldes zu klein. So besuchten 1842 insgesamt 899 Kinder die Stadtschule. 465 die Knaben- und 434 die Mädchenschule. Aufgeteilt waren sie in fünf Knaben- und drei Mädchenklassen. Damit ergab sich eine durchschnittliche Klassenfrequenz von 112 Kindern. Die Mädchen und deren Lehrer mussten also besonders unter der Überfüllung leiden. 1857 hatte sich das Bild nicht grundsätzlich geändert. Für die nun fünf Mädchenschulklassen hatte Rektor Stahlberg bei Schuljahresbeginn zu Ostern Klassenfrequenzen von 70, 90, 100, 115, 106 Kindern errechnet.

Die Stadtschule 1891, die bis 1868 Mädchen und Jungen besuchten.
Die Stadtschule 1891, die bis 1868 Mädchen und Jungen besuchten. FOTO: Rainer Ernst

Bei der Enge, die im Schulhause und auch auf dem Schulhof herrschte, war es kaum zu vermeiden, dass Mädchen und Jungen sich begegneten. Gegen den deswegen befürchteten Sittenverfall half nach Ansicht des lokalen Schulinspektors Superintendent Schüttke „freilich nur strenge Zucht“. Die Lehrpläne und die Wochenstundenzahl der Knaben- und der Mädchenschule zeigten einige Unterschiede. So gab es 1857 lediglich fünf Klassenstufen bei den Mädchen, dagegen sechs bei den Jungen. In den oberen Klassen erhielten die Mädchen 26 Unterrichtsstunden, die Jungen aber 30. Französisch und Geometrie wurden den Mädchen im Gegensatz zu den Knaben gar nicht gelehrt. Erstaunlicherweise bot der Lehrplan das Fach weibliche Handarbeiten nicht an, was den neuen Schulinspektor Diakonus Schlobach 1867 arg verwunderte, denn so „wachse eine weibliche Jugend heran, ohne gelernt zu haben, sich selbst einen Strumpf zu stricken oder den Rock auszubessern“. Das trug nach seinem Verständnis „wesentlich zur Verarmung des bettelarmen Proletariats“ bei. Seine Forderung, diese Fertigkeiten zu lehren, konnte er zunächst nicht durchsetzen. Vielleicht scheuten die Stadtväter die damit verbundene Anstellung einer weiblichen Lehrkraft.

Bis Mitte der 60er-Jahre des 19. Jahrhunderts war der Raum- und Lehrermangel für Finsterwalder Schulkinder immer mehr eskaliert. Lehrer Zier klagte 1864 in einem Schreiben an die Schuldeputation, dass bei 130 Jungen in seiner 5. Knabenklasse „die Arbeit keine Lust mehr, sondern eine Last“ sei. Abhelfen konnte nur der Bau einer neuen Schule und die Anstellung weiterer Lehrer. Am 8. Oktober 1868 wurde die in kürzester Zeit errichtete Schule in der heutigen Karl-Marx-Straße eröffnet. Als Töchterschule war sie allein den Mädchen vorbehalten. Das bisherige Schulhaus besuchten nur noch die Jungen.

Quellen: Stadtarchiv Finsterwalde Rep 8, Nr. 228 und Kreisarchiv EE, Bestand Finsterwalde, Nr. 858